Berlin-Köpenick - Oliver Ruhnert reagierte fast schon etwas ungehalten. Der Sportchef des 1. FC Union war in einer Medienrunde nach dem glanzvollen 2:1 der Eisernen gegen Borussia Dortmund zum wiederholten Male indirekt darum gebeten worden, das bescheidende Saisonziel der Köpenicker – den Klassenerhalt – nun doch endlich nach oben zu korrigieren. „Wir sollten die Kirche vielleicht mal ein bisschen im Dorf lassen“, platzte es aus Ruhnert heraus, der allerdings im selben Moment bemerkte, dass die Worte schärfer klangen, als er sie eigentlich gemeint hatte.

Die Intention des Kaderplaners war allerdings offensichtlich. Nachdem den Eisernen nach neun äußerst erfolgreichen Spieltagen und einem überraschenden Platz im oberen Tabellendrittel zunächst noch vorgehalten worden war, sie hätten zwar sehr gut, aber eben auch noch nicht gegen die Topmannschaften der Bundesliga gespielt, lieferte die Mannschaft – das 1:3 im Derby bei Hertha BSC ausgenommen – drei absolute Willensleistungen ab und sammelte gegen den FC Bayern (1:1), den formstarken VfB Stuttgart (2:2) und am Freitag dann gegen Borussia Dortmund fünf Punkte ein.

Der Stadtteilklub aus dem Berliner Südosten ist deshalb nun endgültig deutschlandweit in aller Munde, hat mit 27 Treffern hinter den Münchnern und Bayer 04 Leverkusen die drittmeisten Tore erzielt und ist mit 18 Gegentoren auch defensiv absolut stabil. Acht Treffer aus Standardsituationen werden europaweit (!) nur von den Leverkusenern (zehn) übertroffen, die Eisernen stehen in dieser Statistik besser da als Teams wie Jürgen Klopps FC Liverpool (sechs) oder Antonio Contes Inter Mailand (fünf), die seit langem auf die Hilfe von Standard-Spezialisten setzen.

Kein Wunder also, dass alle vom 1. FC Union erwarten, den Klassenerhalt nicht als endgültiges Saisonziel, sondern als Selbstverständlichkeit anzusehen. Schließlich bringen die Eisernen eben diese Selbstverständlichkeit seit Wochen konstant auf den Rasen und ein Ende der Erfolgssträhne ist so einfach nicht abzusehen.

Auch deshalb muss der Verein derzeit schärfer bremsen, als in den Wochen davor. Als Trainer Urs Fischer zwar stets und ständig bekräftigte, es gehe kurzfristig nur um das nächste Spiel und langfristig weiterhin nur um den Ligaverbleib, die Mannschaft ihm mit einer Topleistung nach der anderen aber fast schon ungewollt – und selbstverständlich nicht tatsächlich – in den Rücken fiel. „Wir spielen in der Bundesliga und in der Bundesliga ist jedes Spiel eng“, bekräftigte deshalb auch Oliver Ruhnert nach seiner kleinen Eruption und fügte an: „Wir haben prominente Beispiele von Mannschaften, die erst überzeugt und dann plötzlich nichts mehr geholt haben.“ Eintracht Frankfurt ging in der Saison 2010/11 beispielsweise mit einem Polster aus 14 Punkten vor den Abstiegsrängen in die Winterpause und musste am Ende dennoch den Gang in die Zweite Bundesliga antreten.

„Sch*** schweres Pokalspiel“

Dass diese Gefahr bei den Köpenickern nicht besteht, ist, aller Glanzleistungen zum Trotz, ein höchst subjektiver Eindruck. Und gerade vor dem anstehenden, „sch*** schweren“ (Ruhnert) Pokalspiel gegen Zweitligist SC Paderborn (Dienstag, 20.45 Uhr) ist ein wenig mehr Demut und Zurückhaltung als ohnehin schon unabdingbar. Den Absteiger nach den starken Spielen gegen die Champions-League-Teilnehmer zu unterschätzen, wäre keinesfalls eine Charakterschwäche der eisernen Profis, sondern ein ziemlich menschlicher Zug. Jedoch einer, der dem Klub rund 700.000 Euro Preisgeld kosten würde, die Ruhnert wiederum gern im Wintertransferfenster in den Kader – vornehmlich in den Angriff, wo zahlreiche Profis verletzt fehlen – stecken würde.

Auch eine personelle Verstärkung würde die Sorge vor dem Doch-noch-Einbruch etwas abmildern. Eine Sorge, die übrigens nicht nur von der Vereinsführung, sondern auch von den Fans mitgetragen wird. „Niemand möchte in einer Pandemie absteigen, in der viele andere Finanzierungssäulen wegbrechen“, schrieb beispielsweise der bekannte Union-Fanblog textilvergehen.de und brachte auch an dieser Stelle das sportliche Abschneiden mit dem wirtschaftlichen Status der Eisernen in Einklang.

Mit anderen Worten: Der 1. FC Union wäre schön blöd, wenn er ausgerechnet jetzt verbal nach den Sternen greifen würde, wo der Klassenerhalt nicht nur von sportlicher, sondern auch von existenzieller Bedeutung ist. Das zeigen auch Oliver Ruhnerts deutliche Worte.