Dirk Zingler: „Heute wird der Sport dazu benutzt, immer mehr auszugrenzen“

Der Präsident des 1. FC Union Berlin über Völkerverständigung, Humanismus und die Aufarbeitung der Corona-Zeit.  

„Fußball ist für uns nicht das Geschäft oder die Umsatzmaximierung“: Dirk Zingler beim Gespräch mit der Berliner Zeitung in der Alten Försterei.
„Fußball ist für uns nicht das Geschäft oder die Umsatzmaximierung“: Dirk Zingler beim Gespräch mit der Berliner Zeitung in der Alten Försterei.Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Dirk Zingler ist seit 18 Jahren Präsident des 1. FC Union Berlin. Der Klub aus Köpenick wurde zunächst belächelt, dann unterschätzt. Heute fürchten alle Gegner aus der Bundesliga den kleinen Klub aus dem Osten. Wir wollen wissen, was das Erfolgsgeheimnis ist und treffen Zingler in einer Lounge im Stadion an der Alten Försterei. Zingler geht zuerst hinaus und blickt auf das Spielfeld. Er hilft unserem Fotografen beim Abdecken der Stühle. Dann kommt er an den großen, dunkelbraunen Arbeitstisch. Ein paar Scherze gehen hin und her. Zingler lacht kurz mit. Wir trinken Espresso, er nichts. Zingler sagt: „Komm, lass anfangen!“

Berliner Zeitung: Wie viele Mitglieder hatte Union ungefähr vor 18 Jahren?

Dirk Zingler: 5.000

Wie viele Mitglieder sind es heute?

Fast 45.000

Woher kommen die Mitglieder geografisch?

Schwerpunkt ist Berlin, die Region. Fußball verkörpert Heimat. Zum Beispiel kommen auch aus Neukölln viele Fans zu uns. Es ist der Nachbarbezirk von Köpenick und die Leute sind schnell bei uns. Es ist daher nicht immer etwas Politisches, sondern oft ganz pragmatisch. Die Leute fragen: Wie lange brauche ich ins Stadion?

Sie sagen also: Der weltweit bestaunte Zuspruch für Union kommt schlicht daher, weil die Leute hier schnell im Stadion sind?

Ja, auch. Wir brauchen es doch nicht zu überhöhen. Wir haben in Berlin zwei Millionen Menschen, die zugereist sind. Die haben keine Urverbundenheit zu einem Verein. Die fragen sich ganz einfach: Warum soll ich eine Stunde fahren, wenn ich ein tolles Stadion und einen erfolgreichen Verein sehen will?

Wie sind die Altersgruppen?

Eine ganze Menge junger Leute treten ein. Das finde ich sehr schön. Wir haben in den 90er-Jahren eine ganze Generation verloren, da haben wir hier vor 700 Leuten gespielt. Heute sehe ich unheimlich viele Kinder im Stadion, Frauen, alles was Berlin hergibt, und das macht mich glücklich. Denn hier entsteht etwas, das uns nicht nur im Augenblick Freude macht, sondern es ist nachhaltig. So wie wir zu unserer Zeit kommen heute viele als Kinder zum ersten Mal in die Alte Försterei. Und es ist so wie damals: Wenn du dich einmal verliebt hast in den Klub, dann ist das was fürs Leben.

Wie sah die Welt aus, als sie als Kind Fan wurden? Und wofür stand der Klub?

Ich bin Mitte der 70er-Jahre zum Klub gekommen. Damals gab es noch nicht so viele Freizeitangebote. Es gab einen Schwarz-Weiß-Fernseher, der stand bei Vattern im Zimmer, und die Kinder waren draußen. Fußball hat einen großen Raum eingenommen. Uns war klar: Sonnabends war Fußball. Damals war Sonnabendvormittags ja noch Schule, danach sind wir ins Stadion. Für mich war gar nicht so faszinierend, was auf dem Rasen passierte. Für uns war interessant, was auf den Rängen passiert. Wenn du zwölf, dreizehn Jahre bist und du kommst auf die Ränge, und da stehen dann langhaarige Kutten, Männer, die einen rauen Ton haben. Wir haben uns mit den Schulkameraden hier getroffen und es aufgesogen. Mein Bruder war auch hier. Unser Großvater war hier. Mich hat nie interessiert, wie der Verein funktioniert, wer gerade Vereinsvorsitzender ist. Den Sonnabend hier zu verbringen, war einfach cool.

