Berlin-Köpenick - Vielleicht wäre der folgende Text nie entstanden, wenn Marius Bülter den Ball in der 90. Minute des Bundesliga-Spiels seines 1. FC Union gegen Eintracht Frankfurt einfach ins Netz geköpft hätte. So ist es im Fußball: Der Bruchteil einer Sekunde kann alles verändern. Doch der eingewechselte Flügelspieler köpfte drüber, die Eisernen bejubelten kein Siegtor in der Nachspielzeit - und Bülters ganz persönlicher Saisonstart zeigt, dass auch bei den zuletzt so famosen Köpenickern nicht alles perfekt läuft.

Es war diese Kombination aus Leichtigkeit, Unbekümmertheit und einer Prise Frechheit, die Marius Bülter in der vergangenen Saison zum Shootingstar des 1. FC Union machte. Und diese irre Geschichte: der einstige Regionalligaspieler, der nach einem Durchbruchjahr in der Zweiten Bundesliga beim Absteiger Magdeburg plötzlich das deutsche Oberhaus aufmischt. Sieben Treffer gelangen dem 27-Jährigen, zwei davon beim Überraschungssieg gegen Borussia Dortmund im Stadion An der Alten Försterei (3:1).

Eine Erfolgsgeschichte, die Bülter bei den Eisernen gerne weitergeschrieben hätte. Doch ausgerechnet der sportliche Aufschwung der Köpenicker ist wahrscheinlich das größte Problem des schnellen Flügelspielers. Weil Trainer Urs Fischer von Spiel zu Spiel mehr auf die Vielseitigkeit von Marcus Ingvartsen auf dem linken Flügel setzt und die schnellen Sturmläufe dem rundumerneuerten Sheraldo Becker überlässt, bleibt für Bülter derzeit wenig Platz. Im Oktober zeigte sich der Ibbenbürener selbstkritisch und lernwillig und erklärte: „Ich versuche, im Training an meinem ersten Kontakt zu arbeiten. Der ist momentan vielleicht noch nicht so gut.“ Doch wenige Wochen später machte ein positiver Corona-Test alles noch komplizierter. Drei Wochen musste Bülter in Quarantäne, hatte zumindest in der Hinsicht Glück, dass sein Ausfall in die Länderspielpause fiel. Für seine Geduld belohnen konnte er sich im Spiel gegen Frankfurt, in dem er eingewechselt wurde, wie eingangs erwähnt, nicht.

„Letztes Jahr lief es für Marius wie geschmiert, gefühlt war jeder Schuss drin und alle haben gefragt: Wow, wer ist das?“, erinnert sich auch Robert Andrich, Unions anderer Senkrechtstarter der Vorsaison, der seinerseits jedoch mit schon drei Toren weitaus besser in die laufende Saison gestartet ist. Andrich denkt, dass Bülters schwieriger Saisonstart subjektiv ist, die Situation nur so anmutet, weil er nicht mehr so häufig das Tor trifft. „Ich finde nicht, dass er jetzt irgendwie schlechter als im Vorjahr ist“, sagt er.

Doch was Bülter merklich fehlt, ist dieses Selbstbewusstsein, das ihn im Vorjahr ausgezeichnet hatte. Mit dem Siegtreffer gegen Frankfurt hätte er es sich holen können. Doch wenn der Flügelstürmer weiter so fleißig arbeitet, kommt die nächste Chance vielleicht schon im anstehenden Derby.