Dirk Zingler: „Wenn geiler Scheiß mit Erfolg verbunden wird, geht er durch die Decke“

Eigentlich sind wir deutscher Meister, sagt der Präsident des 1. FC Union Berlin mit Blick auf die wirtschaftliche Effizienz des Vereins. Ein Jahresrückblick (und viel mehr).

Union-Präsident Dirk Zingler im Gespräch mit der Berliner Zeitung
Union-Präsident Dirk Zingler im Gespräch mit der Berliner ZeitungBenjamin Pritzkuleit

Wer den 1. FC Union Berlin in diesem Jahr im Stadion „An der Alten Försterei“ einmal erlebt hat, kann nicht gefühllos bleiben. Die sportlichen und finanziellen Erfolge eines Vereins, der erst seit einigen Jahren in der Bundesliga spielt, und die bedingungslose Liebe der Fans sind Grund für die Einsicht: Hier, in Berlin-Köpenick, entsteht etwas ganz Außergewöhnliches. Man will einfach dazugehören. Wie geht es weiter? Wie kann ein relativ kleiner Verein noch erfolgreicher werden? Wir haben uns mit Präsident Dirk Zingler (58) in der Geschäftsstelle An der Wuhlheide getroffen, um auf das Jahr zurückzuschauen und die Perspektiven des Vereins zu besprechen.

Berliner Zeitung: Herr Zingler, Sie sind Geschäftsführer eines Logistikunternehmens und Präsident des 1. FC Union Berlin, eines Familienunternehmens, wie Sie es so schön formulieren. Wie schaffen Sie es, Job und Familie unter einen Hut zu bringen?

Dirk Zingler: Job, Familie und Club sind die drei Säulen in meinem Leben. Es ist wichtig, in jeder Säule glücklich zu sein und Menschen zu haben, auf die du dich stützen kannst. Beim 1. FC Union arbeite ich seit 18 Jahren ehrenamtlich, im Schnitt 150 Stunden im Monat, nicht zuletzt, weil ich mein Unternehmen so aufgestellt habe, dass es auch ohne meine ständige Anwesenheit gut funktioniert. Auch den Club habe ich so entwickelt, dass er auf diese Weise gut funktionieren kann. Aber alles funktioniert nur, wenn ein tolles Team zusammenarbeitet.

Wie sehen Sie Ihre Rolle im Club? Sind Sie ein strenger Vater oder ein liebevoller Onkel? Oder üben Sie Ihren Beruf des Instandhaltungsmechanikers aus, also sorgen dafür, dass nichts kaputt geht?

Ich bin Unternehmer. Ein angestellter Geschäftsführer ist das in der Regel nicht. Ein Unternehmer haftet mit eigenem Geld und Vermögen. Ich glaube, Unternehmer zu sein, kannst du nicht erlernen. Du bist es oder eben nicht. Es ist wie ein Talent, mit dem du geboren wirst. Meine Rolle bei Union ist die eines Unternehmers, der seinen Verein liebt.

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Zur Person
Dirk Zingler, geboren 1964 in Königs Wusterhausen, ist Gründer und Geschäftsführer des Logistikunternehmens DIE LOGISTIKER und seit 2004 Präsident des 1. FC Union Berlin. Mit ihm schaffte der Verein 2019 erstmals den Aufstieg in die Fußball-Bundesliga und belegt derzeit den fünften Platz in der Bundesliga-Tabelle.

Und dabei gilt es, gute und schlechte Phasen zu meistern, es gibt Finanzkrisen, Kriege oder andere Konflikte. Ich habe 2003 zusammen mit einigen Unternehmern den Wirtschaftsrat gegründet, um dem Club unternehmerische Kompetenzen zur Verfügung zu stellen. Heute tragen viele dieser Unternehmer Verantwortung in den Gremien des Vereins. Gestartet sind wir damals bei 1,8 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Heute sind es knapp 160 Millionen Euro. Statt zwölf haben wir jetzt 400 Mitarbeiter. Da verändern sich die Führungsaufgaben. Am Ende führe ich einen mittelständischen Fußballclub und ein mittelständisches Logistikunternehmen gleichermaßen.

