BerlinIn normalen Zeiten hätten am Sonnabend in Köpenick bei den Marketingstrategen des 1.FC Union die Köpfe geraucht. Die Partie zwischen den Eisernen und dem Rekordmeister FC Bayern München weckte lange Zeit den Anschein, als ob Bedarf an neuen Fanutensilien geweckt werden könnte. Beispielsweise mit einem kecken T-Shirt und einem in die Richtung Champions-League-Sieger-Besieger-Spruch gehenden Aufdruck. Was wäre das für ein Renner im vom Lockdown bedrohten Weihnachtsgeschäft für die eisernen Zeughäuser geworden – so nennen die Köpenicker ihre Fanshops. 

Auch bei den PR-Strategen der BVG dürften während des Topspiels des Spieltages einige Köpfe geraucht haben. Die Kreativabteilung der Verkehrsbetriebe hatte im Vorfeld eher so semimäßig gewitzelt, dass Spiele gegen Bayern, so spannend seien wie 90 Minuten Fahrgastanzeige und die Anhänger der Eisernen sich doch lieber in einen U-Bahnhof setzen sollten, anstatt die Partie irgendwo vorm Fernseher zu verfolgen. Begründung: Da sei wenigstens der Ausgang offen, anders als das zu erwartende Resultat der Partie.  

Doch dann rauschte Kingsley Coman wie einer der großen, gelben Vierwagenzüge durch die im Streckenplan bis dahin eher unbekannte Station Union-Strafraum. In seiner unnachahmlichen Art entwischte er auf dem linken Flügel erst Christopher Trimmel und dann Marius Bülter, als sei er auf der Flucht vor den BVG-Kontrollettis, und fand dann noch Robert Lewandowski in der Mitte, der mit der Gelassenheit, als ob er eben nur einen Fahrschein abknipsen müsste, eiskalt zum 1:1-Ausgleich (67.) abschloss. Wenigstens das war irgendwie vorhersehbar gewesen und ersparte so der BVG, bei den Unionfans kräftig Abbitte leisten zu müssen. 

Denn dieser Treffer rettete den Bayern einen Punkt. Wobei man sich das Wort retten an dieser Stelle als Unionfan schon mit Genuss auf der Zunge zergehen lassen kann. Von wegen Ausgang vorhersehbar ... Ähnlich mundete die Einschätzung von Bayern-Trainer Hansi Flick, der monierte, dass seiner Truppe „gerade in der ersten Halbzeit etwas das Selbstvertrauen gefehlt“ habe. Selbstvertrauen gefehlt? Gegen Union? Wer war bitte noch mal der Triple-Sieger?

Selbst ein Rückstand hätte die Bajuwaren eigentlich nicht schocken dürfen. Sind sie ja mittlerweile gewohnt. In der Alten Försterei passierte ihnen das zum fünften Mal in Folge in der Liga. Diesmal war Grischa Prömel der Torschütze der Eisernen und damit schon der zwölfte Schütze der Köpenicker übrigens. Was zeigt, dass sie nicht nur von einem Max Kruse abhängig sind. Prömel hatte unter der Woche vor dem Wiedersehen mit seinen  bajuwarischen Weggefährten der Olympischen Spiele von Rio 2016 (Leon Goretzka, Serge Gnabry und Niklas Süle) angekündigt, dass die Zeit reif sei für seinen ersten Bundesligatreffer. Dort hatte er sich bislang noch nicht in die Schützenliste eintragen können, was er darauf zurückführte, dass seine Rolle in Deutschlands Eliteklasse weniger offensiv angelegt ist, er weniger in die Box kommt als noch zu Zweitligazeiten. 

Diese Zeiten erschienen einem derzeit wie eine Mär aus längst vergangenen Tagen, so sehr mischen die Köpenicker die Bundesliga auf. Und nun sein Premierentreffer im Fußball-Oberhaus. „Das haben wir unter der Woche trainiert. Dass Trimmi die Bälle punktgenau bringt, das wissen wir mittlerweile. Auch in der Bundesliga. Er hat schon genügend Tore vorbereitet. Von daher bin ich sehr glücklich darüber“, meinte der 25-Jährige und verriet mit einem Lächeln auf den Lippen, dass sein Vater Roland einen kräftigen Anteil am Treffer hatte. „Mein Papa hat mir vor dem Spiel geschrieben, dass es langsam Zeit wird für den ersten Treffer. Deshalb widme ich das Tor meinen Papa. Liebe Grüße nach Hause nach Esslingen.“

Dass es am Ende nicht zu mehr als dem einen Überraschungspunkt gereicht hat, lag zum Teil auch an der ungenügenden Chancenauswertung der Eisernen nach dem frühen Führungstor. Die Möglichkeiten waren da. Zuhauf. Wenn beispielsweise der nimmermüde Taiwo Awoniyi, der David Alaba und Jérôme Boateng häufig wenig Champions-League-reif aussehen ließ, nur einen Bruchteil seiner Chancen genutzt hätte, wäre Union als Triumphator vom Platz gegangen und er mit Sicherheit in den Notizbüchern der Bayern-Einkäufer gelandet. „Heute waren die Bayern schlagbar“, merkte Prömel an. Er erntete keinen Widerspruch. „Mit mehr Effizienz wäre ein Sieg drin gewesen“, pflichtete ihm sein Trainer bei.