Berlin - Was ist das nur für ein grandioses Finale gewesen. Zum zweiten Mal erst haben die Eisernen in nunmehr 68 Spielen in der Bundesliga einen Rückstand in einen Dreier gedreht. Erstmals ist ihnen dieses Kunststück fünf Wochen zuvor beim 2:1 gegen Köln gelungen, nun gegen ein Spitzenteam. Der 1. FC Union  hat die Bullen tatsächlich bei den Hörnern gepackt und damit einen Traum wahr werden lassen.

Es ist, wenn man so will, der Höhepunkt einer Saison, die als Sahne-Spieljahr in die Historie der Köpenicker eingehen sollte. Was ist da nicht alles passiert! Es hat, wie im Jahr zuvor, mit einer Heimniederlage begonnen, nur hat es, kaum zu glauben, in den 16 Heimspielen danach immer Punktezuwachs gegeben. Zu Hause länger ungeschlagen sind lediglich die Bayern (na gut) und Eintracht Frankfurt.

Union hat als einziges Team nicht gegen Bayern verloren

Die Eisernen haben als einziges Team gegen den Dauer-Meister aus München nicht verloren. Noch einmal: Gegen! Die! Bayern! Nicht! Verloren! Das klingt wie eine himmlische Süßigkeit und zergeht auf der Zunge wie ein Nougat-Sahne-Krokant-Trüffel. Wer trotzdem das Haar in der Suppe finden möchte, hier ist es: Gegen Schalke, den schlechtesten Absteiger – nein, nicht seit Tasmania Berlin – seit dem Wuppertaler SV vor 46 Jahren, haben die Rot-Weißen dafür nicht gewonnen. Auch das gehört zu diesem aus Köpenicker Sicht einmaligen, großartigen, mustergültigen, verrückten, wahnsinnigen, glückseligen Spieljahr.

Diese 34 Spiele sind, das sollte jedem, der es mit dem 1. FC Union hält, ganz schwer zu toppen. Erst recht diese wahnwitzigen Schlusssekunden dieses letzten Spieltages, in denen Max Kruse mit seinem elften Saisontor, es ist in der zweiten Minute der Nachspielzeit der letzte Treffer überhaupt von 928 in diesem Spieljahr, die Alte Försterei rockt und alle Fans sich auf Wolke sieben fühlen.

Ein wenig erinnert mich dieses Tor an das 3:2 vor 33 Jahren in Karl-Marx-Stadt, das auch in der allerletzten Sekunde fiel und den damals kaum für möglich gehaltenen Klassenerhalt bedeutete. Manch älterer Anhänger erkennt die Parallele, wobei es diesmal ja nicht um den Absturz in die Zweitklassigkeit ging, sondern um die Krönung einer durch und durch grandiosen Saison. Soll jeder für sich entscheiden, was schöner ist. 

Meilenstein in der rot-weißen Vereinshistorie

So ganz nebenbei haben die Männer um Trainer Urs Fischer und Kapitän Christopher Trimmel die Pseudowahrheit widerlegt, nach der das zweite Jahr in einer höheren Spielklasse gegenüber dem ersten das deutlich schwerere sei. Platz 7 ist eine erstklassige Antwort, keine Frage, er ist ein Meilenstein in der rot-weißen Vereinshistorie, zumal die Eisernen nicht einmal in der DDR-Oberliga oft besser waren. Nur zweimal in 19 Spielzeiten, 1966/67 als Sechster und 1970/71 als Fünfter, ist ihnen das gelungen.

Wie stabil das eiserne Gebilde insgesamt gewesen ist, beweist die Platzierung an den einzelnen Spieltagen. Seit Runde 6, seit dem 3:1 bei der TSG Hoffenheim, stand das Überraschungsteam des Jahres immer einstellig da, zweimal Neunter, je sechsmal Achter und Sechster, fünfmal sogar Fünfter, sonst aber, an zehn Spieltagen, stolzer Siebter. Da sage noch jemand, das Glück der letzten Sekunden sei nicht verdient.

Andererseits hat es Mannschaften gegeben, die in ihrem zweiten Jahr stärker abgeschnitten haben als der 1. FC Union. Die Bayern haben das 1967 mit Rang 6 knapp besser geschafft, dafür wurden Stuttgart 1979 und Bremen 1983 Vizemeister und davor, 1969 nämlich, sogar Aachen. Am Beispiel der Alemannia ist aber ebenso zu erkennen, dass Triumph flüchtig ist und jeder Sieg neu erarbeitet werden will. Oder: Dafür, dass das Genießen nicht zur Orgie ausartet, sind beim Trainingsauftakt zur dann dritten eisernen Saison in der Bundesliga wieder der Trainer, der Manager und zur Not auch der Präsident gefragt.