„Fußball ist für uns nicht das Geschäft oder die Umsatzmaximierung“, haben Sie unserer Zeitung einmal gesagt. Von welchem Prinzip lassen Sie sich dann als Unternehmer leiten?

Fußball wird von vielen Mosaiksteinen geprägt. Der Kern ist immer die Organisation, um die herum es Medien, Sponsoren, Fangruppen und so vieles gibt. Meine Aufgabe ist es, die Organisation zu vertreten und sie zu schützen. Aber natürlich bin ich Unternehmer, der ganz bewusst ein Angebot unterbreitet, so wie er es selbst auch mag. Auf Fußball bezogen bedeutet das: Wenn du ein sehr emotionales, bewegliches, mal himmelhoch jauchzendes und mal zu Tode betrübtes Produkt hast, tut es gut, einen klaren Blick darauf zu haben und es auch unternehmerisch zu betrachten.

Fußball ist für Sie also ein Produkt. Oder der Club?

Unser Club ist neben einem ganz wichtigen sozialen Phänomen auch ein sehr erfolgreiches Unterhaltungsunternehmen. Die Menschen kommen hierher, weil sie aus dem Alltag herauskommen und sozialen Kontakt zu uns und untereinander pflegen wollen. Ob Fußballer oder Handballer, Oper oder Ballett, jeder schafft ein im weitesten Sinne kulturelles Angebot.

Sprechen wir über die wirtschaftlichen Erfolge dieses Unterhaltungsunternehmens. Am meisten verdient der Verein nicht mit dem Spielbetrieb, der etwa fünf Prozent des Umsatzes ausmacht, sondern mit der TV-Verwertung und sonstigen betrieblichen Erlösen: 49,5 bzw. 40,5 Millionen von insgesamt rund 122 Millionen Umsatz in der Saison 2021/22. Was gehört zu diesen betrieblichen Erlösen, die sich in der letzten Saison mehr als verdoppelt haben?

Das sind unter anderem Mitgliedsbeiträge, Transfererlöse, Merchandising-Produkte, Bier und Bratwurst im Stadion und auch Zuschüsse. Da ist der Erfolg drin, der sich durch die Zuschauer ausdrückt. Nach einem gewonnenen Spiel machen wir auch im Stadion bedeutend mehr Umsatz als nach einem verlorenen Spiel. Der wirtschaftliche Ertrag eines Spieltages hängt enorm vom Spielergebnis und vom Wetter ab.

Die letzte Bundesliga-Saison beendete der Verein als Fünfter. In die Winterpause ist er wieder als Fünfter gegangen. Können Sie bereits über eine gewisse Stabilität sprechen? Ist das die Position Minimum, die Sie behalten wollen, auch für die guten Erlöse?

Sport ist oft etwas sehr Instabiles, worauf du dich wirtschaftlich nicht verlassen kannst. Ob der Ball in einem entscheidenden Spiel reingeht oder nicht, kann viele Millionen Euro Unterschied beim Umsatz ergeben. Deswegen ist eine Grundstabilität in der Organisation Voraussetzung für sportlichen Erfolg. Andersrum verleiht sportlicher Erfolg dem Club wiederum Stabilität. Es geht also um die gegenseitige Bereitstellung von Stabilität. Wir können immer wieder sehen, was in der Liga passiert, wenn diese Stabilität nicht da ist. Da kann man auch plötzlich absteigen …

Wie Schalke 04 zum Beispiel?

