Berlin - Louis van Gaal hatte in seiner Zeit beim FC Bayern von 2009 bis 2011 höchsten Unterhaltungswert. Er schaffte nicht nur die Grundlagen für das spätere Triple unter Jupp Heynckes, sondern bereicherte die Liga auch mit dem hübschen Bonmot: „Thomas Müller spielt immer.“ 

Eine Regel der Branche, an die sich eigentlich alle Trainer hielten. Die beiden Übungsleiter, die sich dieser Gesetzmäßigkeit verweigerten, wurden mit großen Problemen konfrontiert. Niko Kovac kostete es am Ende den Job bei den Bayern. Bundestrainer Joachim Löws Auswahl präsentiert sich ohne den nach der WM 2018 in Russland aussortierten Müller derzeit in beängstigender Verfassung auf dem alten Kontinent. 

Was das mit dem 1. FC Union zu tun hat? Nun, einiges. Schließlich bekommen es die Eisernen an diesem Sonnabend (15.30 Uhr) bei ihrem Gastspiel in der Fröttmaninger WM-Arena mit dem 31-Jährigen zu tun, dessen Marktwert mit 35 Millionen Euro laut Transfermarkt fast der Hälfte des Markwertes der Köpenicker von 76 Millionen entspricht. Also alles Müller, oder was?

Das kann man so sehen. Da ja beim Rekordmeister mit Robert Lewandowski (Bänderdehnung im Knie) und Serge Gnabry (Corona) zwei eklatant wichtige Offensivkräfte fehlen, richtet sich das Augenmerk automatisch auf den einmal als Raumdeuter charakterisierten Angreifer in Münchner Diensten. 

Es macht Spaß, ihm zuzuschauen.

Urs Fischer über Thomas Müller

Der ist beim FC Bayern ja gegen jeden Gegner für eine Torbeteiligung gut, was 25 Scorerpunkte (10 Tore/15 Assists) in dieser Spielzeit mal wieder hinreichend belegen. Doch es gibt einen schwarzen Fleck auf seiner Weste. Und der heißt ausgerechnet Union. Die Eisernen sind sozusagen der Angstgegner von Müller. In drei Spielen gegen die Eisernen gelang Müller nämlich noch kein einziger Scorerpunkt. Die Köpenicker bilden damit eine ligaweite Ausnahme. Und würden gerne sehen, dass diese Serie Bestand hat.

Was sicherlich nicht ganz einfach wird, wie Trainer Urs Fischer mit dem Hinweis auf das 2:3 der Bayern in der Champions League gegen Paris SG anmerkte. „Er hat gestern wieder einmal unter Beweis gestellt, wie torgefährlich er ist. Er zieht die Mannschaft mit, ist ein großer Kommunikator. Er ist wirklich vorbildlich für die Mannschaft und es macht unheimlichen Spaß, ihm zuzuschauen“, sagt der Schweizer Fußballlehrer.

Es ist genau das, was Fischers Spieler am Sonnabend in München eher nicht haben werden. Lediglich zuzuschauen, wäre gefährlich. Und Spaß haben gegen den Rekordmeister wird man in den 90 Minuten auf dem Platz nur bedingt. Da werden sicherlich wie beim 1:1 im Hinspiel einige Phasen sein, in denen man als Gegner leiden und das nötige Wettkampfglück auf seiner Seite haben muss, um im Angriffswirbel der Bayern nicht unterzugehen.

Die haben, so Fischers deutlicher Hinweis, in den letzten drei Heimspielen 15 Treffer erzielt. Und wie viele Chancen sie sich auch ohne Lewandowski erarbeiten können, da empfiehlt Unions Chefcoach jedem noch einmal das Studium des Königsklassen-Kicks gegen PSG, in dem die Münchner seiner Meinung nach mehr an sich – 31:6 Torschüsse, also Stichwort Effizienz – als am Gegner scheiterten. Fischer traut ihnen das Weiterkommen übrigens dennoch zu. „Wenn sie noch mal so auftreten im Rückspiel in Paris, glaube ich nicht, dass sie zweimal hintereinander so ineffizient auftreten. Das ist noch nicht entschieden“, meinte der 55-Jährige.

Auch nicht entschieden ist seiner Meinung nach der Ausgang des Spiels am Sonnabend, Auch wenn die Ausgangslage klar ist. „Wir freuen uns auf die Aufgabe. Aber wir wissen auch, dass wir einen perfekten Tag benötigen und sie eben nicht ihren besten Tag haben dürfen“, sagt Fischer gewohnt sachlich.

Ein wenig Zuversicht schöpft er natürlich auch aus dem 1:1 im Hinspiel. Das sollte in den Köpfen der Eisernen eine Rolle spielen, damit man nicht wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange erstarrt. „Ich glaube schon, dass uns das auch hilft, zu wissen, dass wir nahe dran waren. Die Mischung aus Offensive und Defensive hat gepasst. Wir haben nicht viel zugelassen, kamen selber in Räume und waren sehr solidarisch im Defensivdenken“, beschreibt Fischer das Rezept für eine weitere Überraschung.

Bliebe am Ende nur noch eins hinzuzufügen: Es stimmt zwar, das Thomas Müller in der Bundesliga gegen Union noch keinen Scorerpunkt gemacht hat. Getroffen hat er aber schon gegen die Eisernen. Sogar in einem Pflichtspiel! Beim Drittliga-Auftakt 2008, als er mit der Bayernreserve die Elf von Uwe Neuhaus 2:1 bezwang. Übrigens in einer Zeit vor van Gaal bei den Bayern.