Berlin-KöpenickMarcus Ingvartsen wollte am liebsten platzen. Als der Däne in Diensten des 1. FC Union im Spiel gegen den 1. FC Köln (2:1) in der 11. Minute plötzlich alleine vor Kölns Torhüter Timo Horn auftauchte, den Ball aber dennoch nicht im Tor unterbrachte, brach es aus dem 24-Jährigen heraus. Nachdem er zuvor zwei Partien angeschlagen verpasst hatte, hätte der gebürtige Farumer gerne getroffen.

Dabei bewies Ingvartsen seinen Wert für die Eisernen einige Minuten später viel eindrücklicher, als er eine wunderbare Spieleröffnung von Verteidiger Marvin Friedrich mit dem Kopf für Taiwo Awoniyi weiterleitete und dem Nigerianer so sein erstes Tor im Trikot der Köpenicker mustergültig auflegte.

Beide Szenen zeigten am vergangenen Sonntag, welchen Status der Däne bei den Eisernen derzeit einnimmt. Ingvartsen ist der Spieler im Team von Trainer Urs Fischer, der als Allrounder so ziemlich jede Aufgabe erfüllen kann. Er strahlt Torgefahr aus, kann Treffer mit gutem Auge vorbereiten und reißt gleichsam unermüdlich Räume für seine Mitspieler. Ingvartsen schillert nicht wie Max Kruse, fällt nicht mit einem rekordverdächtigen Wert in seinem Spiel auf, wie der pfeilschnelle Sheraldo Becker, ist derzeit nicht einmal Nationalspieler, wie Stürmer-Kollege Joel Pohjanpalo. Ingvartsen steht bei den Eisernen stattdessen für harte, ehrliche Arbeit ohne Schnörkel – ein Spieler, auf den man sich jederzeit verlassen kann.

Was für eine Entwicklung für einen, der mit knapp 21 Jahren in der dänischen Superliga bereits Torschützenkönig war und von da an weniger als fleißige Arbeitsbiene und mehr als Goalgetter galt. Als ebensolchen verpflichtete der KRC Genk den Nachwuchsnationalspieler nach seiner Durchbruchsaison und war schließlich verwundert, als sich Ingvartsen in Belgien mit dem Torschießen etwas schwerer tat. Am Meistertitel hatte er in der Saison 2018/19 mit sieben Kurzeinsätzen jedenfalls enttäuschend wenig Anteil.

Als die Eisernen Ingvartsen im vorvergangenen Sommer vor dem Start in die Bundesliga verpflichteten, hob Unions Sportchef Oliver Ruhnert vor allem die Laufstärke des Dänen hervor und offenbarte dabei unmissverständlich, dass die Köpenicker bei der Verpflichtung nicht nur die durchaus vorhandene Torgefahr, sondern den gesamten Spieler im Fokus hatten. Endlich richtig wertgeschätzt, blühte Ingvartsen an der Alten Försterei auf, lieferte schon in seiner starken Debütsaison beachtliche sechs Treffer und vier Vorlagen in 32 Pflichtspieleinsätzen.

Dabei war er als nach innen ziehender Rechtsaußen am torgefährlichsten. Doch weil Letztjahres-Senkrechtstarter Marius Bülter, im Gegensatz zum rundumverbesserten Sheraldo Becker, zuletzt noch nicht richtig in die Spur fand, wich Ingvartsen stattdessen auf den linken Flügel aus und beschränkt sich derzeit auf der „richtigen“ Seite vornehmlich auf den Spielaufbau und weniger auf den Abschluss.

Dieser eine Mitspieler, der dafür sorgt, dass alles funktioniert

Gerade diese Flexibilität sorgt dafür, dass die Eisernen derzeit auf den Dänen weder verzichten können noch verzichten wollen. Gibt es nicht in jedem großen Team diesen einen etwas stillen, unter dem Radar fliegenden Mitspieler, der häufig wenig beachtet wird und doch im Hintergrund dafür sorgt, dass im Spielsystem der Mannschaft alles so läuft, wie es laufen soll?

Beim 1. FC Union ist Marcus Ingvartsen derzeit dieser Spieler. Und wenn er so weitermacht, macht er sich tatsächlich noch unverzichtbar für die Köpenicker. Da darf er dann die eine oder andere Chance auch mal versemmeln.