Berlin-Köpenick - Es war eine harte Woche für André Hofschneider. Der Cheftrainer des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) des 1. FC Union sah sich ab Montag schwerwiegenden Vorwürfen ausgesetzt. Eine Recherche von Buzzfeed News bei ehemaligen Spielern des NLZ, die am Dienstag veröffentlicht wurde, warf ihm strukturellen Rassismus gegenüber Spielern mit türkischem oder arabischem Migrationshintergrund vor, Ungerechtigkeit gegenüber den jugendlichen Nachwuchsspielern und ein Verhalten, das Eltern der ehemaligen Jugendspieler dazu veranlasste, ihn als „Diktator“ zu bezeichnen. Bereits am Montag waren die Eisernen nach den schweren Vorwürfen in die Offensive gegangen und hatten die Fragen der Journalisten, sowie die Antworten des Klubs, zusammen mit einer Stellungnahme, veröffentlicht.

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Dennoch war die öffentliche Wahrnehmung der Recherche verheerend. Zahlreiche Journalisten und Fußballfans teilten sie in den sozialen Netzwerken, nahmen die Vorwürfe als gegeben hin und ließen die Unschuldsvermutung komplett außer Acht. Auch deshalb entschied sich Hofschneider am Donnerstag, sich zu den Vorwürfen zu äußern.

„Ich möchte, dass die Dinge, die uns im NLZ und mir persönlich vorgeworfen werden, professionell und objektiv betrachtet werden“, erklärte er. Anderthalb Stunden nahm er sich dann Zeit, um ruhig und differenziert die Fragen zu beantworten, die zuvor suggestiv und einseitig gestellt worden waren. Dabei betonte er von Anfang an: „Mir geht es nicht um Sympathie oder Mitgefühl. Doch hier geht es nicht nur um mich. Es wurden Mitarbeiter des NLZ beschuldigt, die sich jetzt Gedanken machen, ob die Vorwürfe, die geäußert wurden, hervorgeholt werden, wenn sie sich irgendwann mal bei einem anderen Arbeitgeber bewerben. Es ist schwer, sich gegen eine solche Vorverurteilung zu wehren.“

Im NLZ des 1. FC Union werde, so Hofschneider, wie in allen anderen NLZ in Deutschland großen Wert auf Professionalität gelegt. Denn auch wenn im Schnitt nur einer von 80 A-Jugendspielern den Sprung in einen Profikader schaffe, bereiten die Eisernen all ihre Nachwuchsspieler auf dieses große Ziel vor. Der 50-Jährige nannte konkrete Beispiele von Spielern, die in der Vergangenheit den Verein verlassen mussten, weil sie die dafür notwendige Professionalität nicht an den Tag gelegt hatten: „Wir hatten Spieler im NLZ, die nicht mehr zur Schule gegangen sind. Spieler, die nicht zur Reha gegangen sind, weil sie offenbar der Meinung waren, ihre Verletzungen heilen von alleine. Spieler, die in der Nacht vor dem Spiel bis fünf oder sechs Uhr morgens NBA oder NFL geschaut haben.“

„Es ist doch Unsinn, so etwas einfach in den Raum zu werfen“

Auf die Rassismus-Vorwürfe, die vor allem von der Statistik untermauert werden sollten, dass die Zahl von türkisch- oder arabischstämmigen Nachwuchsspielern beim 1. FC Union unter Hofschneider von 40 auf 10 Prozent gesunken sei, erwiderte er: „Bis ich den Vorwurf gesehen habe, habe ich mich mit diesen Zahlen ehrlich gesagt nie beschäftigt. Ich will gewinnen. Die Trainer im NLZ wollen gewinnen. Wir alle wollen die besten Spieler auf den Platz bringen. Und da ist es völlig egal, welche Religion, Herkunft, Haut- oder Haarfarbe sie haben.“ Vorgeworfen wurde Hofschneider auch, dass er „eine Affinität für deutsche Spieler“ habe. „Wie soll ich eine solche subjektive Aussage widerlegen? Es ist doch Unsinn, so etwas einfach in den Raum zu werfen“, entgegnete er darauf.

Ebenso ärgerte er sich über den Vorwurf, er und seine Trainer hätten Spieler ungerecht behandelt, weil sie sie telefonisch und nicht persönlich aus dem Verein verabschiedet haben. „Wir haben eine Pandemie, zum Zeitpunkt der Verabschiedungen waren persönliche Treffen gar nicht erlaubt. Uns wird das jetzt als Respektlosigkeit vorgeworfen. Für mich ist das flacher Journalismus.“

Der 50-Jährige gab aber auch Fehler zu: „Natürlich passieren im täglichen Umgang miteinander auch mal Fehler. Niemand ist perfekt. Aber das passiert niemals mutwillig oder mit Vorsatz, wie es uns vorgeworfen wurde. Das schiebe ich weit von uns!“

Abschließend erklärte Hofschneider: „Ich hätte mir gewünscht, dass man Zusammenhänge, die ich erklärt habe und die einfach zu recherchieren sind, mit einbezogen hätte und dass dann auch die Unschuldsvermutung greift und nicht gesagt wird: Da muss ja was dran sein. Und ich denke, dass wir dem Kampf gegen Rassismus, der unglaublich wichtig ist, mit diesen Vorwürfen, wir würden türkisch- und arabischstämmige Spieler strukturell benachteiligen, eher schaden. Denn sie sind haltlos.“

Lesen Sie das gesamte Interview mit André Hofschneider in der Berliner Zeitung am Wochenende und hier.

Berlin-Köpenick - Es war eine harte Woche für André Hofschneider. Der Cheftrainer des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) des 1. FC Union sah sich ab Montag schwerwiegenden Vorwürfen ausgesetzt. Eine Recherche von Buzzfeed News bei ehemaligen Spielern des NLZ, die am Dienstag veröffentlicht wurde, warf ihm strukturellen Rassismus gegenüber Spielern mit türkischem oder arabischem Migrationshintergrund vor, Ungerechtigkeit gegenüber den jugendlichen Nachwuchsspielern und ein Verhalten, das Eltern der ehemaligen Jugendspieler dazu veranlasste, ihn als „Diktator“ zu bezeichnen. Bereits am Montag waren die Eisernen nach den schweren Vorwürfen in die Offensive gegangen und hatten die Fragen der Journalisten, sowie die Antworten des Klubs, zusammen mit einer Stellungnahme, veröffentlicht.

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