Ich möchte keine Namen nennen. Wenn du diese schwächeren Phasen nicht auffangen kannst, kann es schnell nach unten gehen. Wir haben beim 1. FC Union Berlin seit einigen Jahren Stabilität und viel gegenseitiges Vertrauen. Die Menschen, die bei uns arbeiten, fühlen sich wohl. Ich glaube, dass wir eine unheimliche Effizienz haben. Den Großteil der uns zur Verfügung stehenden Kraft setzen wir für eine erfolgreiche Entwicklung des Clubs ein. Ich glaube, diese Effektivität benötigt ein Club unserer Größe, um erfolgreich zu sein. Wir sind sehr glücklich, seit einigen Jahren sportlich so erfolgreich zu sein. Dadurch erreichen wir wirtschaftlich neue Plateaus. Wenn wir in dieser Saison an die 160 Millionen Euro Umsatz erwarten, bin ich sicher, dass wir in drei Jahren nicht wieder auf 40 Millionen zurückfallen. Auch wenn es sportlich mal nicht so erfolgreich läuft.

Was erlaubt Ihnen, sich für den wirtschaftlich effizientesten Verein zu halten? Der Fakt, dass Sie in der letzten Saison nach den früheren Verlusten über zwölf Millionen Gewinn gemacht haben, da wo etwa der FC Bayern München bei einem riesigen Umsatz von über 660 Millionen Euro nur über neun Millionen Euro Gewinn kassiert hat?

Wir sind ein gemeinnütziger Verein – keine Kapitalgesellschaft, die jemandem gehört. Alles, was wir tun, dient der Gemeinschaft. Unser Unternehmenszweck ist es nicht, Kapital zu erzeugen. Der Ertrag in einem Fußballclub ist es, erfolgreich Fußball zu spielen und dadurch der Gemeinschaft zu dienen. Fußball ist ein soziales Produkt. Die Erzielung finanzieller Gewinne ist nicht unser Ziel, es sei denn, wir setzen diese wiederum für die Entwicklung des Clubs ein. Also heißt Effizienz für mich auch: Wieviel Mittel setzen wir für einen Punkt in der Tabelle ein? Und wenn ich die eingesetzten Mittel in der Liga vergleiche, dann kann ich feststellen, dass – wirtschaftlich gesehen – eigentlich wir deutscher Meister sind. Ich halte daher auch nicht so viel davon, immer mehr Geld für den Fußball zu akquirieren, um einen Gehaltswettbewerb um die besten oder teuersten Fußballer der Welt eingehen zu können. Diesen Wettbewerb werden wir in Deutschland verlieren, egal wie vielen Investoren wir Beteiligungen an unserem Fußball anbieten. Vielmehr würden wir eine Fußballkultur zerstören, die in Europa ihresgleichen sucht. Und am Ende würden wir für die gleiche Qualität Fußballer nur mehr Geld zahlen.

Union-Präsident Dirk Zingler im Gespräch mit der Berliner Zeitung
Union-Präsident Dirk Zingler im Gespräch mit der Berliner ZeitungBenjamin Pritzkuleit

Sie sagten auch im RBB, dass Sie im Club die Menschen glücklicher machen als beim deutschen Meister. Sind die Spieler so glücklich bei Ihnen?

Ich habe damit unsere Zuschauer gemeint, aber auch viele Spieler fühlen sich bei uns sehr wohl. Schauen Sie, wie sich Grischa Prömel, Marvin Friedrich und andere nach ihrem Abschied dazu geäußert haben.

Ihr Sportdirektor Oliver Ruhnert sagte Anfang September in der FAZ, dass Sie zu den Vereinen gehörten, die jedes Jahr aufs Neue schauen müssten, dass sie einen Kader zusammenbekommen und weiter in der Bundesliga bleiben würden. Ist die Lage bei Ihnen also doch nicht so stabil? Stellen Sie sich diese Frage mit dem Kader wirklich jedes Jahr?

Ich glaube, dass diese Frage sich bis auf fünf, sechs Vereine viele in der Bundesliga stellen, wenn nicht sogar alle. Die jährliche Kaderzusammenstellung ist immer eine Herausforderung. Das ist normal, denn für Spieler gibt es unterschiedliche Entwicklungsstufen. Wenn ein Spieler bei uns fünf Jahre gespielt hat, dann werde ich nicht widersprechen, wenn dieser einen nächsten Schritt in seiner Karriere gehen möchte. Für uns sind die Spieler junge Männer, die eine gewisse Etappe ihrer Karriere bei uns verbringen. Zudem ist der Wechsel eines Fußballers in der Vertragszeit einer der wirtschaftlich wichtigsten Vorgänge für alle Beteiligten. Es ist ein relevanter Teil des Fußballs, Transfers abzuwickeln und sich immer wieder eine neue Mannschaft zusammenzustellen.

