Berlin-Köpenick - Wenn wir in der Vergangenheit etwas von Urs Fischer gelernt haben, dann ist es die Erkenntnis, dass Niederlagen und Fehler nicht unbedingt etwas Schlechtes sind. Wer erinnert sich nicht daran, wie der Trainer des 1. FC Union im Sommer 2019 nach der 0:3-Generalprobe vor dem Bundesliga-Debüt der Eisernen gegen Celta Vigo fast schon freudestrahlend zu Protokoll gab: „Das war vielleicht der genau richtige Zeitpunkt, um ein bisschen auf die Euphorie-Bremse zu treten.“ In diesem Sinne war es vielleicht gar nicht mal so schlecht, dass die Köpenicker am vergangenen Dienstag die Zwei-Tore-Führung beim VfB Stuttgart noch hergaben und am Ende selbst nicht so recht wussten, ob sie gegen die formstarken Schwaben nun zwei Punkte verloren oder einen Zähler gewonnen hatten. Denn nun, nur drei Tage später, wartet mit Borussia Dortmund eine noch anspruchsvollere Aufgabe, die die Konzentration des Teams mächtig fordern wird.

Auch, weil die Dortmunder, von ihrer individuellen Qualität zunächst mal abgesehen, schwer einzuschätzen sind. Erst am vergangenen Sonntag trennte sich der Champions-League-Teilnehmer von Trainer Lucien Favre. Eine Entscheidung, die Urs Fischer wiederum nicht so recht verstehen konnte: „Er hat sehr viel Kritik einstecken müssen. Für mich zum Teil absurd. Da fragst du dich als Trainerkollege, was willst du machen?“

Union ist Dortmund einen Schritt voraus

Zwar war Fischers Landsmann statistisch gesehen der beste Dortmunder Trainer der Vereinshistorie, doch gleichsam gelang es dem analytisch-verschlossenen Übungsleiter, der zwischen 2007 und 2009 auch für Hertha BSC an der Seitenlinie agierte, nie, dem überaus talentierten Team um Stürmerstar Erling Haaland, Jadon Sancho sowie den deutschen Nationalspielern Mats Hummels, Julian Brandt und Marco Reus die gewisse Lockerheit zu geben, mit Selbstbewusstsein den eigenen Matchplan zu verfolgen. Oft wirkte die Borussia gehemmt, verunsichert, mut- und zuletzt aufgrund des umfangreichen Terminplans verständlicherweise auch kraftlos.

Hier sind ausgerechnet die Eisernen, die trotz allem als Underdog in das Duell mit den Dortmundern gehen, ihren Gästen einen Schritt voraus. Denn auch nach der bitteren Derby-Niederlage gegen Hertha BSC verstanden es die Eisernen gegen den FC Bayern sowie die vor Selbstbewusstsein derzeit fast platzenden Stuttgarter, mit der nötigen Ruhe und Routine ihr Spiel herunterzuspielen und sich, trotz durchaus vorhandener Drucksituationen, nicht aus dem Konzept bringen zu lassen.

Denn nicht wenige mutmaßten nach den Ausfällen von Spielmacher Max Kruse und Antreiber Robert Andrich einen massiven Leistungseinbruch der bis dahin so konstanten Köpenicker. Doch auch hier gelang es Fischer, das Team zu straffen und den Eisernen eine breite Brust zu verleihen. Wie er das gemacht hat? „Das hat nichts mit einem Geheimnis zu tun, es geht um Organisation“, erklärte der Schweizer und bekräftigte, dass die ohnehin in jedem Training manifestiert werde. „An diesem Gerüst können sich die anderen Jungs genauso orientieren.“

Der Schuldige war meist Favre

Es ist diese Selbstverständlichkeit, die auch Borussia Dortmund seit Längerem schon sucht. Zwar duellieren sich die Borussen für gewöhnlich nicht nur mit den Gegnern aus der Bundesliga, sondern mit Spitzenteams aus ganz Europa, was das Team noch einmal völlig anders beeinflusst als die Mannschaft von Urs Fischer. Doch ist der Klub eben auch schon lange nicht mehr so richtig zur Ruhe gekommen. Ging es bergauf, träumten viele gleich wieder von den glorreichen Zeiten unter Jürgen Klopp, als der BVB zweimal Meister wurde und das Champions-League-Finale erreichte. Ging es bergab, suchte man den Schuldigen und fand ihn meist in Favre.

Umso spannender wird es sein, wie die Gelb-Schwarzen unter dem Interimstrainer Edin Terzic an der Alten Försterei auflaufen werden – und wie die Eisernen darauf reagieren. Gelingt ein neuerlicher Coup, wie im Vorjahr, als Union die Borussen mit 3:1 besiegte? Eine solche Überraschung wie im Vorjahr wäre das diesmal jedenfalls nicht.