Berlin-KöpenickDer ZDF-Mann mühte sich sichtlich, nach dem 2:2 des 1.FC Union gegen den VfL Wolfsburg Urs Fischer aus der Reserve zu locken. Ob er denn bereit sei, darauf zu wetten, dass Oliver Ruhnert abends an der Torwand im Sportstudio treffen würde? Der Uniontrainer war schon kurz davor, eiserne Solidarität zu zeigen – beim letzten Besuch in Mainz hatte Unions Manager keine Kugel versenkt – und dennoch auf den Kadergestalter zu setzen, als der geforderte Wetteinsatz ihn zurückschrecken ließ wie den Teufel vor dem Weihwasser. Nein, das Wort von der Europa League werde er dafür nicht in den Mund nehmen.

Auch im Stadion wurde sich an dem Thema nach dem Schlusspfiff abgearbeitet und Fischer dabei zunächst umdribbelt. Wolfsburgs Trainer Oliver Glasner musste sagen, ob er Union bis zum Schluss auf der Rechnung habe. Der sieht bei anhaltender Konstanz diverse Teams dazu befähigt, darunter eben auch Union, sich für das internationale Geschäft zu qualifizieren. „Sie zeigen sehr konstante und gute Leistungen. Sie haben gegen Bayern einen Punkt geholt, sie haben Dortmund geschlagen. Sie haben eine gute Spielanlage, ein physisch starkes Zentrum und zwei brandgefährliche Spitzen.“

Gut, dass wenigstens der in Köpenick gar nicht anwesende Julian Nagelsmann kein Blatt vor den Mund nimmt. Es sei ja nicht viel passiert, meinte Leipzigs Trainer mit Blick auf „Union und Wolfsburg “ nach dem 1:3 gegen Dortmund. Was übersetzt heißt, dass er den Eisernen einen so langen Atem zutraut, dass sie sich erdreisten könnten, gar einen der Champions-League-Plätze zu besetzen. 

Ein bisschen zu viel der Ehre. Und so wurde nach dem Schlusspfiff ein letzter, zaghafter Versuch unternommen, Fischer das böse E-Wort  zu entlocken. Was denn passieren müsse, damit diese Gerede Geschichte sei? „Stellen Sie nicht mehr immer diese Frage, dann sind wir es los“, lautete Fischers Konter.

Womit er es sich ein bisschen einfach macht. Dem Schweizer Fußballlehrer ergeht es derzeit ein bisschen so wie Goethes berühmtem Zauberlehrling: „Die Geister, die ich rief, die werd' ich nun nicht los.“ Es ist ja nun mal sein Verdienst, dass sich Union so entwickelt hat, dass sie ihrem natürlichen Habitat - sprich: der Abstiegszone – als entwachsen erscheinen. Und das Team wird ihm bestimmt nicht den Gefallen tun, in seiner Performance nachzulassen, nur damit Europa nicht mehr in der Luft schwingt. 

Realistisch betrachtet werden die Köpenicker in der Endabrechnung kaum etwas mit Platz drei oder vier zu tun haben. Auch weniger mit Rang fünf (Europa-League-Gruppen-Phase) oder sechs (Playoffs zur European Conference League). Zu sehr drücken von hinten Teams wie Gladbach und Wolfsburg, die, bei aller Liebe zu den Rot-Weißen, doch ein klein wenig mehr Substanz haben. Auch Frankfurt, zuletzt zweimal in internationalen Gewässern schippernd, ist in Schlagweite. Von daher wäre ein  nur einstelliger Platz nicht unwahrscheinlich, aber auch kein Beinbruch. 

Ebenso realistisch betrachtet, haben die Köpenicker nichts mehr mit dem Abstieg zu tun. Sie sind zwar noch nicht komplett am Ziel, aber es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie den Deckel drauf machen. Gegen Wolfsburg war Union ja schon kurz davor, zwei weitere Nägel ins Holz des Klassenerhalts zu schlagen. 

Ein aberkannter, direkt verwandelter Eckball von Christopher Trimmel („Das wäre das erste Mal in meinem Leben gewesen“) hätte Union, nach den Treffern von Sheraldo Becker (29.) und Robert Andrich (52.), das 3:1 beschert und damit wohl den Sieg. Was Fischer monierte. „Taiwo kann sich ja nicht in Luft auflösen und dem Gegner Platz machen. Er steht da und geht nicht mal hin. Für mich ein reguläres Tor“, sagte der 54-Jährige. So führte ein von Marcus Ingvartsen verursachter, streitbarer  Handelfmeter  zum Ausgleich durch Wout Weghorst (65.). und Union blieb Fünfter, 

Fischer hätte die eingangs erwähnte Torwand-Wette übrigens ruhig eingehen können. Denn Ruhnert erledigte die Aufgabe im Handumdrehen und mit Bravour. Zwei unten, einen oben. Und so ganz nebenbei und nahezu unbemerkt räumte er auch noch mit den wuchernden Spekulationen auf, dass in diesem Wintertransferfenster die Herren Sven Michel (Padeborn) oder Kasper Junker (Bodö/Glimt) ihre Zelte in Köpenick aufschlagen werden.