Union galt als Verein der Oppositionellen. Hat das eine Rolle gespielt?

Für mich nicht. Wenn ich ehrlich bin: Ich kenne aus meinem Umfeld keinen, der aus politischen Gründen an die Alte Försterei gegangen ist. Mein Bruder zum Beispiel war „Spatensoldat“ (verweigerte den Dienst an der Waffe, Anm. d. Red.). Aber er ist nicht aus politischen Gründen zu Union gegangen, sondern weil es der Klub in unserer Region ist, wo er seit seiner Kindheit hinging. Allerdings: Wenn ich mit dem Staat DDR nichts zu tun haben wollte und Fußballfan war, dann bin ich zu Union gegangen und nicht zu anderen Klubs in Berlin.

Union-Präsident Dirk Zingler beantwortet die Fragen der Berliner Zeitung.
Union-Präsident Dirk Zingler beantwortet die Fragen der Berliner Zeitung.Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Aber war es trotzdem so etwas wie eine Oase der Freiheit?

Ein Fußballplatz ist immer ein Ort der Freiheit. Menschen suchen diesen Ort auf, um nicht reglementiert zu sein, um zu singen, um meinetwegen auch rau zu sein, um vielleicht Menschen zu sehen, die davor und danach nicht Teil ihres Lebens sind, sondern nur für diesen Augenblick. Das ist Freiheit. Menschen sind damals gekommen, weil sie vielleicht aus dem strengen Regime ihrer Eltern ausbrechen konnten. Und heute kommen die Menschen, weil sie aus anderen engen Räumen ausbrechen wollen, wo sie sich sehr reglementiert fühlen. Hier darf jeder drei Stunden verbringen und sein, wie er ist. Und du bist nur frei, wenn du nicht alles, was du tust, gleich sozial gespiegelt bekommst.

Mit der Übernahme des DDR-Fußballs durch den Westen geriet Union an den Rand des Zusammenbruchs.

So ein Klub wie Union oder zum Beispiel Rot-Weiß Essen kann nicht kaputtgehen, weil sie getragen werden von den Menschen in ihrer Region. Es ist ihnen egal, ob du in der fünften oder ersten Liga spielst. Es ist der soziale Raum, der zählt. In London kommt es darauf an, in welcher Straße du geboren wurdest. Wenn ich vor 15 Jahren mit Banken gesprochen habe, die sich um den Fortbestand von Union Sorgen gemacht haben, habe ich ihnen gesagt: Freunde, Union wird es immer geben. Vielleicht nicht mehr den 1. FC Union, dann aber den 2. FC Union Berlin. Du schneidest so einen Klub nicht aus den Herzen und den Köpfen der Menschen heraus. Das ist das eigentliche Kapital, diese Kraft, die ein Klub hat oder eben nicht. Wenn es nicht da ist, kann ich es auch mit dem bestem Marketing nicht künstlich erzeugen. Ich kann mit Erfolg nur etwas verstärken, was schon da ist. Genau das passiert jetzt hier. Zeigen Sie mir einen Bundesliga-Klub in Deutschland, der seit 100 Jahren an derselben Stelle Fußball spielt. Wir sind sehr tief in den Herzen der Menschen in unserer Heimat verankert. Und das seit Generationen.

Sie sagen immer wieder, dass der Verein für „humanistische Werte“ steht. Welche sind das?

