Berlin-Köpenick - Es war die Nachricht, auf die Loris Karius seit seinem Wechsel zum 1. FC Union nach Köpenick gewartet hat. Am Sonnabend wird er beim Spiel der Eisernen gegen den FC Schalke 04 um 18.30 Uhr nicht auf der Tribüne des Stadions An der Alten Försterei neben den anderen Ersatzspielern Platz nehmen, sondern auf dem Rasen stehen. Von Beginn an. In der Bundesliga. Eine Präzisierung, die schrecklich albern klingt, wenn man sich Karius’ Vita verdeutlicht, und doch so viel wert ist, wenn man dann auf die vergangenen Monate des einstigen Spitzenklasse-Torhüters blickt.

Denn seit seiner Ankunft in Berlin hatte der gebürtige Biberacher mit Gegenwind zu kämpfen. Nachdem er zum Dienstantritt mit den üblichen Fragen nach dem Champions-League-Finale 2018, bei dem der von einer Gehirnerschütterung benebelte Karius zwei Gegentore verschuldete und sein FC Liverpool gegen Real Madrid mit 1:3 verlor, gelöchert wurde, ging eigentlich jeder davon aus, dass ein Spieler von Karius’ Format, wenn ihn die Eisernen schon nach Köpenick lotsen können, eine Stammplatzgarantie haben müsse. Selbst in einer Mannschaft, in der es keine Stammplatzgarantien gibt. Letzteres lernte Karius dann auf die harte Tour, als Trainer Urs Fischer statt auf ihn auf Routinier Andreas Luthe setzte, weil der zum damaligen Zeitpunkt mehr Ruhe ausstrahlte und bis dahin keinen Grund geliefert hatte, ihn auf die Bank zu verbannen.

Also steckte Karius zurück, bot sich im Training an, schluckte den Frust herunter. Auch, weil Trainer Fischer nach dem Derby, einem schwächeren Spiel von Stammkeeper Luthe, keine Anstalten machte, ihm eine Chance zu geben. Erst kurz vor Weihnachten, im Spiel gegen den Zweitligisten SC Paderborn in der zweiten Runde des DFB-Pokals durfte Karius schließlich erstmals richtig mitmischen, kassierte aber so prompt wie unverschuldet drei Gegentore und flog mit den Eisernen aus dem Wettbewerb. Vorwürfe machte ihm keiner, blöd sah das trotzdem aus. Die Krux des Torhüters.

Dass Karius nun ausgerechnet gegen den FC Schalke 04 und nach zuletzt vier sieglosen Spielen der Köpenicker seine erste echte Chance erhält, hat allerdings einen traurigen Hintergrund. Aufgrund eines Krankheitsfalles in der Familie steht Stammtorwart Luthe den Eisernen am Sonnabend nicht zur Verfügung, nahm schon am Donnerstag nicht mehr am Training teil. Doch selbst jetzt wollte Trainer Urs Fischer Karius noch keine Einsatzgarantie geben, verwies darauf, dass im Dänen Jakob Busk ein weiterer Torhüter fit und einsatzbereit sei.

Immerhin: „Loris ist voll im Training und hat das zuletzt auch gut gemacht. Man hat nach seinem Kurzeinsatz gespürt, dass er auf einen Einsatz brennt. Die Möglichkeit, dass er spielt, ist groß.“ Bereits im Spiel gegen Borussia Mönchengladbach hatte Karius so etwas wie ein halbes Debüt für die Eisernen in der Bundesliga gefeiert und war in der 69. Minute für den angeschlagenen Luthe eingewechselt worden. Der 27-Jährige wurde zwar nur einmal geprüft, parierte den Kopfball von Marcus Thuram aber bravourös und hielt dem Team somit beim 1:1 den Punkt fest.

Überhaupt sind die Eisernen in der wunderbaren Lage, auf einen Torhüter von Karius’ Niveau zurückgreifen zu können. Nicht viele Klubs können einen ihren Stammtorhüter mit einer solchen Qualität ersetzen. Wie glücklich Karius über die Chance ist, wird sich jedoch erst zeigen müssen. Denn Trainer Fischer bekräftigte bereits, dass es derzeit keinen Grund gebe, etwas an der gegebenen Torwarthierarchie zu verändern. Selbst wenn Karius also ein formidables Spiel abliefert, wird er sich wohl spätestens in zwei Wochen wieder auf der Tribüne der Alten Försterei wiederfinden.