Berlin-Köpenick - Duelle mit dem 1. FC Köln sind für den 1. FC Union immer auch eine Reise in die jüngere Vergangenheit. Und ein Blick in eine Gegenwart, die möglich gewesen wäre, so denn das Schicksal ganz offensichtlich keine anderen Pläne mit den Eisernen gehabt hätte. Denn als die Köpenicker am 31. Januar 2019 im Stadion An der Alten Försterei zum Topspiel gegen die Geißböcke antraten, schienen die Rollen im Kampf um den Aufstieg aus der Zweiten Bundesliga klar verteilt. Die Eisernen hatten vor dem damaligen Rückrundenauftakt Probleme mit dem Verhalten im Pressing, Kapitän Christopher Trimmel schimpfte nach einem durchwachsenen 2:2 in der Generalprobe gegen den FC Basel: „Wenn da nicht alle mitmachen, ist es für’n Arsch.“ Eine gewisse Aufregung war vor dem Duell mit dem gefährlichsten Aufstiegskonkurrenten nicht von der Hand zu weisen.

Ein Luxusproblem, das der 1. FC Köln gerne hätte

Gut zwei Jahre später sieht die Situation ganz anders aus. Die Gäste aus der Domstadt liegen mit 22 Zählern auf Rang 14 nur hauchdünn vor der Abstiegszone, die Eisernen mit 16 Punkten Vorsprung vor eben dieser schon lange im Soll. Ja, ein Sieg im Rückspiel gegen die Kölner könnte, wie schon in der Vorsaison, den Klassenerhalt „inoffiziell offiziell“ besiegeln. Stattdessen müssen sich die Köpenicker seit Monaten hartnäckigen Fragen nach möglichen Auftritten im Europapokal der kommenden Saison erwehren. Ein Luxusproblem, dass die Gäste gerne hätten. Der launische Klub vom Rhein träumt nicht erst seit den legendären Europa-League-Auftritten 2017 in London von europäischen Galaabenden und überhaupt scheint der „Effzeh“ in der eigenen Wahrnehmung stets ein bisschen größer zu sein als in der Realität.

Was in der Aufstiegssaison 2019 ja auch irgendwie der Fall war. Die Kölner galten, gemeinsam mit dem Hamburger SV, schon zu Saisonbeginn als sichere Aufsteiger und wurden ihrem Ruf mit 47 Treffern in der Hinrunde, im Gegensatz zum HSV, auch ziemlich gerecht. Den Eisernen, die seinerzeit mit 15 Gegentoren immerhin die beste Abwehr der Liga bildeten, blieb da vor dem wegweisenden Duell im Stadion An der Alten Försterei nur die Rolle des Underdogs – eine Rolle, die die Köpenicker jedoch in den folgenden Monaten und Jahren häufiger mal über sich hinauswachsen ließ. Mit 2:0 fegte Union die Gäste aus dem Stadion. Die Treffer besorgten der beim 1. FC Köln ausgebildete Marcel Hartel per Fallrückzieher mit dem späteren Tor des Jahres 2019 sowie Florian Hübner nach einem Freistoß von Christopher Trimmel. Eine Spielform, die die Eisernen in der Folge fast schon perfektionieren sollten.

So ist die gefährliche Standardsituation-Kopfballtor-Kombination zu einer der stärksten Waffen im Offensivspiel der Eisernen geworden, das zuletzt allerdings weniger Tore produzierte als in der Hinrunde. An Regisseur Max Kruse wollte Unions Trainer Urs Fischer diesen Mini-Makel vor dem Duell mit den Kölnern allerdings nicht festmachen: „Jetzt alles auf Max’ Schultern zu legen, ist falsch.“ Anders als der Gegner am Sonnabend haben die Eisernen in den vergangenen anderthalb Jahren gelernt, geduldig mit schwächeren Phasen umzugehen.

Denn während sich die Köpenicker nach einem schwachen Saisonstart 2019/20 fingen und fanden, tauschten die Kölner nach einer schon in der Vorsaison beginnenden Farce auf der Trainerbank mit schlussendlich zwei Aufstiegstrainern (Markus Anfang, André Pawlak) nach wenigen Spieltagen auch ihren neuen Trainer Achim Beierlorzer durch Markus Gisdol aus, der das Team bis heute betreut. Aus dem Abstiegskampf hat sich der „Effzeh“ allerdings bis heute nie so richtig verabschiedet. Auch deshalb sollte einer, der bereits den Eisernen Flügel verliehen hatte, dabei mithelfen, den Klub zu altem Glanz zu führen. Doch 6,5-Millionen-Euro-Transfer Sebastian Andersson verletzte sich im Verlauf der Hinrunde und wird auch beim Duell mit seinem alten Klub, für den er in zwei Jahren 26 Treffer erzielte, nicht dabei sein können.

Fast schon symptomatisch für den Verein, der wahrscheinlich gerne da wäre, wo die Eisernen heute sind. Wer hätte das im Januar 2019 zu glauben gewagt ...?