Berlin-Köpenick - Die Wirte dieser Stadt öffnen ab Freitag wieder ihre außengastronomischen Tore. Im Internet wird man mit allerlei lustigen Filmchen überschwemmt, die einem mehr oder weniger humorvoll näher bringen, dass Berlins Zapfhähne wieder ihr flüssiges Gold in die Gläser fließen lassen. Auch bei König Fußball summt das Publikum leise, aber bestimmt die Melodie von „Football’s Coming Home“ vor sich hin. Denn der Kick, so wie ihn echte Fans lieben, ist an diesem Sonnabend zum Greifen nah. Er kommt nach Hause. Oder steigt wieder in Köpenick. Zumindest beim 1. FC Union, der sein finales Saisonspiel wieder vor Zuschauern austragen kann.

Wenn am Sonnabend um 15.30 Uhr gegen das von Unionseite gern als Marketing-Konstrukt geschmähte RB Leipzig der Ball im Stadion An der Alten Försterei läuft, geht es nicht nur um den möglichen Einzug der Eisernen in die Playoffs zur neu geschaffenen Europa Conference League. Es geht um die Rückkehr der Normalität. Es geht um das Ende der Geisterspiele. Es geht um die Atmosphäre auf den Plätzen, die nur durch die Geräusche von den Rängen wirklich eine ist.

Vorerst zwar nur für 2000 Fans. Also nicht mal ein Zehntel dessen, was das Ballhaus des Ostens eigentlich fassen kann. Aber noch ist Pandemie. Und so wie die Wirte nur draußen bedienen können, haben sich auch die Köpenicker bei diesem behördlicherseits genehmigten Pilotprojekt an Corona bedingte Auflagen zu halten. Nur vollständig Geimpfte, von Covid-19 Genesene oder Menschen, die einen nicht länger als 24 Stunden vorher durchgeführten Negativtest vorweisen können, dürfen rein.

Zuschauer per Losentscheid

Auch die üblichen Hygienemaßnahmen wie 1,5 Meter Abstand oder Maskenpflicht sind natürlich weiterhin zu beachten. Die von Union in weiser Voraussicht betriebene Teststation auf dem Gelände des ehemaligen Lidl-Marktes erleichtert den Fans den unkomplizierten Gang in ihr Wohnzimmer. Entsprechend groß war die Vorfreude beim Anhang der Eisernen. Wer zu den Glücklichen unter den Dauerkarteninhabern gehörte, der beim Losentscheid den Zuschlag bekam, ließ seine Umwelt auch zumeist via Netz daran teilhaben. 

Auch in der Liga wird die Rückkehr des Publikums begrüßt und nichts von Wettbewerbsverzerrung gefaselt. Sogar beim sonnabendlichen Kontrahenten. „Ich finde die Entscheidung top und freue mich darauf, wieder vor Zuschauern spielen zu dürfen. Das ist einfach zehnmal geiler als ohne“, meint Yussuf Poulsen. Florian Scholz, kaufmännischer Leiter Sport bei den Sachsen, pflichtete seinem dänischen Angreifer bei: „Ich bin die leeren Stadien leid. Wenn es am Samstag in Berlin möglich ist, im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben vor Zuschauern zu spielen und dabei die Gesundheit der Menschen gewährleistet wird, ist das für alle eine schöne Sache.“

EISERN Magazin Nr. 3

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Für Edition Nr. 3 konnten wir Christoph Biermann als Autor gewinnen. Der renommierte Journalist gibt Antwort auf die Frage: Wer sind die eigentlich, diese Unioner? Wir haben mit Kapitän Christopher Trimmel gesprochen, der Einblicke in sein Privatleben gibt. Und wir statteten Professor Bernd Wolfarth und seinem Kollegen Clemens Gwinner in der Charité einen Besuch ab. Die beiden beraten Union bei der medizinischen Versorgung der Profis, koordinieren zudem die Corona-Testungen im Verein.

Eine schöne Sache wird es für die 2000 Unionfans auch sein, dass am letzten Spieltag ein Stück Normalität im Stadion Einzug hält. Zwar werden die Köpenicker nicht – wie sonst gern in der Branche am finalen Wettkampftag gepflegt – schon in den Jerseys der kommenden Spielzeit auflaufen. Aber die Verabschiedung von verdienten Recken mit Blumensträußen und überdimensionalen Gemälden wird anders als im Vorjahr zelebriert werden können.

Trimmel verlängert

Es gibt ja einige Akteure, die die Köpenicker verlassen und sich den verdienten Applaus von den Rängen abholen können. Christian Gentner, Florian Hübner oder Christopher Lenz wären da zu nennen. Dazu kommen Stand jetzt auch die zahlreichen Leihspieler wie Taiwo Awoniyi, Nico Schlotterbeck, Joel Pohjanpalo, Loris Karius und Petar Musa.

Nicht aber Christopher Trimmel. Denn da haben die Köpenicker am Donnerstag Neues zu verkünden gehabt. Die Nachricht war von der Fangemeinde lange erwartet, ihr Ausbleiben hatte manchen schon bange werden lassen: Der Vertrag mit Kapitän Christopher Trimmel wurde verlängert. Für den 34-Jährigen geht sein persönlicher Traum in Köpenick, der bislang mit dem Bundesligaaufstieg nebst zweimaligem Klassenerhalt drei Highlights aufzuweisen hatte, in die Verlängerung.

Die Eisernen machten es spannend. Sie triggerten ihre Fans mit der guten Nachricht. Knapp 15 Minuten vor Verkündung der frohen Botschaft twitterten sie ein Bild eines beim Eckstoß bereitliegenden Balles. Ein Hinweis auf die Qualitäten des Österreichers, der mehr als 90 Prozent seiner Vorlagen nach ruhenden Bällen produziert. Beim Anblick dieses Bildes muss bei jedem Unionfan eigentlich automatisch der Capitano der Köpenicker im Kopf erscheinen, der vor der Ausführung noch kurz den Arm hebt.

Highlight Nummer vier wäre für den Burgenländer dann natürlich am Wochenende der Sprung nach Europa, den ein Sieg gegen Leipzig garantiert. Für Trimmel könnte sich da ein Kreis schließen. Er ist ja der Einzige im aktuellen Kader, der weiß, wie es sich anfühlt, die Roten Bullen zu bezwingen. 2014 war es zu Zweitligazeiten: Da brachte Union mit einem 2:1 den Sachsen ihre erste Niederlage im DFL-Bereich bei.