Diese Werte sind ein wichtiger Teil meines Lebens und bedeuten mir sehr viel. Einige Jahre, nachdem mein Großvater gestorben war, wurde mir leider erst klar, dass er gar kein Kommunist, sondern ein Humanist war. Es ging ihm immer darum, etwas Gutes für die Menschen zu tun, den Menschen an sich in den Mittelpunkt seines Handelns zu stellen. Und von ihm habe ich viel gelernt. Als damals 2015 die Flüchtlingskrise war, habe ich gesagt: Ich kann als Fußballverein nicht verhindern, dass in Nordafrika Krieg herrscht und Flüchtlinge zu uns kommen. Aber wir können denen helfen, die zu uns kommen. Deswegen haben wir Flüchtlingsunterkünfte zur Verfügung gestellt. Wir können nicht die Welt verändern. Aber wir können immer dort, wo wir sind, humanistisch handeln. Es ist entscheidend: Was tun wir konkret, dort wo wir zu Hause sind? Aber zuerst müssen wir erfolgreich Fußball spielen, um in der Lage zu sein, Schwächeren zu helfen. Der Starke hilft dem Schwachen, das ist unser humanistisches und unternehmerisches Motto zugleich. Denn ich kann nur helfen, wenn ich selber stark genug bin dazu.

Sie kritisieren, dass wir in der Gesellschaft mit einem oberflächlichen Moralismus unser Gewissen entlasten – und dann aber faktisch nichts tun, Stichwort Symbolpolitik. Was meinen Sie?

Dirk Zingler
Dirk ZinglerBerliner Zeitung/Paulus Ponizak

Wir haben bei uns jeden Dienstag seit einigen Jahren eine Lebensmittelausgabe für bedürftige Menschen, und unsere Fans kochen für diese Menschen ein kostenfreies Mittagessen. Vor zwei Jahren waren es jeden Dienstag 700 Leute. Jetzt haben wir dort fast 2.000 Leute – Menschen aus der Mitte unserer Region und Gesellschaft, deren Einnahmen nicht mehr ausreichen, um ausreichend Lebensmittel zu kaufen. Und dann sollen wir unser Stadion mit einer Fahne anstrahlen, egal welcher, um Solidarität mit etwas oder jemandem zu bekunden. Und gleichzeitig kümmern wir uns in unserer Gesellschaft um so vieles nicht, wie zum Beispiel darum, dass die Spaltung zwischen Arm und Reich immer größer wird. Nur Symbolpolitik zu machen und nicht wirklich zu helfen oder zu verändern – das ist unanständig.

Man hat den Eindruck, als würde der Sport immer stärker als politische Projektionsfläche missbraucht...

Wir sollten uns abgewöhnen, uns immer über andere erheben zu wollen und alle anderen zu belehren. Ein gutes Beispiel ist die WM in Katar. Vieles dort entspricht nicht unseren gesellschaftlichen Normen und sozialen Standards. Viele Rechte, die in den westlichen Demokratien gelten, sind in anderen Regionen der Welt noch nicht vorhanden. In Westdeutschland war Homosexualität selber noch vor 30 Jahren strafbar. Was wissen wir durch Corona nicht alles über sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse in der europäischen Fleischindustrie? Wir sollten unsere westliche Überheblichkeit ablegen und die WM in Katar oder den Sport im Allgemeinen vielmehr nutzen, um unterschiedliche Kulturen, Normen und Wertvorstellungen zu überbrücken. Ich mag den Begriff Völkerverständigung im Sport, ein alter DDR-Begriff. Aber heute wird der Sport dazu benutzt, immer mehr auszugrenzen. Wir sollen boykottieren, sanktionieren, uns ideologisch abgrenzen. Das alles entfremdet die Menschen, die Völker voneinander. Ich finde das eine ganz schlimme Entwicklung, und ich bin nicht bereit, mich an dieser Entwicklung mit unserem Klub zu beteiligen.

Sie bauen gerade ein Nachwuchsleistungszentrum. Sportförderung ist Ihre größte Abteilung. Warum machen Sie das?

