Berlin - So richtig konnte es Unions Trainer Urs Fischer auch einen Tag nach dem Derby nicht fassen. Die Niederlage, dieses unnötige, weil durch den Platzverweis für Robert Andrich irgendwie selbst verschuldete 1:3 gegen Hertha BSC, schmerzte allein schon gut genug. Dazu kamen die neuerlichen Ausfälle. Robert Andrich, logisch, wird gesperrt werden für mindestens zwei Spiele nach der Roten Karte. Schlimmer noch - und das drückte arg aufs Gemüt bei den Köpenickern - wog natürlich der Ausfall von Max Kruse für den 1.FC Union

Es war die dritte Minute der Nachspielzeit beim Derby im Olympiastadion (1:3), als das Drama seinen Lauf nahm. Das Spiel war gelaufen, Max Kruse versuchte den Ball noch einmal nach vorne zu treiben, als er ohne Fremdeinwirkung im Rasen hängenblieb. Niklas Stark, der hinter ihm lief, versuchte abzubremsen. Maximal touchierte er den eisernen Angreifer am Gesäß. Aber es war keine böse Absicht des Herthaners zu erkennen. „Die Verletzung von Max ist sehr unglücklich. Nicht wirklich in einer Aktion, wo du denkst, dass du dich verletzt“, zeigte sich Fischer betrübt.

Natürlich sind die Eisernen der 1.FC Union und nicht der 1.FC Kruse. Aber der ehemalige Nationalspieler ist nun einmal ein Unterschiedsspieler. Was seine elf Scorerpunkte – sechs Tore und fünf Vorlagen – statistisch unterstreichen. „Man hat gesehen, dass Max für uns wichtig ist. Er ist dieser Verbindungs-Spieler, der uns gefehlt hat, der mitgeholfen hat, dass wir eine kompakte und gute Organisation haben. Schauen wir mal, wie lange er ausfällt. Wenn er gegen Bayern nicht mitspielen kann, gilt es ihn zu ersetzen“, so der Schweizer Übungsleiter. Am Sonntagabend folgte dann die Gewissheit, dass Kruse gar bis zu acht Wochen ausfällt. Diagnose: Muskelbündelriss.

Union ist personell gebeutelt in dieser Saison. Antony Ujah fehlte von Beginn an, obwohl sein Eingriff im Knie nur kleinerer Natur sein sollte. Neuzugang Keita Endo kam mit blessierter Wadenmuskulatur in Berlin an und die zeigte sich langwierig. Vielleicht auch alles dem Umstellungsproblem von Fernost auf Zentraleuropa geschuldet. Florian Hübner hat immer wieder mit Rückschlägen zu kämpfen, Nico Schlotterbeck ist laut Fischer auf einem guten Weg, aber noch keine Option fürs kommende Wochenende.

Der Finne Joel Pohjanpalo verletzte sich in nationalen Diensten so schwer am Knöchel, dass er erst 2021 zurückkehren wird. Und Christian Gentner – wie Kruse ein Unterschiedsspieler – muss offenbar seiner langjährigen Profikarriere Tribut zollen. Zweimal eine Wadenverletzung, der Körper des 35-Jährigen scheint nicht mehr so zu wollen, wie es dem Schwaben eigentlich lieb wäre. 

Ursachenforschung betreibt man natürlich auch bei den Eisernen. „Es gibt keine Auffälligkeiten bei Verletzungen. Aber es ist wirklich schwierig. Nur das sieht man bei allen Klubs, dass die Verletzungen zunehmen. Da gilt es genauer hinzuschauen, die Überwachung zu steuern und noch mehr Gespräche zu führen. Es ist wichtig, dass du die Seite der Spieler hörst“, so Fischer

Das Thema Überbelastung wollte der Schweizer gar nicht erst anführen. „Dass wir keine Pause hatten, ist neu. Da sammeln wir Erfahrung. Das ist ein neues Gefühl, das kannte ich bislang auch nicht. Aber wir müssen aufpassen, dass wir hier nicht anfangen zu jammern, wenn ich Mannschaften sehe, die international spielen. Die Bayern hatte nie eine Pause, die haben den August durchgespielt“, weiß Fischer. 

Das enthebt ihn aber nicht des Problems, dass er gegen den Rekordmeister tüfteln muss, wer Kruse ersetzen soll. Der ähnlichste Spielertyp – ohne aber die Klasse eines Max Kruse zu haben – in seinen Reihen wäre da Marcus Ingvartsen, der auch gerne hinter einer Spitze agiert. Denkbar wäre auch eine Rückkehr zum Vorjahressystem mit drei Angreifern und einem massiven Zentrum dahinter. So oder so, Fischer muss sich was einfallen lassen.