Das Erfolgsrezept bei Union Berlin heißt: Der Kopf steuert die Füße

Das Zauberwort für den Höhenflug des 1. FC Union heißt Mentalität. Ein Spieler des heutigen Gegners aus Leverkusen kennt sich damit besonders gut aus: Robert Andrich.

Leverkusens Robert Andrich springt beim Abschlusstraining über Stangen.
Leverkusens Robert Andrich springt beim Abschlusstraining über Stangen.dpa/Marius Becker

Mentalität schlägt Qualität. Immer wieder, wenn ein Außenseiter mit viel Kampfgeist und noch mehr Herz einem Branchenriesen einen überzieht, macht dieser Spruch die Runde. Dabei kommt er gar nicht von Sepp Herberger, dem nahezu alle Fußballweisheiten angedichtet werden. Das Erfolgsrezept des früheren Bundestrainers hieß eher: Elf Freunde müsst ihr sein. Darüber wurden sogar Bücher geschrieben, von denen eines, ein Jahr nach dem „Wunder von Bern“ erschienen, ein Bestseller wurde.

Obwohl: Mentalität und elf Freunde – ist das nicht irgendwie dasselbe? Schließlich geht es um den gleichen Geist, den unbändigen Willen, die unbedingte Gemeinsamkeit, die ähnlichen Gedanken und sportlich den gleichen Herzschlag.

Geht es um all das, dann scheint es, als sei der 1. FC Union derzeit in Deutschland das Maß der Dinge. Die Eisernen haben mit Frederik Rönnow die Nummer zwei der dänischen Torhüter in ihren Reihen, mit Christopher Trimmel, 35, den aktuell ältesten Auswahlspieler Österreichs, mit Julian Ryerson einen Defensiv-Allrounder, der im norwegischen Nationalteam seinen Weg geht, mit Sheraldo Becker einen Angreifer aus Suriname, einem Land, das im Ranking des Weltfußballverbandes unter 211 gelisteten Verbänden Rang 139 einnimmt, und mit Andras Schäfer einen, der im September mit Ungarn gegen Deutschland gewann. Aber Union hat (noch) keinen deutschen Nationalspieler in seinen Reihen und erst recht keinen aus einer anderen europäischen Topliga. Was muss dann helfen, um konkurrenzfähig und an sieben Spieltagen Tabellenführer der Bundesliga zu sein? Genau: Mentalität!

Nur so konnte am Sonntag vergangener Woche gegen Borussia Mönchengladbach in der letzten Viertelstunde aus einem 0:1-Rückstand ein 2:1-Sieg gelingen. Nur so haben sie es geschafft, im Heimspiel gegen Malmö vor drei Wochen in vorletzter Minute das 1:0 zu erzielen und damit frühzeitig das Überwintern in der Europa League klarzumachen. Nur so haben sie in der vorigen Saison am 31. Spieltag bei RB Leipzig in den letzten fünf Minuten ein 0:1 in ein 2:1 gedreht, dabei im Duett zwischen Sven Michel und Kevin Behrens sogar das Tor des Monats herausgezaubert und auch dank dieses Dreiers das internationale Geschäft überhaupt erst ermöglicht. Nur so, nur so, nur so …

Barcelona angeblich an Rani Khedira interessiert

Öfter als sonst ist nach dem grandiosen Sieg gegen Gladbach von Mentalität die Rede gewesen, ab und an gepaart mit dem Wörtchen „geil“. „Dieser Sieg spricht für den Charakter der Truppe“, sagte Rani Khedira, „wir haben einfach gefightet und unsere Fans haben uns getragen.“ Eine „gute Stimmung“ machte Kevin Behrens aus, der mit seinem Treffer zum 1:1 den Startschuss für die tolle Schlussphase gab, und dass diejenigen, „die reinkommen, Gas geben“. So wie er selbst.

Bei Urs Fischer, dem Trainer, der sonst dermaßen geerdet ist, als hätte er Pattex an den Schuhsohlen, ist das schließlich „Wahnsinn“. Wenn Khedira dann auf den FC Barcelona angesprochen wird, der angeblich die Fühler nach ihm ausgestreckt hat und im weiteren Verlauf der Europa League sogar als Gegner für die Eisernen infrage kommt, kommt über die Lippen des Ordnungshüters vor der Abwehr so etwas wie eine Liebeserklärung: „Ich bin bei einem sehr geilen Verein und ich freue mich, hier zu sein.“ Das, so wissen alle in diesem Geschäft, muss längst nicht das letzte Wort sein und ein Umdenken setzt manchmal über Nacht ein, aber in dieser Phase geht es in Köpenick allen runter wie Öl.

Mentalität, Willensstärke, ein Nie-aufgeben-Wollen, das Einer-für-alle-und-alle-für-einen der Musketiere sind die Trümpfe, mit denen die Rot-Weißen häufig stechen. Weil sie seit Monaten in englischen Wochen stecken und die Partie am Sonntag bei Bayer Leverkusen ihr 21. Pflichtspiel in dieser Saison ist, könnten langsam ihre Kraftreserven angegriffen sein, die Verletzungsgefahr steigen und damit die körperliche Müdigkeit insgesamt zunehmen.