Als der Ukrainekrieg begann, flüchteten eine Menge Kinder aus der Ukraine, unter anderem viele jüdische Kinder aus Odessa. Da haben wir gesagt, für diese Kinder müssen wir etwas tun. Wenn ich jetzt sehe, wie glücklich diese Kinder bei uns spielen und Sport treiben – Mädchen und Jungen –, dann ist es das, was ich mit Humanismus meine. Und wir konnten das nur tun, weil wir eine starke Abteilung Sportförderung betreiben. Grundsätzlich haben wir im Jahr bis zu 8000 Kinder, mit denen wir gemeinsam Sport treiben oder spielen. Schauen Sie in die Gesichter dieser Kinder. Der Staat hat sich ja in den vergangenen Jahren massiv aus der Jugend- und Sportförderung zurückgezogen. Sportstätten verrotten, Jugendeinrichtungen wurden geschlossen. Der Staat nimmt viele Aufgaben nicht mehr wahr und verlässt sich auf die zivilgesellschaftliche Ebene. Sport ist für Kinder total wichtig.

In diesem Zusammenhang: Welche Lehren müssen wir aus der Corona-Zeit ziehen? Das hat ja vor allem die Kinder und Jugendlichen schwer getroffen.

Wir sollten uns zuerst einmal entschuldigen bei den Menschen, die wir diskriminiert haben, weil sie sich nicht impfen lassen wollten, die wir ausgesperrt haben vom sozialen Leben. Denn heute wissen wir, obwohl es viele Wissenschaftler auch damals schon gesagt haben, Ansteckungen an frischer Luft sind sehr unwahrscheinlich. Diese Menschen waren doch bereit, sich zu testen, um nachzuweisen, dass sie während ihres Aufenthaltes bei einer Veranstaltung nicht infektiös sind. Diese Regeln waren diskriminierend, und ich bin heute noch erschüttert, dass Vereine diese Regeln sogar ohne Rechtspflicht angewendet haben. Warum kann der Staat jetzt nicht sagen: Wir waren unsicher, haben nicht alles richtig entschieden, werden aber daraus lernen. Am meisten ärgert mich die fehlende Einsicht der Verantwortlichen. Es war eine ganz schreckliche Zeit, und ich hoffe, dass wir in der Gesellschaft, auch untereinander, mit so etwas künftig besser umgehen und Andersdenkende nicht diskriminieren.

Und konkret zu den Kindern?

Die Kollateralschäden an den Kindern sind groß und schwer aufzuholen. Kinder waren zwei Jahre lang von Sport und oft sogar von sozialen Kontakten ausgeschlossen. Mit unserer Sportförderung versuchen wir, möglichst vieles wieder aufzuholen. Denn es gibt nichts Wichtigeres, als Kinder miteinander spielen zu lassen. Auch deswegen ist uns die Sportförderung so wichtig. Wir fühlen uns verantwortlich für die Menschen in unserer Region.

Der Leistungssport ist allerdings die Maschine, die alles am Laufen hält. Wie groß ist der Wirtschaftsbetrieb Union?

Wir hatten vor 18 Jahren einen Umsatz von 1,8 Millionen Euro. Heute liegt er bei über 100 Millionen Euro. Wir haben fast 300 fest angestellte Mitarbeiter. Wir betreiben Leistungssport, und mit dem, was wir erwirtschaften, können wir unseren Klub in allen Bereichen auf die nächste Ebene bringen. Es geht am Ende um Leistungsbereitschaft. Die ist heute in vielen Bereichen etwas aus dem Fokus geraten: Alle wollen von der Wertschöpfung profitieren, aber niemand will die Werte schaffen. Ein befreundeter Unternehmer drückt das immer so aus: Alle wollen vom Kuchen essen, aber keiner will ihn mehr backen. In einer Wohlstandsgesellschaft scheint es vielen nicht mehr nötig, für den sozialen Aufstieg etwas zu leisten. Ich brauche mich oft nicht mehr anzustrengen, um wirtschaftlich abgesichert zu sein.

