Berlin-Köpenick - Taiwo Awoniyi hob beide Arme in die Luft, als wüsste er auch nicht, was los ist. Der Nigerianer in Diensten des 1. FC Union spielt bislang eine starke Saison für die Köpenicker, erzielte schon fünf Tore. Doch gegen den FC Schalke 04, die derzeit mit Abstand schwächste Mannschaft der Bundesliga, wollte es einfach nicht klappen. Zwei hochkarätige Chancen verpasste Awoniyi, die beste bereits nach vier Minuten, als er allein vor dem Tor Gästetorwart Ralf Fährmann anschoss und den Nachschuss danebensetzte. „Mit seinen Möglichkeiten hat er ein Topspiel geliefert. Er hatte wenig Ballverluste, war unermüdlich, hat immer wieder die Tiefe angegriffen“, verteidigte Trainer Urs Fischer den Stürmer.

Und freilich war die Leihgabe vom FC Liverpool nicht der Grund für das fünfte sieglose Spiel in Folge der Unioner, die gegen die Schalker eine dominante und grundsolide Partie ablieferten und sich doch nicht belohnen konnten. 19 Mal schossen die Hausherren auf das Tor der Gäste, 16 Mal davon jedoch daneben und nur drei Mal auf den Kasten. „Mit so vielen Möglichkeiten musst du ein Spiel gewinnen“, resümierte auch Trainer Fischer und erklärte: „Das sieht die Mannschaft, zum Glück, genauso.“

Damit offenbarte der Schweizer neben dem aus derzeit unerfindlichen Gründen fehlendenden Spielglück eine weitere Problematik, die die Eisernen durch die Ergebniskrise begleitet: die fehlende Durchschlagskraft. „Wir haben ja unsere Chancen gehabt, waren aber nicht effizient genug“, fasste Fischer zusammen. Dabei kann der 54-Jährige seit der Genesung von Joel Pohjanpalo, der gegen Schalke ebenfalls von Beginn an auflief, und der Leihe von Petar Musa (Slavia Prag) auf mehr Optionen in der Offensive zurückgreifen als noch vor ein paar Monaten, als Awoniyi meist den Alleinunterhalter im Angriff gab.

Anhänger der Rot-Weißen hoffen deshalb nicht ohne Grund auf einen weiteren Rekonvaleszenten. Nachdem Max Kruse in der vergangenen Woche auf seinem Instagram-Kanal bereits vollmundig sein Kader-Comeback zum anstehenden Spiel beim SC Freiburg angekündigt hatte, bestätigte Trainer Fischer nun, dass der 32-Jährige zumindest auf einem guten Weg sei. „Max ist im Aufbau, ich hoffe, dass er in der kommenden Woche weitere Fortschritte macht. Er hat zuletzt schon Teile des Mannschaftstrainings mitgemacht, weiterhin aber auch individuell gearbeitet. Gut möglich, dass er eine Option für Freiburg ist.“

Allerdings erinnerte Fischer auch daran, dass man nicht vergessen dürfe, „dass er zweieinhalb Monate gefehlt hat. Natürlich könnte Max uns helfen, aber alles an ihm aufzuhängen, wäre falsch. Ich glaube nicht, dass wir besser das Tor treffen, wenn Max Kruse auf dem Feld steht. Am Ende ist es vielmehr eine Mischung aus Leichtigkeit, Gier, Entschlossenheit, die wir benötigen.“

Unbestritten bleibt jedoch, dass der frühere deutsche Nationalspieler eine Qualität mitbringt, die bei den Eisernen, ja vielleicht sogar in der Bundesliga, ihresgleichen sucht. Die Übersicht des Routiniers gilt als unerreicht, er ist zu jeder Sekunde des Spiels in der Lage, einen Mitspieler – oder auch sich selbst – so in Szene zu setzen, dass es für Unions Gegner gefährlich wird. Darüber hinaus hat Kruse auch die Qualität, selbst für etwas mehr Effizienz im Angriff der Köpenicker zu sorgen. Mit sechs Treffern ist er auch nach seiner Verletzungspause noch immer der beste Torjäger der Eisernen.

Nicht schwerer machen als nötig

Vor allem aber wäre Kruse einer, der das Team auf die richtige Art und Weise mitreißt. Es fehlt bei den Unionern keinesfalls an Motivation oder Selbstvertrauen, sondern vielmehr an den Aspekten, die auch Fischer, wie erwähnt, bemängelt: Leichtigkeit, Gier, Entschlossenheit. Vielleicht auch an der Selbstverständlichkeit, mit der die Mannschaft durch die Hinrunde fegte und wirklich jeden Gegner aufs Neue überraschte und in Verlegenheit brachte. Und vielleicht auch an dem gewissen Quäntchen Frechheit, das das Schlitzohr Kruse gerne mit auf den Rasen bringt und damit auch seine Mitspieler mitreißt.

Fakt ist schließlich auch weiterhin: Die Eisernen kreisen mit derzeit 13 Punkten Vorsprung auf den Relegationsrang 16 fernab jeglicher Abstiegssorgen. Nur schwerer machen als nötig müssen sie es sich nach der formidablen Hinrunde nun auch nicht unbedingt. Das gilt im Speziellen auch für den sichtlich enttäuschten Taiwo Awoniyi, dem Fischer weiterhin sein Vertrauen schenkt und keine Denkpause verpassen wird. „Wenn ich mir sein Spiel anschaue, wieso? Ich fand wie er gespielt hat sehr erfrischend.“