Berlin/KölnNicht allen aufseiten des 1. FC Union wird dieses Fazit gefallen. Man wird in Köpenick trotz der jüngsten Entwicklung ja immer noch lieber als Underdog wahrgenommen. Falsch ist es allerdings nicht, wenn man nach dem 2:1 in Köln Folgendes vorbringt: Die Eisernen sind ihrer Favoritenrolle gerecht geworden, nehmen nach acht Spieltagen mit fünfzehn Punkten aus gutem Grund Tabellenplatz fünf der Bundesliga ein und werden in dieser Saison wohl eher etwas mit der Qualifikation für die Europa League denn mit dem Abstiegskampf etwas zu tun haben. „Wenn wir solche Spiele schon gewinnen, dann spricht das schon für sich. Wir rufen halt die Basics Woche für Woche ab, das zeichnet uns aus“, sagte Kapitän Christopher Trimmel im Nachgang.

Das Komplizierteste beim Fußball? Das ist laut Urs Fischer, dem Trainer des 1. FC Union, die Bestätigung guter Leistungen. Im Besonderen natürlich, wenn ein paar von den Spielern, die zu den guten Leistungen einen wichtigen Beitrag geleistet haben, aufgrund von Verletzungen nicht mit von der Partie sein können. Fischer musste in Köln auf Joel Pohjanpalo (Fraktur am Sprunggelenk), Christian Gentner (Wadenblessur) und Keita Endo (Muskelverletzung im Oberschenkel) verzichten. Taiwo Awoniyi, Marcus Ingvartsen und Sebastian Griesbeck rückten dafür in der Startelf. Und weil auch noch Florian Hübner kurzfristig passen musste, stand da plötzlich Mathis Bruns im Kader der Eisernen. 16 Jahre ist der Innenverteidiger gerade mal alt, aber schon ein richtig guter Innenverteidiger. Zu einem Einsatz, der ihn nach Dortmunds Youssoufa Moukoko zum zweitjüngsten Spieler in der Geschichte der Bundesliga gemacht hätte, kam das Eigengewächs allerdings nicht. 

Es spricht für Fischers systematische Arbeit, dass die Unioner trotz der zahlreichen Ausfälle und den damit einhergehenden Umstellungen mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie vor der Länderspielpause zu Werke gingen. Da ging erneut vieles fließend ineinander über, da wackelte nur wenig. Und immer wieder wussten die Eisernen sich in den direkten Duellen mit dem Gegner mit angemessener Aggressivität und guter Zweikampftechnik zu helfen. Nur zweimal war man ein bisschen unachtsam: beim 1:1, das Ellyes Skhiri nach einem vom ehemaligen Herthaner Ondrej Duda getretenen Freistoß in der 36. Minute erzielte, und in der Schlussminute, als Keeper Andreas Luthe einen Freistoß von Elvis Rexhbecaj falsch einschätzte und der Ball schließlich gegen den Pfosten klatschte.  Sebastian Andersson beispielsweise, der im Sommer vom 1. FC Union nach Köln gewechselt war, kam überhaupt nicht zum Zug, blieb unsichtbar. Kurzum: Es ist beeindruckend, wie sich diese Mannschaft weiterentwickelt. Von Spieltag zu Spieltag, in Abwehr und Angriff, mit einer exponentiellen Lernkurve. 

Für die Führung in der 27. Minute zeichneten sich dann tatsächlich zwei „Neue“ verantwortlich. Zum einen Ingvartsen, der in der neunten Minuten noch eine doch ziemlich große Chance liegengelassen hatte, nun mit einem gewonnenen Luftzweikampf per Kopf aber die Vorarbeit leistete. Zum anderen Awonyi, der in zentraler Position an der Strafraumgrenze die Verwirrung der Kölner Marius Wolf und Rafael Czichos geschickt zu seinem Vorteil nutzte und Kölns Keeper Timo Horn mit einem platzierten Flachschuss überwinden konnte.

Max Kruse verpasst Bundesliga-Rekord

Was den Eisernen an diesem Abend zunächst ein klein wenig fehlte, war der Esprit in der Offensive. Max Kruse kam, weil Skhiri geschickt seinen Aktionsradius einschränkte, viel zu selten an den Ball, als dass er sich als Einfädler hätte einbringen können. Sheraldo Becker war zwar fleißig, viel unterwegs, aber nicht effektiv. Und doch hatten die beiden den einen lichten Moment, der den Sieg brachte. 72 Minuten waren gespielt, da leitete Kruse den Ball im Mittelfeld geschickt auf Becker weiter, sodass dieser zum Flankenlauf starten konnte. Im richtigen Moment brachte der Niederländer den Ball nach innen, Ingvartsen nahm diesen an - und für einen Moment hatte man das Gefühl, dass dies die falsche Entscheidung gewesen sein könnte. Aber denkste! Ingvartsen machte das geschickt, wurde von Salih Özcan im Strafraum zu Fall gebracht. 

Und der Mann für solche Fälle ist bei Union natürlich Max Kruse. Der allerdings scheiterte bei seinem 17. Elfmeter in der Bundesliga erstmals, an Horn, bekam allerdings die Chance zum Nachschuss, die er zum 2:1-Siegtreffer nutzte. „Heute war es der Kampf, der uns ausgezeichnet hat. Wir haben im Endeffekt nur eine Chance zugelassen. Und ich denke, der Sieg ist verdient“, sagte Kruse. Und: „Wir haben sieben Spiele nicht verloren, fünfzehn Punkte. Darüber sollte man schreiben. Und nicht darüber, dass ich einen Elfmeter verschossen habe.“ Machen wir doch.