Das ändert sich aber gerade. Und da scheint Union ja einen sehr speziellen Kurs zu fahren, der auf Resilienz abzielt. Am Wochenende kommen nun die Bayern – die reichste Mannschaft gegen die wirtschaftlich effizienteste. Kann man das so sagen?

Absolut!

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Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Zur Person
Dirk Zingler, geboren 1964 in Königs Wusterhausen, gründete nach seiner Ausbildung zum Instandhaltungsmechaniker 1995 ein Baulogistikunternehmen. Neben seiner Unternehmertätigkeit gab es für ihn schon immer eine große Leidenschaft – den Fußball. Als jahrelanger Fan des 1. FC Union Berlin steht Zingler nun schon seit 2004 als Vereinspräsident an der Spitze seines Klubs.  Mit Dirk Zingler erreichte der 1. FC Union Berlin erstmals den Aufstieg in die 1. Fußball-Bundesliga und belegt derzeit den zweiten Platz der Bundesliga-Tabelle.                                  

Sie sagen: „Wir zahlen nicht jedes Gehalt.“ Und: „Die Bundesliga beginnt uns zu fürchten.“ Wie muss man in dieser Umbruchzeit wirtschaften?

Wir führen im deutschen Fußball gerade die Diskussion: Wir müssen unsere Erträge erhöhen, auch um unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten oder zu stärken. Ich frage mich immer: Was machen wir mit dem zusätzlichen Geld? Bereits heute sind Bundesligaspieler und ihre Berater in der Regel Millionäre.

Wirklich?

Ja. Das ist die Realität. Ich gönne es ihnen, nicht falsch verstehen. Aber wir diskutieren jetzt trotzdem: Wir müssen noch mehr einnehmen. Aber es spielen immer nur elf Spieler! Das heißt: Mehr Geld wird auf die gleiche Anzahl von Menschen verteilt. Ist das der richtige Weg? Wollen wir uns international wirklich mit Staatsfonds aus Katar und aus dem asiatischen Bereich messen? Ich halte das für falsch. Die Menschen sollen angemessen bezahlt werden. Aber ich bin für die Begrenzung der Gehälter von Spielern und Funktionären und für eine Begrenzung der Provisionen der Spielerberater. Alle verdienen jetzt schon fürstlich, und wir sollten aufpassen, dass wir die Verbindungen zu unseren Zuschauern nicht verlieren.

Sie haben einmal gesagt: Fußball ist ein Hochrisikogeschäft. Warum?

Wir haben durch die Conference League einige Millionen Euro mehr Umsatz gemacht. Das lag ausschließlich daran, dass der Kopfball von Max Kruse in der letzten Minute im letzten Spiel vom Innenpfosten ins Tor gegangen ist. Geht er zwei Zentimeter weiter nach links und der Ball springt wieder raus, haben wir diese Millionen nicht. Im Bruchteil einer Sekunde entscheidet sich alles – das macht den Sport auch so großartig. Aber wirtschaftlich ist ein Spiel immer eine sehr riskante Sache. Das muss man immer im Kopf haben.

Dirk Zingler im Gespräch mit der Berliner Zeitung.
Dirk Zingler im Gespräch mit der Berliner Zeitung.Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Es gibt auch noch andere Risiken: Der BDI-Chef hat am Dienstag gesagt, dass die Substanz der deutschen Industrie bedroht ist wegen der Energiepreise. Dazu kommt die Inflation. Was bedeutet die Krise für Union?

Wir müssen ein Maß finden, dass Menschen sich Fußball noch leisten können und das auch in Zukunft. Bei uns kann man auf den besten Plätzen – Mittellinie Gegengerade – Bundesliga für 15 Euro gucken.

Das soll im Grundsatz so bleiben?

