Berliner-Köpenick - Es staunt der Laie und der Fachmann wundert sich. So zu bestaunen vor knapp einer Woche in Wolfsburg, als neutrale Beobachter sich eine Halbzeit lang fragten, wer denn diese Typen in den roten Trikots waren und vor allem, was sie mit den Spielern des 1. FC Union gemacht hätten. Denn der Vortrag der Köpenicker in der Autobauerstadt war von einer grundsätzlichen Abwesenheit dessen gekennzeichnet, was landauf, landab als Union-Tugenden klassifiziert worden war. Daher rieb sich Urs Fischer – seines Zeichens ein anerkannter Sacharbeiter in puncto Fußball – ebenso verwundert wie verärgert die Augen.  

„Erstaunlich, dass wir unsere Basics, die wir sonst in fast jedem Spiel abrufen können, gestern nicht auf den Platz bekamen“, hatte der Schweizer auch am Tag nach dem 0:3 gestaunt und das Ganze eine Woche später immer noch im Hinterkopf. „Das habe ich so noch nicht erlebt, das hat uns selber erstaunt. Aber,“, so der 55-Jährige fast philosophisch, „solche Spiele gibt es.“

Aus der Sicht der Köpenicker sind solche Kicks aber eher die Ausnahme, denn die Regel. Zwei grottenschlechte Auftritte in Folge haben Christopher Trimmel, Max Kruse & Co. eigentlich auch noch nicht in dieser Spielzeit hingelegt. Das macht zuversichtlich. Und daher wollen die Köpenicker am Sonnabend im einstigen Ulrich-Haberland-Stadion (15.30 Uhr/Sky) wieder ein anderes Gesicht zeigen.  „Wir müssen“, so Fischer, „es besser machen als im letzten Spiel. Wir müssen wieder unsere Basics abrufen. Um bei solchen Mannschaften zu punkten, musst du von der ersten bis zur letzten Minute da sein, kannst dir nicht erlauben eine Halbzeit nicht im Spiel zu sein“, so die Erkenntnis des Schweizers vor dem Gastspiel beim Tabellensechsten. 

Andrich vor Comeback

Mit anderen Worten: Die Grundtugenden müssen wieder stimmen, die Ordnung gehalten werden, die Zweikämpfe gesucht und vor allem gefunden werden. Es braucht Mut in der Offensive. Und da kommt nicht nur ihm zupass, dass Mittelfeldabräumer Robert Andrich, der in Wolfsburg schmerzlich vermisst worden war, sich wieder fit zum Dienst meldete. „Er ist zumindest eine Option für den Kader. Andrich konnte alles mitmachen, es sieht sehr gut aus, er hat die Schmerzen im Griff und seine Zehenverletzung hat ihn nicht mehr beeinträchtigt“, baut Fischer auf das Comeback seines Mittelfeldmotors.  

Die „zehe“ Angelegenheit scheint also überwunden. Auch Max Kruse hat seine muskulären Probleme im Oberschenkel überstanden und ist nach einer normalen Übungswoche wieder so weit hergestellt, dass es bei ihm – wie zuletzt bei den Niedersachsen – nicht nur die Bank sein muss. Mit ihm gewinnt das Unionspiel nicht nur an Grundtugenden zurück, sondern es kann auch in Sachen Kreativität und Spielwitz wieder eine Schippe drauflegen. 

Das trifft sich gut, denn Urs Fischer zeigt sich, obwohl sich die Ausgangssituation zwei Spieltage vor Schluss aus Sicht der Köpenicker nicht substanziell verbessert hat, unvermindert ehrgeizig. „Wir haben die Möglichkeit, vielleicht im letzten Spiel noch mal angreifen zu können. Dafür braucht es Punkte“, so der 55-Jährige unmissverständlich. Ein Endspiel gegen Leipzig um Europa wäre nur eine Woche nach dem Spiel und damit am kommenden sowie letzten Spieltag der Saison so ganz nach seinem Geschmack. 

Die Basics müssen stimmen

Und das Rezept dafür – also die Basics – hat er seinen Jungs noch einmal ganz genau eingebläut. „Nach Balleroberungen brauchst du eine Spielfortsetzung und darfst den Ball nicht gleich wieder verlieren. Du musst dich aus Drucksituationen lösen und dann selber etwas machen“, so Fischer.

Damit nicht genug. In der Hinterhand könnte Fischer auch noch ein, zwei Akteure haben, die über einen längeren Zeitraum keine Rolle gespielt haben. Sheraldo Becker fühlt sich laut Selbstauskunft „fit“ und brennt auf einen Einsatz als Joker. „Vielleicht so zwanzig bis dreißig Minuten“, sagt der Niederländer, der zuletzt Ende Januar bei der 1:3-Niederlage in Augsburg auf dem Feld gestanden hatte. 

Auch wenn Fischer bei dem Flügelflitzer dem Braten noch nicht so recht trauen möchte, dafür eher an einen  Einsatz von Liverpool-Leihgabe Taiwo Awoniyi glaubt, wären beide Offensivspieler Kandidaten für ihn und damit ein Gewinn in Sachen Personalauswahl. Denn die Herren Grischa Prömel, Cedric Teuchert, Florian Hübner, Jakob Busk sowie Leon Dajaku – und natürlich der Langzeitausfall Anthony Ujah – sind bis zum Saisonende keine Option mehr.