Ist das nicht traurig? Sie verdienen das meiste Geld nicht mit Fußball selbst, sondern damit, dass sie einen Spieler verkaufen.

Das meiste nicht, aber es ist ein Teil davon. Traurig ist es auch nicht. Es ist ein normaler Verlauf, auch aus der Sicht des Spielers, denn Spieler wechseln in ihrer Karriere in der Regel drei oder vier Mal. Zudem glaube ich, dass viele Spieler nicht gerne ewig mit demselben Trainer zusammenarbeiten möchten. Veränderung ist das Kerngeschäft des Fußballs. Da wir mit Urs Fischer eine glücklicherweise hohe Stabilität auf der Trainerposition haben, verändert sich bei uns der Kader etwas stärker.

Was verdient der bestverdienende Spieler bei Ihnen? Wenn wir es schon mit FC Bayern München vergleichen: Manuel Neuer und Joshua Kimmich sollen jährlich nach diversen Angaben 18 Millionen Euro ohne Boni verdienen.

Sie kennen unseren Etat für alle Spieler und Mitarbeiter der Lizenzspielerabteilung: rund 43 Millionen Euro in der letzten Saison. In dieser Saison haben wir ihn auf rund 50 Millionen erhöht. Ja, wir zahlen weniger als andere, bieten aber eine ganz tolle Arbeitsatmosphäre, in der sich Spieler gut entwickeln können. Aber lasst uns ehrlich sein: Was ist angemessen für einen jungen Fußballer? Auch wir zahlen deutlich mehr, als Menschen außerhalb des Fußballs verdienen.

Sie haben bald 50.000 Mitglieder. Inwiefern werden die Fans in die Entscheidungsprozesse einbezogen?

Union ist ein mitgliedergeführter Verein und wird durch Fans geführt. Ich bin Fan und Mitglied seit Jahrzehnten und arbeite hier ehrenamtlich zum Wohle des Vereins, wie viele meiner Kollegen im Präsidium. Der Aufsichtsrat ist das Kontrollgremium der Mitglieder. Die meisten Mitarbeiter sind Mitglieder des Vereins. Mir ist unser gemeinnütziger Status sehr wichtig. Es ist gut, dass wir keine Eigentümer haben. Das Geld, das wir erwirtschaften, bleibt im Fußball, in unserem Club und fließt nicht ab. Als Mitglied engagiere ich mich für diesen Verein, weil Union seit meiner Kindheit mein Verein ist. Das ist meine Motivation. Ich verstehe zum Beispiel nicht immer, warum sich ein Investor mit mehreren Hundert Millionen Euro an einem Fußballclub beteiligt. Was ist seine Motivation? Will er mit Fußball Geld verdienen? Wenn ich das Geld über Ausschüttungen zurückbekommen will, handle ich widersprüchlich. Ich sollte doch daran interessiert sein, dass der Club sich weiterentwickelt, Gewinne im Club bleiben. Wenn es obendrein das Ziel ist, dass der Club durch Erfolge seinen Wert steigert, um ihn danach wieder mit Gewinn zu verkaufen, wird Fußball zur Handelsware. Das lehne ich zutiefst ab. Aber auch ich möchte Union erfolgreicher machen. Jeder Unioner liebt es, Spiele zu gewinnen.

Jedes einzelne Spiel, oder gehen Sie schon weiter und meinen die Champions League?