Fußball ist für uns nicht das Geschäft oder die Umsatzmaximierung. Fußball ist für uns, den Menschen einmal in der Woche drei Stunden lang Freude und Glück zu geben. Natürlich ist es schön, wenn die Bayern kommen. Aber Sie können sich mit allen hier in Köpenick unterhalten: Die fanden es genauso schön, wenn Wismut Aue kam oder Dynamo Dresden. Natürlich wollen wir zu den Besten gehören. Aber nicht, weil wir uns ins Licht stellen wollen, sondern weil wir den Menschen das Beste bieten wollen.

Kriegen Sie die Energiepreise geregelt?

Ja, das bekommen wir geregelt. Aber wir werden uns überlegen müssen, ob wir künftig nicht auch zwischen Mai und August spielen wollen und nicht mehr im Winter. Im Winter brauchen wir Beleuchtung und Heizung. Die Skandinavier spielen übern Sommer und im Winter ist Schluss. Wenn das wirklich alles eintritt, was prognostiziert wird, müssen wir in der Liga und mit unseren Medienpartnern auch über Spielpläne diskutieren. Im Sommer ist es sowieso schöner als im Winter, wo man friert und das Bier zu kalt ist.

Sie wollen seit Jahren das Stadion ausbauen. Seit Jahren schlagen Sie sich mit Verfahren herum, kämpfen gegen eine massive Bürokratie.

Das dauert jetzt fünf Jahre. Ich mache den Mitarbeitern in der Verwaltung gar keinen Vorwurf, es liegt an den Vorschriften. Es ist eine unglaubliche Geldverschwendung. Am meisten ärgert mich, dass wir uns in Deutschland daran gewöhnt haben, dass alles so lange dauert. Da muss Tesla kommen und uns zeigen, wie man in anderthalb Jahren eine Autofabrik hochzieht. Die Unternehmen sind ja bereit, ins Risiko zu gehen. Sie sagen: Hey Staat, das einzige, was wir vor dir wollen, ist, dass du uns nicht behinderst.

Wie wirken sich die Verzögerungen wirtschaftlich aus?

Wir werden für die Erweiterung des Stadions deutlich mehr ausgeben müssen als ursprünglich geplant. Wir werden es uns leisten können, aber es ist absurd, welche Ressourcen und wie viel Potential in diesem Land auf Grund der deutschen Vorschriften völlig unnütz verschwendet werden.

Schon in der Corona-Politik haben Sie das Micro-Management der Politik kritisiert, weil es zum völligen Chaos geführt hat. Wie sollte der Staat seine ihm übertragenen Aufgaben ausführen?

Der Staat sollte sich um die Menschen kümmern, die seine Hilfe brauchen, und davon gibt es in Deutschland Millionen. Der Staat ist zu sehr zum Gießkannenprinzip übergangen. Warum bekomme ich als wirtschaftlich unabhängiger Unternehmer 300 Euro Energiezulage? Ich brauche die nicht, andere brauchen dafür aber 600 Euro. Er will insbesondere seit Corona immer stärker reglementieren und ist dadurch für viele Menschen übergriffig geworden. Wir haben in Deutschland wirkliche Probleme. Wir haben keine eigenen Rohstoffe und zugleich einen riesigen Fachkräftemangel. Beides wird unsere Wettbewerbsfähigkeit stark verringern. Also sollten wir in anderen Bereichen wieder schneller, unkomplizierter und kreativer, also besser werden. Viele Menschen und Unternehmen wollen und können das. Der Staat sollte es zulassen und sich dafür mehr um die kümmern, die es nicht können und Hilfe benötigen.

Dirk Zingler
Dirk ZinglerBerliner Zeiitung/Paulus Ponizak

In Ihrem Verein gibt es zwei wichtige Begriffe: Team und Verantwortlichkeit. Warum sind beide nötig für den Erfolg?

