Berlin-KöpenickEs ist still geworden um den lautesten Zugang des 1. FC Union. War die Ankunft von Loris Karius kurz vor Ende des Sommertransferfensters noch mit viel Getöse begleitet, so war vom Champions-League-Finaltorhüter von 2018 zuletzt kaum noch etwas zu hören. Der 27-Jährige hat sich zurückgezogen, sich nach außen hin mit seiner derzeitigen Rolle als Nummer zwei hinter Andreas Luthe arrangiert, muckt nicht auf und trainiert fleißig. Doch zufrieden ist er eben auch nicht.

„Es ist klar und auch normal, dass Loris nicht erfreut ist“, fasste Unions Sportchef Oliver Ruhnert die Situation des vermeintlichen Toptransfers zusammen, der bis heute kein einziges Pflichtspiel für die Eisernen bestritten hat, obwohl er eigentlich nach Köpenick gekommen war, um Spielpraxis zu sammeln. „Doch wir haben einen offenen Wettbewerb, in dem der Trainer entscheidet, wer spielt. Es gibt keine Überlegung, etwas daran zu verändern, und es ist auch niemand mit einem Wechselwunsch auf mich zugekommen“, fügte Ruhnert noch an, um zumindest den Gerüchten vorzugreifen, Karius würde die Eisernen noch im Winter verlassen.

Doch wird diese Variante auch ohne offiziellen Wechselwunsch immer wahrscheinlicher, vor allem weil sich Unions Trainer Urs Fischer selbst im Vorlauf zum Pokalspiel gegen Zweitligist SC Paderborn schwer tat, Karius einen Einsatz zu versprechen. Der 54 Jahre alte Schweizer steckt auch ohne Torwartfrage im Dilemma, die Spannung gegen den unterklassigen Gegner und vor den freien Tagen der ohnehin schon stark reduzierten Winterpause hoch zu halten und den Fokus nicht zu verlieren. Fischer erwartet „eine ehrgeizige Paderborner Mannschaft, die uns alles abverlangen wird“. Was im Umkehrschluss bedeutet: Raum für persönliche Befindlichkeiten, wie beispielsweise denen von Loris Karius, gibt es auch diesmal nicht. Was zählt, ist der Sieg.

Was aber eben für den Torhüter im besten Alter zählt, ist auch, dass er spielen muss, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Schon im Sommer mutete der Wechsel zum „kleinen“ 1. FC Union nach Köpenick wie ein Rückschritt zum rechten Zeitpunkt an, um den Fokus wiederzufinden, der nach dem leidigen Champions-League-Finale 2018, in dem Karius aufgrund einer Gehirnerschütterung schwer patzte und in den folgenden Wochen ungeheuerliche Häme erfuhr, sowie den hitzigen Monaten bei Besiktas Istanbul verloren gegangen schien. Der Keeper wollte das Chaos hinter sich lassen und sich in Berlin für ganz neue Aufgaben empfehlen. Ein längerfristiges Engagement wäre für die Eisernen finanziell ohnehin nicht realisierbar gewesen, in Liverpool wäre Karius hinter Weltklassetorwart Alisson Becker und dem irischen Nationalkeeper Caoimhin Kelleher auf lange Sicht aber nur die Nummer drei.

Karius muss spielen

Nun kann sich der gebürtige Biberacher aber so gar nicht zeigen und dürfte sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch ganz grundsätzlich um seine Karriere sorgen. Ein Karriereende käme für den zweifelsfrei hochveranlagten Schlussmann viel zu früh, doch ohne Spielpraxis in einer großen Liga fällt es schwer, das Interesse von zahlungskräftigen oder auch nur interessanten Vereinen zu wecken.

Loris Karius muss spielen. Das ist ein Fakt. Und sollte er auch im Pokalspiel gegen den SC Paderborn keine Chance bekommen, ist ein Abschied aus Köpenick eigentlich unabdingbar. Was wohl für weitaus weniger Getöse sorgen würde als seine Verpflichtung im Sommer.