Berlin-Köpenick - Urs Fischer sah fast ein wenig nachdenklich aus, als er nach dem 2:1 seines 1. FC Union gegen Borussia Dortmund mit Bedacht zu Protokoll gab, dass der erneute Heimsieg gegen Deutschlands Nummer zwei für ihn „schon auch noch ein Coup“ gewesen sei. Der Trainer der Köpenicker wollte mit seiner Einschätzung keinesfalls seinen Gegenüber Edin Terzic vor einer Bloßstellung bewahren - die Dortmunder waren schon auf dem Weg zum Flughafen -, sondern wirkte stattdessen eher so, als sei es ihm selbst manchmal ungeheuerlich, mit welcher Selbstverständlichkeiten die Eisernen derzeit auf dem Rasen agieren.

Einen Plan habe man sich natürlich für die Borussen zurechtgelegt, das verstärkte Pressing der Dortmunder unter dem neuen Trainer Terzic selbstverständlich wahrgenommen. Und, das ergänzte Sportchef Oliver Ruhnert am Tag nach dem Sieg noch, ein gewissen Spielglück habe man auch gehabt, zum Beispiel beim Pfostenschuss von Youssoufa Moukoko kurz vor der Pause.

Und dennoch wirkte das, was in der Vorsaison beim 3:1 gegen den BVB in einer damals vollbesetzten Alten Försterei wie ein Wunder anmutete, am Freitagabend seltsam selbstverständlich, fast folgerichtig. Die Eisernen starteten gegen Dortmund wie üblich mit einer gewissen Frechheit, zogen sich dann erst einmal zurück, als die ersten Torgelegenheiten verstrichen, um abzuwarten, wie der Champions-League-Achtelfinalist reagiert und ihn vielleicht auch in der Sicherheit zu wiegen, das Spiel gegen den vermeintlich kleinen Klub aus dem Berliner Südosten schon irgendwie im Griff zu haben.

Nur, um das Pressing dann umso giftiger hochzufahren, die schwarz-gelben Angreifer immer früher zu attackieren und zu stören und gleichsam mit dieser erneut unerschöpflichen Rochade im zentralen Mittelfeld immer wieder zu beschäftigen. Während der BVB gleiches in der zweiten Angriffsreihe mit Marco Reus, Jadon Sancho und Giovanni Reyna versuchte, dabei aber kaum für Überraschungen sorgte, konnten sich Emre Can und Axel Witsel selten erklären, wie Cedric Teuchert aus der Position vor der Abwehr plötzlich vor dem Tor auftauchen konnte, wo eben noch Grischa Prömel gestanden hatte, der nun wiederum einen potenziellen Konter der Gäste absicherte.

Moukoko kaum zu stoppen

Dass die beiden Tore der Köpenicker aus Eckbällen fielen, einer davon übrigens nicht von Kapitän Christopher Trimmel, sondern von Tausendsassa Teuchert, war dabei keinesfalls ein Zufall, sondern nur eine weitere Dimension der fußballerischen Stärke, die der 1. FC Union derzeit auf den Rasen bringt. „Man sieht, dass die Mannschaft Selbstvertrauen hat, das hat uns dann auch in den Phasen geholfen, in denen wir vielleicht auch mal leiden mussten. Wir konnten uns trotzdem immer wieder befreien, waren mutig genug“, fasste Trainer Fischer den Spielverlauf prägnant zusammen.

Mit anderen Worten: Die Eisernen hatten von Anfang an eine klare Linie, die sie auch verfolgten, als die Gäste aggressiver und fordernder auftraten. Lediglich der Ausgleich von Supertalent Moukoko war nicht zu verhindern, was allerdings an der aufblitzenden individuellen Klasse des gerade einmal 16-Jährigen lag. „Er hat viele Sachen gut gemacht. Es war klar sein bestes Spiel bei uns“, lobte da auch ein ansonsten stinksaurer Mats Hummels, der seine Wut sogleich an einer Werbewand des Streaming-Anbieters DAZN ausließ.

Bei den Borussen lagen die Nerven merklich blank, was freilich mit dem Ergebnis, insbesondere aber auch mit der Art und Weise der Niederlage zu tun hatte. Zu unangenehm, zu „eklig“ waren die Hausherren, die damit zu keiner Zeit den Eindruck erweckten, gegen Dortmund nicht mindestens einen Punkt holen zu können. Es war ein Sieg mit Ansage, wenn die auch so leise war, wie man es von den Eisernen gewohnt ist. In Köpenick labert man eben nicht, man spielt mit breiter Brust und gewinnt dann wieder verdient. Was den Fans so gefiel, dass sie noch Minuten nach Schlusspfiff Raketen in den Himmel über Köpenick jagten. Für sie war der Sieg bei all der gefühlten Selbstverständlichkeit also doch so etwas wie ein Coup.