BerlinWas Urs Fischer, dem Trainer des 1. FC Union im Umgang mit dem Fußballprofi Sheraldo Becker gelungen ist, darf als Lehrstück in Sachen Personalführung betrachtet werden. Der Niederländer, im Sommer 2019 von ADO den Haag zu den Eisernen gekommen, fremdelte vom ersten Tag an in Köpenick, gehörte nicht dazu, passte nicht ins System beziehungsweise das System nicht zu ihm - und trug letztlich schon den Stempel „Fehleinkauf“. Und so wäre es wohl keine Überraschung gewesen, wenn der 25-Jährige nach einem Jahr des sportlichen Unglücks sein Glück woanders gesucht hätte. 

Doch Fischer ahnte: Wenn wir nach einer Saison der Anpassung in unserer zweiten Spielzeit als Bundesligist anders Fußball spielen wollen, also offensiver und dominanter, brauche ich einen wie Becker. Deshalb sprach der Chefcoach mit dem Angreifer, eröffnete ihm Perspektiven, forderte und förderte ihn, damit das Spiel seines Schützlings flexibler werde. Und siehe da: Becker ist inzwischen mittendrin statt außen vor, so wie am Sonnabendnachmittag, als er beim 2:0-Auswärtserfolg in Bremen einen formidablen Auftritt hinlegte, darüber hinaus mit einem gezielten Linksschuss aus 18 Metern die Führung erzielte. Man könnte auch sagen: Becker ist neben Max Kruse, der nach einem Muskelbündelriss wohl erst wieder im Februar einsatzfähig sein wird, der wertvollste Zugang der Unioner in dieser Spielzeit. Oder eben: Becker ist ein Hauptdarsteller beim Aufschwung der Eisernen, die durch den Erfolg im Weserstadion mit ihren 24 Punkten auf Platz vier kletterten und nach 14 Spieltagen mindestens Platz fünf innehaben werden, weil sich Wolfsburg (24 Punkte) und Dortmund (22 Punkte) am Sonntag im direkten Duell gegenüberstehen.

Für Fischers Fähigkeiten bei der Fortentwicklung von Spielern lassen sich freilich noch ein paar mehr vortreffliche Beispiele finden. Robert Andrich, der im ersten Pflichtspiel des Jahres 2021 nach Ablauf seiner Rotsperre sogleich wieder in der Startelf stand und wieder jede Menge Fleißarbeit leistete, muss an dieser Stelle erwähnt werden. Auch Marcus Ingvartsen, der nach überstandener Bauchmuskelverletzung sein Okay für einen Einsatz von Beginn an gegeben hatte. Aber auch Marvin Friedrich oder Christopher Lenz, die sich mit konstant überdurchschnittlichen Leistungen zumindest eine Einladung zur Nationalmannschaft verdient haben. 

Hübner überzeugt in der Dreierkette

Bei Taiwo Awoniyi wiederum lässt sich Fischers Einfluss bis dato noch nicht wirklich abschätzen, der Nigerianer trägt erst seit September vergangenen Jahres die Farben der Unioner, doch sieht es danach aus, als mache der Schweizer Fußballlehrer auch in diesem Fall vieles richtig. In der zwölften Minute passte Awoniyi, nachdem er mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit Bremens Ömer Toprak entwischt war, im rechten Moment auf Becker, sodass der Teamkollege gleich in der Lage war, um zum 1:0 abzuschließen. In der 28. Minute traf Awoniyi mit der Pieke nach einem Anspiel von Andrich und unter Mithilfe von Werders Keeper Jiri Pavlenka aus etwa acht Metern selbst, wobei sich die Unioner hätten nicht beschweren können, wenn Schiedsrichter Tobias Stieler in der Situation zuvor einen Rempler von Becker gegen Marco Friedl als Foul geahndet hätte.

Bei Union gibt es geradezu zwangsläufig aber natürlich auch Spieler, die mit ihrer Entwicklung und ihren Einsatzzeiten nicht zufrieden sind. Florian Hübner, der in der Aufstiegssaison noch als unverzichtbar galt, nach einer längeren Verletzung und der Verpflichtung von Robin Knoche aber nicht mehr gesetzt ist, zählt zu dieser kleinen Gruppe. Gegen Werder durfte der 29-Jährige allerdings mal wieder ran, links in einer Dreierkette, die - und das kennt man inzwischen - im Verteidigungsfall zur Fünferkette erweitert wurde.

Das klappt alles im Zusammenspiel mit dem defensiven Mittelfeld inzwischen so gut, dass mittelmäßige Mannschaften wie Werder Bremen im Normalfall ziemlich schnell doch ziemlich ratlos wirken. Dass Keeper Andreas Luthe folglich nur selten in die Verlegenheit zur Parade gerät. Auch gegen die Hanseaten brachten Knoche, Friedrich, Hübner, aber auch Andrich und Grischa Prömel eigentlich immer im rechten Moment ein Bein dazwischen. Und in der Offensive waren schließlich noch mehr als nur zwei Treffer möglich, vor allen Dingen dank Becker und Awoniyi, die mit Cleverness und Tempo die Bremer Abwehrspieler wiederholt gewaltig ärgerten. In der 56. Minute bediente Awoniyi am Sechzehnmeterraum Prömel, der allerdings knapp verzog. In der 70. Minute erspurtete Becker im Stile eines 100-Meter-Sprinters kurz vor der Außenlinie den Ball, flankte vors Tor, wo Awoniyi beim Torschuss allerdings in Rücklage geriet.

„Wir sind schon noch ein bisschen grün hinter den Ohren, müssen und können uns in allen Bereichen noch weiterentwickeln.“ Das hatte Urs Fischer am Sonnabend unmittelbar vor der Partie im Gespräch mit dem Privatsender Sky gesagt. Das mag schon stimmen, aber allzu viel Grün ist da nicht mehr auszumachen.