Berlin-Köpenick - Der 1. FC Union kann nicht ohne Rafal Gikiewicz. Das glaubte zumindest so mancher Experte im Sommer 2020, als der Pole, der die Eisernen mit seinen unzähligen Paraden zum Aufstieg gefaustet hatte, erklärte, die Köpenicker zu verlassen. Das glaubte der so extrovertierte wie selbstbewusste 33-Jährige womöglich sogar selbst, als er bei der Ankunft von Trainingsgast Alexander Brunst und kurz vor der Verpflichtungen von Andreas Luthe auf Twitter spöttisch nachhakte, ob da denn noch ein weiterer Torhüter kommen würde? Ein halbes Jahr später ist klar: Die Eisernen können sehr gut ohne Gikiewicz, der seinen Wechsel nach Augsburg allerdings auch nicht bereut haben dürfte.

Denn auch vor dem Rückrundenauftakt gegen die alten Kollegen (Sonnabend, 15.30 Uhr) ist der gebürtige Olsztyner statistisch einer der besten Torhüter der Bundesliga. Von allen Stammtorhütern hat Gikiewicz, gemeinsam mit Wolfsburgs Koen Casteels, die zweitbeste Quote bei abgewehrten Schüssen (70,5 Prozent), ist mit 26 Gegentoren und vier Zu-Null-Spielen im gehobenen Liga-Mittelfeld. Mit „Giki“ sind die Augsburger nach Jahren der Rotation im Tor endlich wieder stabil, der Ex-Unioner bestritt alle 17 Ligaspiele und belegt mit dem Abstiegskandidaten der vergangenen Saison derzeit einen soliden zwölften Platz.

„Gegen den FC Bayern hätten sie auf jeden Fall einen Punkt verdient gehabt“, lobte deshalb auch Unions Trainer Urs Fischer die jüngsten Leistungen der Hausherren, die unter der Woche nur knapp mit 0:1 beim Rekordmeister verloren hatten. Augsburg hat eine gewisse Stabilität gefunden, die nach der wilden Vorsaison dringend benötigt wurde. Auch ein Verdienst des ehemaligen Unioners.

Luthe ist unauffälliger – aber statistisch nicht schlechter als Gikiewicz

Doch auch die Köpenicker haben in den vergangenen Monaten den nächsten Schritt gemacht. Und mit dem im Gegenzug zu Gikiewicz aus Augsburg gekommenen Andreas Luthe einen Nachfolger für den Aufstiegshelden verpflichtet, der vielleicht weniger spektakuläre Aktionen und Zitate liefert, gleichsam aber von Anfang an bestens zu den Eisernen gepasst hat. Verzweifelte Fischer in der Vergangenheit gelegentlich an der aufbrausenden, ehrgeizigen und auch unberechenbaren Art des Polen, so strahlt Luthe die Ruhe aus, die seine Vorderleute benötigen, um sich im neuen Spielstil der Eisernen immer häufiger auch offensiv zu betätigen.

Dafür kann sich der ebenfalls 33-Jährige ganz auf die klassischen Aufgaben des Torwartspiels konzentrieren. Ganze zwei Meter steht Luthe im Schnitt näher am Tor als Gikiewicz, schlug im Schnitt in jeder Passkategorie deutlich weniger Pässe als sein Vorgänger. Dabei ist der frühere Bochumer allerdings keinesfalls unwichtig für das Spiel der Eisernen. Im Gegenteil: In den Torhüter-Kernstatistiken muss sich Luthe keinesfalls vor Gikiewicz verstecken. Als eiserne Nummer eins hielt er seinen Kasten ebenfalls viermal sauber, reiht sich zudem bei den abgewehrten Schüssen (68,2 Prozent) direkt hinter Casteels und Gikiewicz ligaweit auf Rang vier ein. Zudem kassierte Luthe im gleichen Zeitraum fünf Gegentore weniger.

Vor allem auf der Linie hat Unions Stammtorhüter ganz offensichtlich seine Stärken, sicherte den Köpenickern mit unzähligen späten Paraden so manchen Punkt und entschärfte somit schnell die leisen Fragen zu Saisonbeginn, ob er denn ein „würdiger“ Nachfolger für Gikiewicz sein könne. Im Rückblick scheint es, als wäre der Tausch für alle Beteiligten ein echter Gewinn gewesen. Schön, wenn so etwas mal im Fußball passiert.

Und vielleicht ließ es sich Gikiewicz auch deshalb nicht nehmen, im Vorlauf der Begegnung am Sonnabend noch einmal aktiv auf seine Zeit bei den Eisernen zurückzublicken. Trainer Urs Fischer bezeichnete er als „besten Transfer, den Union in den vergangenen Jahren getätigt hat“ und die Ex-Kollegen besuchte er sogar in ihrem Mannschaftshotel in Augsburg. Ein bisschen hat er, der sich das Logo des Klubs nach dem Aufstieg als Tattoo für die Ewigkeit auf die Haut stechen lassen hat, die Eisernen doch noch im Herzen. Auch wenn die eben auch ohne ihn ziemlich gut zurechtkommen.