Der 1. FC Union und die Angst des Schützen vor dem Elfmeter

Mit Strafstößen ist das so eine Sache. Wer möchte schon in dem Schützen stecken? Union hat in dieser Saison bislang erst einen von drei Elfmetern verwandelt.

Enttäuscht: Unions gescheiterter Elfmeterschütze Milos Pantovic.
Enttäuscht: Unions gescheiterter Elfmeterschütze Milos Pantovic.imago/Sebastian Räppold

Über Elfmeter wurden schon reichlich Bücher geschrieben. Manche sind nahezu philosophischer Natur. Der Österreicher Peter Handke, 2019 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt, gehört mit seiner frühen Erzählung „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“, die 1970 erschienen ist, prominent dazu. Dabei ist der Protagonist nur rein zufällig Schlussmann. Es geht auch nicht um ein Fußballstück, sondern um einen schizophrenen und damit kranken Menschen, der als Modell dafür dient, die Grenzen der Sprache auszuleuchten. Fast beiläufig kommt bei Handke dennoch diese Sequenz vor: „Der Schütze lief plötzlich an. Der Tormann, der einen grellgelben Pullover anhatte, blieb völlig unbeweglich stehen, und der Elfmeterschütze schoss ihm den Ball in die Hände.“

Bei Union muss der gegnerische Keeper nicht schwitzen

Genau das könnte, auch wenn Vergleiche naturgemäß meist auf beiden Beinen hinken, ein wenig auch für den 1. FC Union gelten. Natürlich muss nicht der Torwart Angst vor einem Elfmeter haben, schließlich ist er in diesem Duell sowieso der David, sondern allein der Schütze. Bei den Eisernen, das ist ziemlich gemein, muss der gegnerische Keeper erst recht nicht ins Schwitzen kommen. Denn wettbewerbsübergreifend haben die Rot-Weißen in diesem Spieljahr von drei Elfmetern erst einen, den durch Robin Knoche beim 1:0 in der Alten Försterei in der Europa League gegen Malmö, verwandelt. Mit dem jüngsten, dem beim 1:2 in Bochum, ist Milos Pantevic an VfL-Schlussmann Manuel Riemann gescheitert. Den ersten, den beim 1:0 in Köln, als die Partie für die Eisernen trotzdem ein gutes Ende nahm, hat Jordan Siebatcheu, um bei Handke zu bleiben, dem Keeper tatsächlich so gut wie in die Hände geschossen. Dabei hatte FC-Schlussmann Marvin Schwäbe nicht einmal einen grellgelben Pullover an.

Mit Elfmetern ist das so eine Sache. Wer möchte schon in dem Schützen für den entscheidenden Versuch stecken? Da schauen zig Tausende Menschen zu, bei großen Turnieren oder Finalspielen zig Millionen. Geht der Ball rein, ist alles fast normal. Aber wenn nicht, dann … Man braucht Uli Hoeneß nicht zu fragen, wie oft er sich, damals gerade 24 Jahre jung, im Bett gewälzt hat nach der Nacht von Belgrad, als er im EM-Finale 1976 den Ball weit über das Tor donnerte und der Titel an die Tschechoslowakei ging. Auch Roberto Baggio hatte, obwohl zuvor ebenso Franco Baresi und Daniele Massaro nicht getroffen hatten, Albträume, weil mit seinem Fehlschuss klar war, dass die Italiener den Weltmeistertitel 1994 Brasilien überlassen müssen. Nicht minder der Franzose David Trezeguet, weil er im WM-Finale 2006 in Berlin seinen Versuch an die Latte setzte und so Italien zum Weltmeister machte. So etwas bleibt für den Rest des Lebens.

Max Kruse war vom Punkt kalt wie Hundeschnauze

Insofern sind die Elfmeter, die in der Bundesliga verschossen werden, auch die von Siebatcheu und Pantovic, vergleichsweise lapidar. Allerdings kratzen auch sie eine Zeit lang am Selbstwertgefühl, sorgen für Nachdenken und Grübeln. Es sei denn, man hat einen in seinem Team, wie es die Eisernen anderthalb Jahre mit Max Kruse hatten, der vom Punkt kalt wie Hundeschnauze ist und alle Versuche nahezu traumwandlerisch versenkt.

Auch die Vor-Vorgänger der Männer aus der Alten Försterei können ein Lied von Elfmetern singen, die in die Hosen gegangen sind. Ältere Anhänger werden sich an Osnabrück erinnern und an ein Mammut-Elfmeterschießen zum erstmaligen Erreichen der Zweiten Bundesliga, das mit 8:9 einen traurig-epischen Ausgang nahm und vor allem mit Steffen Menze einen tragischen Helden gebar. Ein Elfmeterschießen, nur Monate später bei Schnee, Eis und Frost ausgetragen, ging, da die Eisernen damit 2001 das Finale im DFB-Pokal erreichten, dagegen glücklich aus. Der Gegner damals: Borussia Mönchengladbach, am Sonntag in Köpenick der nächste Gast um Punkte. Sollte der Ball dann oder schon morgen in der Europa League gegen Sporting Braga wieder auf dem Punkt liegen, wäre eine Erinnerung daran, ob bei Siebatcheu, Pantovic oder einem anderen, vielleicht hilfreich.