Berlin-KöpenickEs ist selten, dass Urs Fischer einen fußballtaktischen Sachverhalt in der Öffentlichkeit direkt und unverhohlen ausspricht. Die obligatorischen Vorschauen des Trainers des 1. FC Union auf das jeweilige nächste Spiel beschränken sich für gewöhnlich auf Phrasen wie „ein schwer zu bespielender Gegner“, von dem er „ein Spiel auf Augenhöhe“ erwartet, weil der „sehr kompakt“ steht und „ein schnelles Umschaltspiel“ entfesseln kann.

Umso erstaunlicher war es, dass der Schweizer Übungsleiter ausgerechnet vor der Partie beim 1. FC Köln und damit auch vor dem Spiel gegen Ex-Stürmer Sebastian Andersson am Sonntag (18 Uhr) mit einer durchaus konkreten Analyse der eigenen Mannschaft überraschte: „Wenn man einen Spieler mit Sebastians Qualitäten hat, nutzt man das entsprechend aus“, erklärte er und meinte damit die nachgewiesene Kopfballstärke des schwedischen Nationalspielers, die bei den Eisernen in der Vorsaison für zahlreiche lange Bälle im Spielaufbau gesorgt hatte. „Als er dann nicht mehr bei uns war“, führte Fischer weiter aus, „mussten wir nach neuen Lösungen suchen und kreativ werden.“ Er endete mit einem echten Knaller: „Dass wir unsere Spielweise zuletzt angepasst haben, hat sicherlich mit seinem Abgang zu tun.“

Was diese Aussage so speziell macht: Ein Bundesliga-Debütant rettet sich, auch dank zwölf Treffern seines mit Abstand besten Torjägers, im ersten Jahr zum Klassenerhalt, verkauft eben diesen Torjäger für die Rekordsumme von 6,5 Millionen Euro an einen direkten Konkurrenten und macht dennoch in der reinen Qualität des Fußballspielens einen so gewaltigen Schritt nach vorn, dass nicht nur die kleinen, sondern auch die großen Klubs der Liga beeindruckt sind. Man könnte fast meinen, dass der 1. FC Köln den Eisernen Geld dafür gezahlt hat, dass sie den dringend notwendigen nächsten Schritt machen, um in der Bundesliga nicht nur zu bestehen, sondern als feste Größe und echte Gefahr wahrgenommen zu werden.

Auch wenn das natürlich stark zugespitzt ist, so ist schon verwunderlich, welchen Werdegang nicht nur die Köpenicker, sondern auch Andersson und die Kölner seit dem besagten Rekordtransfer an den Rhein genommen haben. Denn während die Köpenicker die Liga vor der Länderspielpause mit tollem Offensivfußball und einer ebenso überaus stabilen Defensive begeisterten, krebsen die Geißböcke im Tabellenkeller herum und sind dabei eines von drei Teams, die in dieser Saison noch kein einziges Spiel gewinnen konnten.

Hartnäckige Knieprobleme

Zwar gelang dem Schweden selbst ein ordentlicher Start in der Domstadt, wo er in sieben Spielen zwei Treffer erzielte und einen weiteren auflegte. Doch plagte sich Andersson schon seit seiner Ankunft mit hartnäckigen Knieproblemen, was ein völlig befreites Aufspielen merklich erschwerte. Die Kölner Vereinsführung wollte das Problem intelligent lösen und vereinbarte mit dem Angreifer einen minimalinvasiven Eingriff in der Länderspielpause, um einzelne Knochensplitter an der Außenseite des Knies zu entfernen. Der Plan: Andersson sollte regenerieren und spätestens zum Spiel gegen die Eisernen wieder einsatzbereit sein. Doch die Genesung verzögerte sich. Und auch wenn Trainer Markus Gisdol vor dem Spiel bekräftigte, mit Andersson zu planen, klang das mehr nach Hilferuf als nach Gewissheit.

Der Hintergrund: Auch die Kölner haben ihr Angriffsspiel nun auf den Schweden ausgerichtet und auf keinen weiteren Angreifer als ihn, Routinier Anthony Modeste (ebenfalls verletzt) und den blutjungen Nigerianer Tolu Arokodare gesetzt. Fällt Andersson aus, sind die Optionen für Gisdol überschaubar.

Überschaubar sind auch die Sturmoptionen bei den Eisernen nach der schweren Verletzung von Angreifer Joel Pohjanpalo im Länderspiel seiner Finnen in Bulgarien. Allerdings holte Kaderplaner Oliver Ruhnert nicht nur den 26-Jährigen als Ersatz für Andersson, sondern auch die Liverpool-Leihgabe Taiwo Awoniyi, der sich in dieser personell prekären Situation als Glücksfaktor erweisen könnte.

Die Eisernen sind eben nicht mehr abhängig von einem, was jedoch keinesfalls als Abwertung der phasenweise überragenden Leistungen Anderssons im Trikot des 1. FC Union verstanden werden soll. Der Schwede war in den vergangenen beiden Jahren ein wichtiger und vor allem konstanter Faktor für den Erfolg und den Aufschwung der Köpenicker. Doch kommt man eben nicht umhin zu sehen, dass der Abgang des Stürmers für die Eisernen auf lange Sicht tatsächlich ein Glücksfall war.