Berlin-Köpenick - Es war eine richtig gute Tour, die Sebastian, 37, und Paul, 31, an einem Freitag im März 2020 starteten. Mit dem Flugzeug ging es von Berlin nach Basel, wo die beiden Freunde die schweizerische Großstadt besuchten, ehe sie am Sonnabend mit dem Zug weiter ins Breisgau fuhren. Da spielte der 1. FC Union, wie auch an diesem Sonnabend um 15.30 Uhr, gegen den SC Freiburg. Das Ergebnis trübte die Reise zwar ein wenig – die Eisernen verloren mit 1:3 und Abwehrchef Marvin Friedrich wegen einer Gelb-Roten Karte für das kommende Spiel gegen den FC Bayern –, doch auf der Rückfahrt war die Niederlage schnell vergessen. Mit einem anderen Freund und ein paar Bier ging es noch am selben Abend im Auto die 800 Kilometer zurück nach Berlin, gegen drei Uhr morgens waren die beiden zu Hause. Dass es die letzte Auswärtsfahrt für lange Zeit werden sollte, ahnten die beiden Dauerkarteninhaber damals nicht.

„Unermessliche Sehnsucht“

Nach dem Gastspiel der Eisernen in Freiburg vor knapp einem Jahr wurde das öffentliche Leben in Deutschland heruntergefahren. Die Bundesliga pausierte beinahe zwei Monate lang bis in den Mai, auch wenn die Köpenicker kurz vor dem Lockdown noch händeringend versuchten, das Heimspiel gegen den Rekordmeister aus München stattfinden zu lassen. Auch die beiden Unionfans hofften damals auf das Spiel: „Das war irgendwie krass, man hat sich irgendwie bis zuletzt gewünscht, dass wenigstens dieses Spiel noch stattfindet“, erklärt Paul und Sebastian ergänzt: „Das Erste, was wir nach dem Aufstieg gedacht haben, war: ‚Die Bayern müssen in einem Pflichtspiel zu uns nach Hause kommen!‘ Wir haben dann jeden Tag das Handy gecheckt, ob das Spiel stattfinden kann. Es war ja damals auch noch gar nicht klar, ob wir die Klasse halten und die Chance bekommen, so etwas noch mal erleben zu können.“

Die Klasse hielten die Eisernen zwar, doch das Spiel gegen den Rekordmeister – und alle weiteren Spiele – konnten die beiden nur noch vor dem Fernseher verfolgen. „Mein innerer Antrieb ist“, sagt Paul, „dass ich der Mannschaft in schweren Situationen im Stadion helfen kann. Vor dem Fernseher fühle ich mich komplett hilflos, da werde ich verrückt. Ich kann mich auch nach einem Jahr nicht damit abfinden, nicht zum Spiel gehen zu können. Das behauptet man vielleicht mal an einem Mittwoch, aber an einem Sonnabend, wenn Spieltag ist, ist es genauso schlimm wie an jedem Spieltag zuvor.“

Sebastian sieht das ähnlich: „Es ist bei jedem Spiel schlimm, nicht zu Union gehen und die Seele auch so ein Stück weit baumeln lassen zu können. Das ist eine unermessliche Sehnsucht, die kann man gar nicht beschreiben.“

Hoffen auf das Derby

Dennoch halten die beiden die Maßnahmen, Fans nicht ins Stadion zu lassen, grundsätzlich nicht für falsch. „Wir sprechen am Ende noch immer über eine Freizeitaktivität“, sagt Paul, „während zum Beispiel Schulen viel dringender geöffnet werden müssen. Das wäre bedeutend wichtiger.“ „Trotzdem“, betont er, „wäre es schön, wenn es Konzepte geben würde, mit denen die Fans zurück ins Stadion könnten. Die Idee von Unions Präsident Dirk Zingler, Zuschauer flächendeckend testen zu lassen, fand ich klasse, vor allem im Zusammenspiel mit der Corona-Warn-App. Da hätte ich sofort mitgemacht. Andererseits sind eben auch die Testkapazitäten nicht unbegrenzt.“

Sebastian sieht das ähnlich: „Mir geht es da gar nicht so sehr um mich und meine Gesundheit. Ich will einfach nicht derjenige sein, der andere womöglich ansteckt, nur weil ich mich gerne in die Massen stürzen will.“

Trotzdem hoffen die beiden weiter darauf, die Eisernen möglichst bald wieder live sehen zu können. Wann genau, ist ihnen völlig egal. „Klar denkt jeder, dass wir zum Derby gegen Hertha BSC wieder ins Stadion wollen, aber, ganz ehrlich? Meinetwegen kann es auch ein Auswärtsspiel in Wolfsburg oder sonst wo sein“, sagt Paul, während Sebastian verträumt ergänzt: „Wenn heute noch die Stadien geöffnet werden, würde ich kurz der Familie Bescheid geben und dann mit aller Macht versuchen, noch einen Zug nach Freiburg zu bekommen.“