Berlin-KöpenickKeine fünf Minuten dauert es, dann beendet Andreas Luthe die Torwartdiskussion beim 1. FC Union. Nicht etwa mit einer krachenden Kampfansage an seinen Torwart-Kollegen, den vom FC Liverpool ausgeliehenen Loris Karius. Nicht mit einem markigen Spruch à la „Ich bin und bleibe die Nummer eins in Köpenick“. Der 33-Jährige hält nichts von diesem Gebaren. Er sieht seinen Status als Stammtorhüter als eben genau das – als Status, nicht als Anspruch oder gar als Dauerzustand. „Mir ist es wichtig, Leistung zu bringen, der Mannschaft zu helfen“, sagt er. „Ich möchte den Spielern vor mir mit Ruhe und Souveränität zeigen, dass sie sich auf mich verlassen und mir vertrauen können.“

Man spürt, dass der in Velbert im Ruhrgebiet geborene Luthe die Worte so meint, wie er sie sagt. Er strahlt eine Aufrichtigkeit aus, die im Profifußball selten ist. Wo man nachfragt, ob beim FC Augsburg oder beim VfL Bochum, findet niemand ein schlechtes Wort über den Torwart. Den VfL trägt er selbst bis heute im Herzen. „Ich bin mit sechs Jahren zum ersten Mal mit meinem Vater im Stadion in Bochum gewesen“, erinnert er sich mit einem verträumten Grinsen, „ein Bundesligaspiel gegen Duisburg war das.“ Acht Jahre später, mit 14, wechselt er in die Jugend des Vereins, spielt später für die zweite Mannschaft und beginnt nach seinem Abitur ein Betriebswirtschaftsstudium, später noch ein Studium der Wirtschaftspsychologie, die er beide abschließt. „Ich war bereits an der Uni, als ich noch gar kein Profifußballer war“, erklärt er seine beachtliche akademische Vita.

Erst mit 21 wechselt er in die Profimannschaft der Bochumer, wird später Leistungsträger und sogar Kapitän des Teams, das er so liebt. Nach 15 Jahren und 169 Profieinsätzen beim VfL nutzt er schließlich die Chance, beim FC Augsburg noch einmal in der Bundesliga zu spielen. In vier Jahren bestreitet er allerdings nur 31 Spiele, zehn davon allein im unruhigen vergangenen Jahr. „Ich habe in Augsburg im Training und in den Einsätzen mein Bestes gegeben und hatte da gute Jahre“, erinnert er sich ohne Groll.

Dass er nun noch einmal den Schritt nach Köpenick gewagt hat, liegt vor allem am Vertrauen, das ihm Unions Trainer Urs Fischer, Torwarttrainer Michael Gspurning und Sportchef Oliver Ruhnert von Anfang an gegeben haben. „Auch die Kommunikation war entscheidend. Sie haben mir klar und deutlich gesagt, was von mir verlangt wird, aber auch, was sie an mir schätzen.“ Anders, als er in einem früheren Interview zitiert wurde, hat es ihn nicht überrascht, dass in Loris Karius kurz vor Transferschluss noch ein weiterer Torhüter an die Alte Försterei geholt wurde. „Überrascht hat mich damals eher, dass man einen Spieler von Loris’ Format vom 1. FC Union überzeugen konnte. Ebenso wie Max Kruse“, berichtigt er.

Über die Verpflichtung von Karius sei er von Anfang an informiert gewesen. „Direkt nach dem Spiel in Mönchengladbach ist Oliver Ruhnert auf mich zugekommen und hat mir erklärt, dass wir die Möglichkeit haben, Loris auszuleihen.“ Eine Nachricht, die ihn keinesfalls beunruhigt hat: „Ich habe mich stark gefühlt, weil wir zuvor zwei ordentliche Spiele gemacht haben, und hatte eigentlich ein sehr gutes Gefühl.“ Überhaupt sieht Luthe den Konkurrenzkampf mit dem jüngeren, aber durchaus erfahrenen Torwart positiv. Ebenso wie die Tatsache, dass man ihm nach Karius’ Verpflichtung nicht unbedingt zugetraut hat, weiterhin Unions Stammtorwart zu sein. „Ich werde lieber unterschätzt als überschätzt“, sagt er grinsend.

Wichtiger Mentor für Lennart Moser

Unterschätzen sollte man in diesem Zusammenhang jedoch nicht, welchen Wert Luthe auch zwischenmenschlich für das Team hat. Beim Training kümmert er sich auch um Unions talentierten Nachwuchskeeper Lennart Moser, der im Vorjahr erst zu Regionalligist Energie Cottbus und dann zum belgischen Erstligisten Cercle Brügge verliehen war. „Ich habe eine sehr hohe Meinung von Lennart. Er bringt alles mit, um ein Bundesliga-Torwart zu werden, und ich stehe ihm zur Seite, so gut ich kann, und versuche, ihm zu helfen.“

Auch hier versteht Luthe seine Rolle im Team nicht als Einzelkönner, was für einen Torwart nicht ungewöhnlich wäre, sondern bringt sich so gut er kann ins Team ein, strahlt gleichsam Demut und Zielstrebigkeit aus und ist mit seiner offenen Art einer dieser Spieler, die sich Fans für ihren Klub stets wünschen. Spieler, die den Mund aufmachen, nach vorne gehen und für sich und ihr Team einstehen, die sich und ihr Ego dabei aber nie überhöhen und für die am Ende nur die Mannschaft zählt.

Wenn Luthe also im Spiel oder im Training nicht seine bestmögliche Leistung zeigt oder Loris Karius – oder einer der beiden anderen Torhüter – dem Team für den Moment einfach besser helfen kann, so wäre der 33-Jährige auch zufrieden. Es gibt keine Torwartdiskussion beim 1. FC Union. Sondern nur Andreas Luthe, Loris Karius, Lennart Moser und Jakob Busk. Im Moment hat Luthe die Nase vorn.