Berlin-KöpenickVielleicht ist es ein wenig dreist, Marvin Friedrich zu unterstellen, dass die öffentliche Analyse seiner Leistungen und derer des 1. FC Union nicht zu den bevorzugten Aufgaben des 24-Jährigen gehört. Anders ist seine fast schon gleichgültige Beschreibung der durchaus spektakulären ersten Spieltage der Eisernen jedoch kaum zu erklären. Man sei in jedes Spiel mit einem Plan gegangen, an dem man sich festhalten konnte, erklärt er den Erfolg der Köpenicker, die als Tabellen-Fünfter in die letzte Länderspielpause des Jahres gegangen sind, trocken. Auf seine eigene, überaus positive Entwicklung angesprochen, führt er nur kurz an: „Wenn man Selbstvertrauen hat, fällt einem vieles leichter.“ Aha.

Vielleicht hat Marvin Friedrich aber auch einfach kein Interesse daran, ins Schwärmen zu geraten. Weil erst sieben Spieltage absolviert sind. Weil die harten Brocken, die Spiele gegen den FC Bayern, Borussia Dortmund, RB Leipzig, Bayer 04 Leverkusen und auch das Derby gegen Hertha BSC, erst noch kommen. Weil er, wie kaum ein anderer seiner Mitspieler, die Devise von Trainer Urs Fischer verinnerlicht hat, von Spiel zu Spiel zu schauen, demütig zu bleiben und eine Momentaufnahme als eine solche zu erkennen.

Seit dem Sommer 2018 arbeiten Fischer und Friedrich bei den Eisernen zusammen, der gebürtige Kasseler hat seitdem lediglich ein (!) Pflichtspiel aufgrund einer Trainerentscheidung verpasst. Dazu kamen jeweils eine Gelb- und eine Gelb-Rot-Sperre, ansonsten spielte der Innenverteidiger unter Fischer immer. In seinem Werdegang wirkt der Vizekapitän wie der Musterschüler des Schweizers. Als es im Aufstiegsjahr, dem ersten Jahr unter Fischer, zunächst vornehmlich um eine gewisse Stabilität ging, legte Friedrich gelegentliche jugendliche Fahrlässigkeiten im Defensivspiel vollends ab und konzentrierte sich neben Florian Hübner darauf, die Abwehrzentrale dicht zu machen.

Als Fischer die Defensive im ersten Bundesliga-Jahr der Eisernen noch mehr verdichtete, übernahm der nun mehr zum Abwehrchef aufgestiegene Abräumer Verantwortung und kommandierte in der Dreierkette selbst „alte Hasen“ wie Neven Subotic oder Michael Parensen. Und als die Eisernen zur aktuellen Saison ihr Offensivspiel vielseitiger gestalten wollten, feilte Friedrich akribisch an seinem Spielaufbau, ging zuletzt immer häufiger nach vorne und suchte den direkten Pass in den Angriff oder sogar den Abschluss. Zwei Tore resultierten bislang daraus, schon jetzt so viele wie im gesamten Vorjahr.

Ein Lautsprecher war der 24-Jährige dabei noch nie. In der Zweiten Liga wurde Friedrich nie müde, die Euphorie um einen potenziellen Aufstieg im Zaum zu halten und sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Auch deshalb setzten die Eisernen im Sommer 2019 alles daran, ihren Abwehrchef vom FC Augsburg zurückzuholen, der die vereinbarte Rückkaufoption gezogen hatte. Die Rückkehr des Aufstiegshelden wurde zum Saisonauftakt von den Fans gefeiert wie ein spätes Tor.

Robin Knoche schafft Freiräume

Auch jenseits des Rasens, auf den Tribünen, schätzen sie die Qualitäten des Verteidigers, der eben nicht drumherum palavert, sondern die Antwort auf dem Platz liefert. Dabei hat er, auch wenn er nicht unbedingt ausschweifend darüber sprechen will, seinen ohnehin schon überdurchschnittlichen Fähigkeiten in der Defensive nun eben auch ein beachtliches Repertoire an Offensivaktionen hinzugefügt. Im Spiel gegen den FSV Mainz 05 versuchte er sich gar an einem fein gelupften Pass in die Spitze – grundsätzlich keine Offenbarung, aber eben auch nicht alltäglich für einen Innenverteidiger.

Ob Friedrich dabei auch von den Neulingen Andreas Luthe und Robin Knoche profitiert, ließ er weitestgehend offen. Luthe sei „auf jeden Fall ruhiger“ als sein Vorgänger Rafal Gikiewicz, Knoche – 190 Bundesligaspiele – strahle eine „gewisse Erfahrung“ aus, die man auf dem Platz bemerke. „Wir reden viel miteinander“, offenbart Friedrich über den Zugang aus Wolfsburg, der, so viel sei dem neutralen Beobachter als Analyse gestattet, mit seiner relativ konservativen Spielweise – rigoros verteidigen und einfache Pässe – Friedrich zumindest den Freiraum gibt, sich häufiger in die Offensive einschalten zu können.

Doch all das will Marvin Friedrich lieber für sich behalten. Das ist okay, die Freiheit hat er. Ihn für seine bärenstarke Entwicklung zu loben, ist aber genauso gestattet.