Berlin-Köpenick - Das 0:0 des 1. FC Union bei Arminia Bielefeld am Sonntagabend war so ein Duell, über das man im Nachgang aus sportlicher Sicht eigentlich nicht mehr viele Worte verlieren muss. Die Hausherren festigten den Relegationsrang 16, konnten mit dem Punkt schließlich aber nicht mal unzufrieden sein. Und die Eisernen, mit 35 Punkten deutlich von den Abstiegsrängen entfernt, untermauerten ihre Ambitionen, möglichst bald auch rechnerisch für die kommende Bundesliga-Saison planen zu können, mit einer erneut ordentlichen Leistung, die höchstens in der etwas unstrukturiert wirkenden Anfangsphase und in der Chancenverwertung Kritik vertragen konnte. Aber eigentlich war alles solide. Eigentlich.

Denn was aus dem torlosen Remis dann doch etwas schal nachwirkte, war die Szene aus der dritten Spielminute, über die auch am Montag noch heftig debattiert wurde. Nach einem Freistoß von Arminia Bielefeld gingen sowohl Unions Torhüter Andreas Luthe, gerade erst nach drei Spielen Pause ins Gehäuse der Eisernen zurückgekehrt, sowie Abwehr- und Mitspieler Julian Ryerson in den Luftkampf, wo der 33 Jahre alte Keeper mit voller Wucht gegen den Kopf seines norwegischen Mannschaftskameraden krachte. „Ich habe in der Szene nur auf den Ball geschaut und gar nicht mitbekommen, was passiert ist“, erklärte Ryerson nach der Partie, beteuerte dann aber grinsend: „I’m alright, das passiert.“

Die beiden Unioner wurden nach dem Zusammenprall fast zehn Minuten lang auf dem Feld behandelt. Luthe blutete aus einer Platzwunde an der Nase, Ryerson wirkte benommen und blutete ebenfalls, weshalb er zunächst einen Turban verpasst bekam. Sanitäter flitzten mit einer Trage aufs Feld, um wenigstens einen der beiden abzutransportieren, nahmen dann aber ebenso überrascht zur Kenntnis, dass beide weiterspielen wollten, wie Ersatztorwart Loris Karius, der sein Aufwärmprogramm bereits beendet hatte und quasi startklar war.

Es war überhaupt eine kuriose Szene, die sich da auf der Bielefelder Alm darbot: Nach zehn Minuten Spielunterbrechung, all dem Blut und all der Ungewissheit, wie es den beiden Unionern wohl gehen möge, standen Luthe und Ryerson schließlich auf, umarmten sich und signalisierten: Weiter geht’s! Sky-Kommentator Michael Born fragte mehrfach, mehr sich selbst als die Zuhörerschaft: „Muss das denn sein, dass die jetzt weiterspielen?“ Und der bekannte Journalist Thomas Nowag schimpfte ebenfalls auf Twitter: „Wie zur Hölle kann man Luthe und Ryerson weiterspielen lassen? Niemals zeigt sich jetzt schon der komplette Effekt des Zusammenstoßes, die komplette Schwellung. Wir sind selbst schuld, wir haben alle jahrzehntelang Dieter Hoeneß’ Turban abgefeiert.“

Luthe bekräftigte im Interview nach dem Spiel zwar, dass er lediglich Schmerzen an der Nase gehabt habe und die Situation kein Vergleich zu seinem Zusammenstoß mit Marcus Thuram im Spiel gegen Borussia Mönchengladbach Ende Januar gewesen sei, nach dem sich Luthe („Da bin ich kurz Karussell gefahren“) sicherheitshalber hatte auswechseln lassen. Doch nach der Szene gegen Mönchengladbach hatte der routinierte Torwart ebenfalls bekräftigt: „Gerade bei einer potenziellen Gehirnerschütterung müssen wir Profis vor uns selbst geschützt werden. Wir haben einfach den Drang, immer weiterzuspielen, und es gibt Momente, in denen das gefährlich werden kann.“

Trainer Urs Fischer rechtfertigt die Entscheidung

Stattdessen vertrauten die Eisernen in Bielefeld jedoch auf die Einschätzungen der Spieler und des medizinischen Teams. Das bestätigte auch Trainer Urs Fischer am Montag. „Die Rückmeldung der medizinischen Abteilung war positiv, die Spieler haben auch ein positives Zeichen gegeben“, verteidigte der Schweizer die Entscheidung, beide weitermachen zu lassen, und bekräftigte, dass die Spieler nach solchen Szenen keinesfalls bei der Entscheidung, ob sie ausgewechselt werden sollen, ausgeschlossen werden sollen: „Der Spieler für sich ist clever genug, zu wissen, wenn es ihm nicht gut geht. Wenn die Spieler nicht mitentscheiden sollen, müssen wir stattdessen eine Regelung finden, dass das Team bei Kopftreffern wechseln muss.“

Die Faktenlage gab den Eisernen zumindest theoretisch recht, beide Profis konnten am Montag normal mittrainieren und zeigten keinerlei Symptome einer Gehirnerschütterung. Doch praktisch hat es der 1. FC Union in dieser offensichtlich doch kontrovers diskutierten Szene verpasst, ein Zeichen für mehr Sensibilität bei der Thematik „Gehirnerschütterungen im Fußball“ zu setzen und die Spieler zu ihrer eigenen Sicherheit vom Feld zu nehmen. Fischer beteuerte zwar mehrfach, dass die Gesundheit der Spieler stets das Wichtigste sei. Doch eine vielleicht auch nur symbolische, prophylaktische Auswechslung von Andreas Luthe, der durch Loris Karius hervorragend zu ersetzen gewesen wäre, und Julian Ryerson wäre das bessere Statement gewesen. Auch wenn das dem ansonsten kaum nennenswerten 0:0 gegen Arminia Bielefeld vielleicht auch sportlich einen neuen Dreh gegeben hätte.