Die Menschen waren bei uns glücklich, wenn wir in der vierten Liga gewonnen haben, genauso wie heute, wenn wir in der Bundesliga gewinnen. Wir haben alle eine emotionale Bindung zum Club und zu diesen 90 Minuten, zu diesem Erlebnis im Stadion. Fußball wird auch geliebt, ohne diesen einen genialen Pass, ohne ständige taktische Meisterleistungen. Wir streben diese an, wir wollen erfolgreich sein. Aber der Reiz des Fußballs, die soziale Begegnung, findet eben auch außerhalb des Rasens statt: Es sind die Menschen neben dir, der Geruch der Bratwurst, das Bier und das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Und wenn zu dieser Grundstimmung plötzlich Erfolg dazukommt, springst du in Schritten nach oben. Wir verdoppeln gerade unsere Umsätze, denn wenn ein geiler Scheiß mit Erfolg verbunden wird, geht er durch die Decke. Aber wenn du das nicht bist, dann kannst du erfolgreich sein, wie du willst: Es gibt Vereine, die über ihr Werksgelände hinaus kaum durch die Decke gehen. Und sie geben das Vielfache aus. Das ist nicht unser Weg. Wir leben von der Verbindung zu den Menschen und davon, diese Basis mit wirtschaftlicher Kompetenz erfolgreich zu entwickeln. Auch für uns ist so alles erreichbar. Auch die Champions League. Daran müssen wir immer glauben.

Tausende Menschen nahmen am Weihnachtssingen in der Alten Försterei teil.
Tausende Menschen nahmen am Weihnachtssingen in der Alten Försterei teil.Christophe Gateau/dpa

Hertha BSC hat seine Marke als Big City Club gepflegt mit wenig Erfolg. Müssen Sie Ihrer Marke jetzt den letzten Schliff geben, um mehr Investitionen anzuziehen, auch für den Standort hier und das Stadion? Wie würden Sie Ihre Marke überhaupt definieren?

Wichtig ist, dass man im Erfolg, auch im Misserfolg, seine Authentizität erhält und wir uns nicht ständig über die Marke Gedanken machen, sondern über die Weiterentwicklung unserer Organisation. Dieser Club besteht aus einer Vielzahl von Menschen mit unterschiedlichen Ideen, Biografien, unterschiedlicher Herkunft. Und der Club ist wohl deshalb in Berlin auch so gut verankert, weil er genau das zulässt. Jeder darf seine Sicht und seine individuelle Authentizität einbringen. Am Ende gibt es Menschen und Führungskräfte, die ein bisschen wie ein Anker wirken. Sie wissen sehr wohl, dass Fußball auch etwas sehr Traditionelles und Bodenständiges ist. Ich persönlich achte auch darauf, dass sich nicht so viel zu schnell verändert, dass dieser Club auch ein bisschen Heimat an Werten und an Normen bietet. Dieses Heimatgefühl unterstreicht unsere Marke, wenn wir bei diesem Begriff bleiben wollen, nicht die Orientierung auf eine bestimmte Zielgruppe. Wir haben immer wieder Anfragen von Agenturen bekommen, die sich mit der Entwicklung von Marken befassen, aber wir haben sie noch nie beauftragt, weil wir uns zwar weiterentwickeln, aber nicht so viel verändern wollen. Ich glaube, dass die Suche nach einer Marke eher von mangelndem Selbstbewusstsein und Selbstverständnis spricht.

Ist das Heimatgefühl auch ein Grund, dass Sie ein Nachwuchsleistungszentrum für Kinder bauen?

Die soziale Bindung in unsere Region hinein ist uns ganz wichtig, weil an diesem Standort seit 100 Jahren Fußball gespielt wird. Unser Club ist sehr stark regional und familiär verankert. Auch meine Kinder und Enkelkinder sind Unioner, wie die von vielen meiner Generation. Zu unserem ersten Spiel in der Bundesliga 2019 haben viele Unioner ein Bild ihrer verstorbenen Familienmitglieder mitgebracht, die diesen historischen Moment nicht mehr erleben konnten. Wir denken immer auch in Generationen, die vor uns waren und die nach uns kommen. Das kannst du aber nur tun, wenn du selbst fest im Hier und Heute verankert bist und Führungskräfte hast, die es ebenfalls sind.