Am Ende bestimmt Qualität über den Erfolg. Dazu brauchst du herausragende Menschen, herausragende Fachkräfte: Wenn Sie keinen guten Fotografen haben, werden Sie keine guten Fotos bekommen. Wenn aber der Fotograf keine gute Zeitung hat, kann er mit seinen Fotos auch nichts anfangen. Ihr beide braucht dann auch Leser, die das lesen wollen. Ein gutes Gesamtresultat bekommen Sie nur, wenn Sie gute Leute miteinander verbinden. Niemand darf einfach nur für sich arbeiten. Alle müssen sich gegenseitig helfen. Dafür darf jeder sein, wie er ist – mit seinen Stärken und Schwächen. Bei uns braucht sich niemand zu verstellen. Wir haben in der Vereinsführung unseres Klubs keine Berufsfunktionäre. Alle arbeiten ausschließlich für die Menschen in diesem Klub und um diesen Klub herum. Niemand von uns ist auf Social Media. Es interessiert uns nicht, was dort über uns geschrieben oder gedacht wird. Wenn ich wissen will, was die Menschen denken, gehe ich am Spieltag raus ins Stadion und frage die Menschen direkt.

Ab kommende Woche spielen Sie Euro-League. Welche Werte sind für Sie auf den Europa-Reisen wichtig?

Seit hundert Jahren wird an diesem Standort Fußball gespielt. Die Menschen haben unterschiedliche Staaten, Systeme und Zeiten erlebt, den Krieg, eine geteilte Stadt. Und jetzt messen wir uns hier zu Hause mit den Besten in Europa. Da spürst du die Weiterentwicklung und bekommst Gänsehaut. Vor 30 Jahren haben wir hier gestanden mit 700 Leuten gegen Hertha Zehlendorf. Und jetzt am Donnerstag kommt der Vizemeister aus Belgien. Dann läuft der ganze Film nochmal ab. Das freut mich unglaublich.

Dirk Zingler auf der Tribüne in der Alten Försterei.
Dirk Zingler auf der Tribüne in der Alten Försterei.Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Vor Ihrem Spiel gegen Maccabi Haifa haben Sie Yad Vashem besucht. Warum?

Weil wir unsere Geschichte nicht ausblenden können. Wir können die schlimmsten Verbrechen unseres Landes nicht ausblenden. Yad Vashem ist für mich der Spiegel dieser schlimmsten Taten. Wir konnten auf dieser Reise wunderbare Menschen in Israel kennenlernen. Mit einem solchen Besuch können wir auch zeigen, für welche Werte der 1. FC Union Berlin steht.

Sie sprechen viel mit den Fans. Was sagen die zur aktuellen Entwicklung?

Sie sagen uns, dass es gut ist, dass wir uns nie größer machen, als wir sind. Für viele Menschen ist der Klub die einzige soziale Verbindung, die sie haben. Wir haben eine große Verantwortung für ganz konkrete Menschen.

Reden die Leute über Energiepreise oder Inflation?

Nicht vorrangig. Schauen Sie: Der Klub ist ein Raum der Freiheit. Und Freiheit heißt, auch einmal drei Stunden lang nicht über Energiepreise, Corona oder Krieg nachdenken zu müssen. Sondern den Kumpel und die Freundin zu treffen und einfach zu singen. Und wenn du singst, dann denkst du nicht.

Sie haben einmal gesagt: „Wegducken gibt es nicht!“ Gilt das noch?

Meine Aufgabe ist es, die Menschen durch Fußball an der Alten Försterei glücklich zu machen. Aber wenn ich sehe, dass etwas schiefläuft, wenn Menschen ausgegrenzt werden, dann äußere ich mich.

Und es ist Ihnen egal, was andere über Sie denken?

Warum sollte es mir nicht egal sein? Es ist Teil meiner Freiheit. Wenn ich am Abend nach Hause komme und meine Frau sagt: Mensch, was hast du da für einen Blödsinn erzählt oder gemacht, oder meine Kinder oder Freunde mir das sagen, dann wird’s eng. Ansonsten lasse ich mich von meinen Werten und Instinkten leiten. Versuche, in der realen Welt zu leben – dann lebst du in einer freien Welt.

Das Gespräch führte Michael Maier.

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