Berlin-Köpenick - Er würde es nicht offen zugeben, wenn man Christopher Trimmel fragen würde, ob er sein erstes Bundesligator herbeigesehnt hat. Der Kapitän des 1. FC Union würde, so wie erst kürzlich, sagen, dass er als Verteidiger vor allem für das Verhindern von Toren, gelegentlich auch für das Vorbereiten von Treffern zuständig sei und das Toreschießen bestenfalls ein Sahnehäubchen wäre. Doch der Österreicher wollte dieses Tor. So sehr, dass er in der 67. Minute der Partie zwischen den Eisernen und dem 1. FC Köln seinen ganzen Körper in diesen einen Schuss steckte und einfach draufhielt – unhaltbar für Kölns Torwart Timo Horn und unhaltbar für alle, die glauben, dass Träume nicht wahr werden können.

Der 34-Jährige ist ein Unikat. Keiner, der in einer der namhaften Jugendakademien des europäischen Fußballs ausgebildet wurde. Keiner, der bereits mit 19 Jahren auf dem Sprung in den Profifußball war. Mit 19 wechselte Trimmel gerade vom UFC Mannersdorf zum ASK Horitschon in die viertklassige Burgenlandliga, debütierte erst 2009 für einen Klub, den man nicht erst auf der Landkarte suchen muss: Rapid Wien, für dessen zweite Mannschaft er bereits im Jahr davor aufgelaufen war. Bei Rapid wurde er vom Spätzünder zum Vizekapitän, ehe er im Alter von 27 den Schritt wagte, zu den Eisernen ins Ausland zu gehen.

Hätte jemand „Trimmi“ damals offenbart, dass seine Reise jetzt erst richtig Fahrt aufnehmen würde, hätte er das vielleicht kaum glauben können. Der Rechtsverteidiger etablierte sich in Köpenick als Kapitän, wurde erstmals seit neun (!) Jahren wieder in die österreichische Nationalmannschaft berufen, stieg auf, spielte mit 32 Jahren plötzlich Bundesliga, mauserte sich zu einem der besten Flankengeber der Liga – und erzielte nun schließlich sein erstes Tor in einer europäischen Topliga.

Und dann auch noch so ein wichtiges: Minutenlang drängten die Eisernen gegen den „Effzeh“ auf ein Tor, doch stattdessen gingen die Gäste zunächst in Führung. Jonas Hector drehte sich in einen Zweikampf mit Robin Knoche hinein, nahm den Kontakt gerne mit und Schiedsrichter Deniz Aytekin entschied zur Überraschung der Eisernen tatsächlich auf Elfmeter, den Ex-Herthaner Ondrej Duda verwandelte (45.).

Doch schon kurz nach Wiederanpfiff glichen die Hausherren ebenfalls durch einen Elfmeter aus. Bei einer Flanke von Julian Ryerson klatschte der Ball an den nicht angewinkelten Arm von Marius Wolf, ebenfalls früher in Diensten von Hertha BSC, und Aytekin zeigte erneut auf den Punkt. Max Kruse verwandelte gewohnt sicher zum Ausgleich (48.).

Großartige Vorarbeit von Julian Ryerson

Dann kam auch schon fast der große Auftritt von Christopher Trimmel, dem jedoch zunächst der große Auftritt von Ryerson bevorstand. Denn ausgerechnet der Norweger, der als Back-up für den Kapitän in der Vergangenheit immer ein wenig im Schatten gestanden hatte, nutzte seine zweite Chance auf der linken Seite so nachdrücklich, dass er das historische Tor von Trimmel auflegte, nachdem er sich allein gegen drei Kölner durchgebissen hatte. Der eingewechselte Marcus Ingvartsen zog seine Gegenspieler darüber hinaus so geschickt aus der Gefahrenzone, dass Trimmel fast schon unbedrängt Schwung nehmen konnte und den Ball aus rund elf Meter ins Netz wuchtete. Klassenerhalt mit aller Gewalt, weil Trimmels 2:1 gleichsam den Sieg der Eisernen gegen den Kontrahenten aus der Domstadt und somit auch die Punkte 36, 37 und 38 im Kampf um den Ligaverbleib besorgte, der schon am kommenden Sonnabend gegen Eintracht Frankfurt auch rechnerisch besiegelt werden kann. Acht Spieltage vor Saisonende!

Auch das ist so ein Traum, den vor der angeblich so schweren zweiten Saison keiner in Köpenick zu träumen gewagt hatte und den Trimmel mit seinem Premierentreffer schon fast wahr gemacht hat. Der Routinier scherzt oft, dass er immer besser wird, weil er erst so spät Profi geworden und nie ernste Verletzungen erlitten hat. Was er dabei aber unterschlägt, ist die harte und ehrliche Arbeit, die ihn zu diesem Tor geführt hat. Die unzähligen Freistoß- und Eckball-Assists zuvor, die er in Sonderschichten nach dem Training geübt hat. Am Sonnabend hat sich das alles bezahlt gemacht – und Träume wahr werden lassen.