Ihr Stadion wird in einem Jahr umgebaut. Sie haben zuvor die massive Bürokratie kritisiert, die die Bauprozesse verlangsamt. Wir sehen parallel, wie schnell in Deutschland LNG-Terminals gebaut werden, wenn der politische Wille da ist. Können Sie die Politiker von der Wichtigkeit Ihrer Projekte für die Stadt Berlin und besonders für Berlin-Köpenick nicht überzeugen?

Ich hoffe, es gelingt uns immer besser. Es ist im Grunde genommen aber nicht entscheidend, ob wir das Stadion und unseren Standort 2023 oder erst 2024 umbauen. Es geht uns um die Motivation: Warum tun wir es eigentlich? Ich bin zwar ein ungeduldiger Unternehmer und schimpfe auch, wenn Dinge zu langsam gehen. Aber in gewissem Maße bin ich nicht unzufrieden mit der Tatsache, dass Veränderungen ihre Zeit brauchen. Es gibt Unioner, die sind zum Beispiel sehr traurig, dass der Waldweg einer Straße weichen wird, oder die von unseren Vorgängern aufgeschütteten und von uns betonierten heutigen Ränge zurückgebaut werden müssen. Wenn Vertrautes verschwindet, ein Baum, an dem ich mich immer getroffen habe, eine Treppe, die ich seit Jahren benutzt habe, kann es Menschen von uns entfremden. Wir werden aufpassen, dass das nicht passiert. Deswegen sprechen wir mit ihnen, erklären vieles. Eine unvorsichtige, zu schnelle Veränderung kann uns mehr schaden, als 15.000 zusätzliche Zuschauer uns bringen können. Trotzdem werden wir nicht trödeln.

Dirk Zingler in seinem Arbeitszimmer in der Geschäftsstelle des 1. FC Union Berlin
Dirk Zingler in seinem Arbeitszimmer in der Geschäftsstelle des 1. FC Union BerlinBenjamin Pritzkuleit

Wird das Stadion also so schnell wie möglich umgebaut, damit die Unioner nicht länger ins Olympiastadion fahren und den Ort hier nicht zu lange vermissen müssen?

Wir wollen das eigentliche Stadion nicht länger als ein Jahr umbauen. Wir sind Pragmatiker und akzeptieren Dinge, die sich nicht ändern lassen. Wir gehen ins Olympiastadion ja nicht aus politischen oder finanziellen Gründen. Wir gehen dahin, weil wir hier etwas ganz Schönes bauen.

Zum Schluss habe ich noch ein paar kurze Fragen an Sie. Ihre Lieblingsmannschaft abgesehen vom 1. FC Union?

Habe ich keine.

Auch in anderen Ländern nicht? Real Madrid oder etwa Barcelona?

Nein. Alles außer Union ist … (lacht)

Wenn Sie in der neuesten DFB-Task-Force wären, was würden Sie als Erstes tun, damit die Nationalmannschaft wieder besser spielt?

Ich bin nicht in der Task Force. Aber es geht sowieso nicht nur darum, wie unsere Nationalmannschaft spielt. Dafür habe ich mich nicht geschämt. Für die Themensetzung und überwiegende Berichterstattung und Kommentierung dieser Weltmeisterschaft aber sehr oft. Was haben wir als Deutschland für ein unsympathisches Bild in der Welt abgegeben.

Mit welchem Gefühl blicken Sie auf dieses Jahr zurück?

In Bezug auf Union: Mit Glückseligkeit und Demut.

Was wünschen Sie sich und dem Verein im neuen Jahr?

Genauso viel Spaß und Erfolg wie im letzten. Gesundheit für uns alle und mehr Frieden in unserer Welt.

Alle sehnen sich nach dem Derby am 28. Januar 2023. Mit welchem Spielstand gewinnt der 1. FC Union dieses Mal?

Ich akzeptiere jedes siegreiche Ergebnis (lacht).

Vielen Dank für das Gespräch.

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