Berlin-Köpenick - Urs Fischer wollte eigentlich erst gar nicht von Pech sprechen. „Wenn du eine Halbzeit nicht auf dem Feld bist, gewinnst du kein Spiel. Wir haben alles vermissen lassen, was uns ausgezeichnet hat“, schimpfte der Trainer des 1. FC Union nach dem 2:3 seiner Eisernen gegen den SC Paderborn, um dann doch noch anzufügen, dass man sich dann nicht wundern brauche, wenn am Ende eben das Spielglück fehle.

Die deutliche Kritik des Schweizers, der für gewöhnlich doch sehr fair analysiert, überraschte allerdings etwas, denn auch er hatte im Vorfeld bewusst davor gewarnt, dass die Partie gegen den Zweitligisten brutal schwer werden würde. Und diese Einschätzung, das zeigte schließlich das Spiel, war erwartungsgemäß goldrichtig.

Warum erwartungsgemäß? Seitdem Urs Fischer als Trainer für die Eisernen arbeitet, gelang dem Team genau ein Sieg gegen die von Union-Legende Steffen Baumgart trainierten Paderborner: ein 1:0 zum Ende der vergangenen Saison, was den Unionern den Klassenerhalt und den Ostwestfalen den Abstiegs aus der Bundesliga endgültig bestätigte. Ansonsten spielten Fischers Eiserne zweimal Remis und verloren zweimal. Und das, obwohl die Paderborner in keinem Spiel über eine größere individuelle Qualität verfügten, sondern seit langem eher auf dynamische, willenskräftige Kicker setzen, die ihre Sporen zuvor im unterklassigen Fußball verdient haben. Warum hat der 1. FC Union dann solche Probleme gegen das Team von Steffen Baumgart?

Die Antwort lautet: Chaos! Die Eisernen legen sich, das ist bekannt, vor jedem Spiel einen Matchplan zurecht, der voll und ganz auf den jeweiligen Gegner zugeschnitten ist. Im Aufstiegsjahr und in der Premieren-Saison in der Bundesliga ging das sogar so weit, dass sich die Köpenicker gelegentlich in ihrem eigenen Spiel völlig nach dem Gegner richteten. Kapitän Christopher Trimmel begründete das damals mit Respekt, den man vor den Kontrahenten haben wolle, doch viel mehr war dieses Nach-dem-Gegner-ausrichten eine defensive Strategie, Kontrolle über den Gegenüber ausüben zu können, weil man ihn ganz genau studiert hat. In der laufenden Saison verfügen die Eisernen nun über so viel Erfahrung und individuelle Qualität, dass sie dieses Wissen und diese Kontrolle vermehrt in Offensivaktionen ummünzen und so schon manchen Gegner früh attackiert und überrannt haben. Die Anfangsphase gegen Eintracht Frankfurt (3:3), in der zwei schnelle Tore gelangen, war das beste Beispiel.

Überhaupt loben alle Köpenicker Profis diesen obligatorischen Matchplan, nennen ihn, wie zum Beispiel im Fall von Robert Andrich, als Hauptfaktor für den sportlichen Aufschwung des Klubs. Nur funktioniert dieser Matchplan eben nur, wenn man den Gegner tatsächlich ausrechnen und verstehen kann. Und hier kommen die Paderborner ins Spiel: Unter Trainer Steffen Baumgart regiert bei den Ostwestfalen eine Spielweise, die sich ganz allgemein als „offensives Chaos“ bezeichnen lässt. Das Team dreht, angepeitscht von einem rast- und ruhelosen Trainer-Capo Baumgart, auf dem Rasen total auf, läuft den Gegner pausenlos an, sucht den Weg nach vorne und erzwingt so immer wieder Tore, die wahrscheinlich kein anderes Team in dieser Situation und gegen diesen Gegner erzielt hätte.

Probleme auch gegen Leverkusen

Das ist im deutschen Profifußball beinahe einzigartig. Nur Bayer 04 Leverkusen verfolgte unter Trainer Peter Bosz anfangs einen ähnlich offensiven Ansatz, beruhigte sich zuletzt in der Herangehensweise aber merklich. Das erste direkte Duell in der vergangenen Saison, endete nach einem wilden, 90-minütigen Schlagabtausch mit 3:2 für die individuell besser besetzte Werkself. Und: Auch gegen die Leverkusener gewannen die Eisernen keines ihrer drei Spiele in der Vorsaison.

Für die Unioner gibt es daher zwei Schlussfolgerungen aus der Niederlage gegen Paderborn. Die gute Nachricht ist, dass die Eisernen in den meisten Fällen auf gut sortierte Mannschaften treffen, gegen die der Matchplan in den meisten Fällen auch funktioniert. Die schlechte Nachricht ist, dass der SC Paderborn derzeit den elften Platz in der Zweiten Bundesliga belegt - und daher alles andere als unschlagbar ist. Hier sollten sich die Köpenicker durchaus fragen, was individuell schief gelaufen ist, dass sie sich von den Ostwestfalen auch diesmal so ärgern lassen haben. Was wiederum auch Urs Fischers deutliche Kritik erklärt...