Andererseits ist es bei körperlichen Höchstleistungen wie sonst auch im Leben: Vieles, wenn nicht alles ist reine Kopfsache. Nicht nur in solchen Momenten, aber in solchen besonders, ist das gefragt, was nicht in den Beinen und Muskeln, sondern im Großhirn passiert. Von dieser Substanz, die überhaupt nicht messbar ist, die aber im besten Fall in erzielten Toren und erspielten Siegen sichtbar wird, scheinen sie in Köpenick, so lässt zumindest der monatelange Höhenflug vermuten, eine saftige Portion zu haben.

Dazu braucht es Persönlichkeiten. Die haben sie in der Wuhlheide. Manche, so Rani Khedira und Robin Knoche, auch Frederik Rönnow und Sheraldo Becker, haben dazu eine, na ja, nicht Umleitung, aber einen durchaus etwas weiteren Weg zurückgelegt. Andere, die vor ihrer Zeit in Köpenick keine (Kevin Behrens kam 2021 von Zweitligist Sandhausen) oder nur wenig (Sven Michel hatte für Paderborn 29 Erstligaspiele bestritten) Bundesligaerfahrung gesammelt hatten, sind in der Alten Försterei durchgestartet. Wieder andere, so Paul Jaeckel mit 24 und Jamie Leweling mit 21 Jahren, bringen eine Menge Talent und durchaus Können mit und haben als ehemalige deutsche Nachwuchsauswahlspieler beste Voraussetzungen.

Erinnerungen an Frieder Andrich

Persönlichkeit jedoch kann man nicht wie andere Bausteine eines erfolgreichen Spiels – also Technik, Taktik und Athletik – trainieren. Dass dabei der Trainer mit seinem gesamten Stab eine prominente Rolle einnimmt, ist so klar, wie es mit 7,32 mal 2,44 Metern die Breite und die Höhe des Tores sind. Hier kommt derjenige ins Spiel, der anderswo Dirigent genannt wird: Urs Fischer.

Im Laufe von dreieinhalb Jahren Bundesliga haben sie mit ihm und überhaupt derart viel richtig gemacht, dass sie aus fast vergessenen Spielern doch noch Persönlichkeiten geformt haben, die nun anderswo spielen, manchmal sogar beim aktuellen Gegner. Am Beispiel von Robert Andrich lässt sich eine solche Entwicklung womöglich noch viel besser erzählen. Der Mittelfeldmann hat einen zumindest im östlichen Teil von Fußballdeutschland berühmten Onkel, Frieder mit Vornamen und mittlerweile 74 Jahre alt. Der war bereits als 20-Jähriger in der Oberliga angekommen, zuerst zwei Spielzeiten bei Stahl Riesa, danach bis zum Ende seiner Karriere beim FC Vorwärts in Berlin und in Frankfurt an der Oder. 277 Erstligaspiele hat der Onkel bestritten und 91 Tore erzielt.

Das ist für den Neffen durchaus eine Messlatte. Die jedoch schien für ihn, obwohl vielleicht sogar mit dem größeren Talent ausgestattet, zu hoch angelegt. Nichts wurde es bei Hertha BSC, wo der Potsdamer als Neunjähriger begann und zwölf Jahre blieb. Die Anzahl seiner Spiele in der Bundesliga dort: null. Danach schien er bei Dynamo Dresden, Wehen-Wiesbaden und in Heidenheim in der Dritt-, höchstens in der Zweitklassigkeit zu verschwinden. Bis die Eisernen kamen, war die Anzahl seiner Bundesligaspiele noch immer null.

Aber Mentalität allein macht es nicht

Doch Urs Fischer und Oliver Ruhnert erinnerten sich an das ein wenig in Vergessenheit geratene Talent und holten es 2019 in ihren ersten eisernen Bundesligakader. Andrichs Bilanz seitdem: 59 Spiele und sechs Tore in der Alten Försterei, 37 Spiele und vier Tore am Rhein, zugleich jedoch zusammen 25 Verwarnungen, eine Ampelkarte, zwei weitere Feldverweise durch glatt Rot und damit jede Menge Sperren. Mancher hat angesichts dessen die Frage gestellt: Ist das noch Mentalität oder schießt sie so übers Ziel hinaus? Fakt aber ist: Ohne Fischer und den 1. FC Union hätte es Robert Andrich in der Bundesliga womöglich nie gegeben.

Eines aber ist auch klar: Mentalität allein macht es nicht. Das Fußball-Abc sollte jeder, der was auf sich hält und in der Eliteliga etwas taugen möchte, beherrschen, am besten im Schlaf. Die Mentalität gibt nur noch den Schub zum Träumen. So wie es die Eisernen als Team gerade in der Liga, im Pokal und in Europa tun und es der eine (Rani Khedira) oder andere (Robin Knoche) in einigen Tagen vielleicht sogar bei der Weltmeisterschaft zeigen kann.                                                                                                                                          

Das Spiel Bayer Leverkusen gegen 1. FC Union Berlin findet am Sonntag, den 6. November 2022, um 15:30 Uhr statt.

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