Berlin-Köpenick - Kennen Sie Nanny McPhee? Die Protagonistin aus den Kinofilmen „Eine zauberhafte Nanny“, gespielt und produziert von der fantastischen Emma Thompson? Colin Firth als alleinerziehender, völlig überforderter Vater von sieben Sprösslingen, die ein Kindermädchen nach dem anderen verschleißen, ehe Nanny McPhee endlich Ordnung in die Familie bringt und dabei folgenden Satz prägt: „Wenn ihr mich braucht, aber nicht wollt, dann muss ich bleiben; wenn ihr mich aber wollt, aber nicht mehr braucht, dann muss ich gehen.“ Besser lässt sich die Rolle, die Christian Gentner in den vergangenen zwei Jahren beim 1. FC Union spielte, nicht beschreiben. Für die Eisernen war er der Türöffner in die Bundesliga. Nach dieser Saison wird er den Verein nun aber verlassen. „Das ist der richtige Moment nach zwei Jahren“, sagte Gentner, für den die Pandemiezeit verbunden mit der Trennung von der Familie „als Familienmensch eine schwierige Phase“ ist. Offen ließ Gentner auch, ob es auf oder neben dem Rasen weitergehen werde.

Als ehemaliger Profi des VfB Stuttgart war er Teil der Mannschaft, die Union im Frühsommer 2019 in den Relegationsspielen in die zweite Bundesliga verbannt hatte. Ein Team, das noch nicht viel mit dem hochtalentierten VfB der heutigen Tage zu tun hatte. Alternde Ex-Nationalspieler wie Mario Gómez, Andreas Beck, Dennis Aogo und Holger Badstuber hatten sich nach Meinung der Stuttgarter Fans zu oft zu lustlos gegen den drohenden Abstieg gestemmt, der nach dem 0:0 im Stadion An der Alten Försterei schließlich besiegelt wurde. Wie geprügelte Hunde schlichen die einstigen Größen vom Rasen, so auch Gentner, dessen Vertrag in der Folge nicht mehr verlängert wurde. Man wolle die Schlüsselpositionen des Teams nach dem Abstieg neu besetzen, hieß es aus Stuttgart.

Seine Zeit ist vorbei, oder?

Dass Gentner wenige Wochen später ausgerechnet das Trikot des 1. FC Union überstreifte, sorgte damals durchaus für hochgezogene Augenbrauen. Auf seiner Position hatte Gentners junger schwäbischer „Landsmann“ Grischa Prömel gerade die beste Saison seiner bisherigen Karriere gespielt, offensiv hatten die Eisernen das Team bereits mit Marcus Ingvartsen und dem damals hochgelobten Julius Kade aufgestockt, defensiv war man mit Manuel Schmiedebach, Felix Kroos und dem in der Vorbereitung bereits mutig aufspielenden Robert Andrich ebenfalls bestens bestückt. Gentners Erfahrung aus Bundesliga, Champions League, Europa League und fünf Einsätzen für die Nationalmannschaft war unbestritten, aber seine Zeit vorbei. Oder?

Sie war es nicht. Und Gentner, der nach seinem Abgang in Stuttgart von Vorstandsmitglied Thomas Hitzlsperger bereits eine Rolle im Klub, den er so liebt, zugesichert bekommen hatte, fand in der Wuhlheide spät in seiner Karriere noch einmal eine neue sportliche Heimat. Vom ersten Tag an war der Routinier so etwas wie der „elder statesman“ des Teams, derjenige, der mit seiner Erfahrung stets Ansprechpartner und Vertrauter war, und sich dabei doch nie als Kopf der Mannschaft inszenierte. Während der zeitgleich verpflichtete Neven Subotic immer ein wenig über den Dingen - und dem Verein - zu schweben und in seinem Jahr in Köpenick nie richtig anzukommen schien, blieb Gentner stets im Hintergrund. Er nahm für sich nicht in Anspruch, den 1. FC Union verstehen oder gar prägen zu wollen, sondern begegnete nicht nur seinen Mitspielern, sondern auch den Mitarbeitern und Fans der Eisernen mit dem Respekt eines begeisterten und gelegentlich auch beeindruckten Mitstreiters. Er ließ sich vom Eisernen Virus anstecken. 

Der Allzweckkleber

Und natürlich war er auch sportlich eine Bereicherung. Grischa Prömel machte er sich bereits im ersten Trainingslager zum Partner und ersetzte ihn dann, als der Youngster verletzt ausfiel. Dafür hielt er Robert Andrich den Rücken frei, der sich so von einem ordentlichen Zweitligakicker zu einem der vielseitigsten Mittelfeldspieler der Bundesliga entwickelte. Auf dem Feld war Genter der Allzweckkleber, der offensiv und defensiv das System zusammenhielt und in der systemfluiden Situation seine Routine und sein Stellungsspiel in den Ring warf, um die erforderliche Struktur, auch wenn sie noch so gering war, aufrechtzuerhalten. Sein Pfund: Gentner musste niemandem mehr etwas beweisen. Vor allem im ersten Bundesliga-Jahr war jedes Spiel ein Bonus - nicht nur für die Eisernen, sondern auch für ihn, dessen Karriere auch hätte vorbei sein können. Er konnte unbefangen und frei aufspielen, und hätte es jemals Grund zur Kritik gegeben, hätte er sie sich nicht zu Herzen nehmen müssen.

Wie Emma Thompson als Nanny McPhee Colin Firths sieben Kindern half, ihr kleines Leben mit Freude und Respekt auf die Reihe zu bekommen, half Christian Gentner den Eisernen, sich in der Bundesliga zu etablieren. Wenn er den Klub nach Saisonende verlässt, hinterlässt er ein Team, das bestens ohne ihn klarkommt, ihn aber mit Sicherheit noch gerne behalten hätte. „Wenn ihr mich braucht, aber nicht wollt, dann muss ich bleiben; wenn ihr mich aber wollt, aber nicht mehr braucht, dann muss ich gehen.“