Berlin-Köpenick - Da glaubt man, den Fußball zu kennen und dann ist doch alles ganz anders, als man sich das vorstellt. Als wortwörtlich „kontraproduktiv“ bezeichnete es Urs Fischer im Laufe der Woche, noch einmal ausführlich auf das Hinspiel des 1. FC Union gegen den FSV Mainz 05, das die Eisernen mit 4:0 für sich entschieden, zu schauen. Der Trainer der Köpenicker verwies beharrlich darauf, dass seine Spieler in der Begegnung im Oktober 2020 auf eine Mainzer Mannschaft getroffen waren, die wahrlich nicht ihren besten Tag erwischt habe, „während dieses Spiel für uns optimal aufgegangen ist“. Der Schweizer wolle also keine motivierenden Szenen aus dem Hinspiel in der Kabine präsentieren, womöglich untermalt von epischer Musik und einem anschließenden Kampfschrei des Teams. Huh!

Doch wahrscheinlich benötigt es das auch gar nicht, denn nach dem was die Eisernen seit besagtem 4:0 gegen die Rheinhessen Woche für Woche auf die Rasenplätze der Republik gezaubert haben, brauchen sie mit Sicherheit keine zusätzliche Motivation. Erst recht nicht, nachdem es in den vergangenen drei Spielen, trotz ausnahmslos ordentlicher Leistungen, nicht mit einem Sieg klappen wollte. „Wir gehen, wie jede Woche, auch gegen Mainz aufs Feld, um zu gewinnen“, bekräftigte Fischer.

Gewonnen haben sie das Hinspiel freilich, die Köpenicker. Doch die Art und Weise, die die Unioner da im vergangenen Herbst präsentierten, fühlte sich neu an, frisch, ungewöhnlich. Hatten die Eisernen den Auftakt gegen Augsburg noch unglücklich verloren, Champions-League-Teilnehmer Borussia Mönchengladbach dann im folgenden Spiel mehr mit einem mannschaftlichen Kraftakt als mit spielerischer Finesse ein Remis abgerungen, schienen die Unioner gegen Mainz plötzlich leichtfüßig über den Rasen zu schweben.

Pohjanpalo sorgt für Magie

Angeführt vom erstmals von Beginn an auflaufenden und dem Spiel deutlich seine ganz persönliche Note aufdrückenden Max Kruse, gingen die Eisernen nach 13 Minuten durch den 14-fachen deutschen Nationalspieler in Führung. Marcus Ingvartsen erhöhte noch vor der Pause auf 2:0, ehe Marvin Friedrich im zweiten Durchgang mit seinem Kopfballtreffer nach Freistoß von Christopher Trimmel erstmals andeutete, was in den folgenden Monaten zur stärksten Waffe der Eisernen werden sollte: Tore nach Standardsituationen.

Für das kleine bisschen Magie sorgte schließlich Debütant Joel Pohjanpalo, der, ohnehin mit dem Ruf gesegnet, ein perfekter Joker zu sein, keine Minute auf dem Rasen benötigte, um erstmals im Trikot der Eisernen zu treffen. Der höchste Sieg in der freilich noch jungen Bundesliga-Geschichte des Klubs, ein Fest für die damals noch zugelassenen 4400 Zuschauer im Stadion An der Alten Försterei, die in der Vergangenheit durchaus mit Siegen, äußerst selten aber mit so hohen Siegen erfreut wurden. Der 1. FC Union hatte in der jüngeren Vergangenheit schließlich nie den Ruf, viele Tore zu erzielen – oder gar objektiv schönen Fußball zu spielen.

Mit dem 4:0 gegen die Mainzer änderte sich das sogar nachhaltig. Woche für Woche steigerte das Team von Urs Fischer seine Leistungen, zeigte spätestens beim 3:1 in Hoffenheim, einen Monat nach der Partie gegen Mainz, welch massive Entwicklung der eigene Stil seit der vergangenen Saison genommen hat und lieferte eine Woche später beim 5:0 gegen Arminia Bielefeld den nächsten Rekordsieg. 

Nun wäre es nicht nur reichlich träumerisch, sondern fast schon naiv zu behaupten, dass all das mit dem Spiel gegen Mainz begonnen hat. Zahlreiche Bundesliga-Trainer haben zuletzt immer wieder betont, dass sich die spielerische Entwicklung der Unioner schon zum Ende der vergangenen Saison bemerkbar gemacht hatte, zudem hatten die Eisernen eine ausführliche Sommervorbereitung, in der die Grundlagen für die späteren Erfolge geschaffen wurden. Und doch strahlt dieses 4:0 gegen Mainz 05 im Rückblick eine gewisse Aufbruchstimmung aus. Eine, die sich wunderbar mit epischer Musik untermalen lassen würde. Aber Urs Fischer will ja nicht ...