Berlin-KöpenickEs war noch früh im Spiel des 1. FC Union bei der TSG Hoffenheim (3:1), doch Max Kruse sah keinen Sinn darin, den weiten Weg zu gehen. Einen schnell ausgeführten Abwurf von Torhüter Andreas Luthe hatte Robert Andrich zuvor an Stürmer Taiwo Awoniyi weitergeleitet, der nun Kruse anspielte. Der 32-Jährige hatte die linke Außenbahn vollends für sich, doch statt zu einem Sprint anzusetzen, chippte der Routinier die Kugel einfach in den freien Raum, servierte perfekt für Awoniyi, dem lediglich seine spürbare Aufregung das erste Tor im Trikot der Eisernen vermasselte.

Eine Szene mit Symbolcharakter. Statt den sprichwörtlich offensichtlichen Weg zu gehen, entschied der nach seiner Verletzung noch immer nicht vollends fitte Kruse stattdessen, seine Kräfte einzuteilen und sich gleichsam auf zwei seiner größten Stärken - sein Auge für den Mitspieler im Raum und seinen feinen Fuß - zu verlassen, um die Aktion bestmöglich für seinen Klub, seine Mitspieler und schließlich auch sich selbst auszuspielen.

Die Eisernen spielen derzeit den wohl besten Fußball ihrer Vereinsgeschichte. Gründe dafür gibt es so viele, dass man Gefahr läuft, einen zu vergessen und damit zu missachten. Die taktische Expertise von Trainer Urs Fischer ist beispielsweise genauso einer wie die so glückliche wie fundierte Hand von Sportchef Oliver Ruhnert bei der Kaderzusammenstellung. Und doch hängt der aktuelle Aufschwung auch und besonders eng mit Max Kruse zusammen. Das belegte der Sieg in Hoffenheim.

Max Kruse übernimmt die kreative Verantwortung gegen Hoffenheim

Denn obwohl die Eisernen personell und systematisch mit einer variablen Fünferkette und einem Bollwerk im zentralen Mittelfeld eher die Defensive stärkten und dazu mit Taiwo Awoniyi als Leuchtturm im Angriffszentrum in der Theorie die ungeliebten langen Bälle aus der Vorsaison heraufbeschworen, gestaltete sich die Spielweise der Köpenicker im Kraichgau in der Praxis erheblich anders. Das lag vornehmlich an Kruse. Als hängende Spitze ließ sich der Ex-Nationalspieler immer wieder tief fallen, ging, anders als in der eingangs erwähnten Szene, durchaus immer wieder weite Wege und bot sich ständig als Anspielstation an. Rechneten die Hoffenheimer, die ohnehin auf offensivere Unioner eingestellt waren, nun mit langen Bällen auf Awoniyi, bediente Kruse den Nigerianer, aber auch die übrigen Mitspieler vornehmlich flach in den Lauf. Die Hausherren wussten mit der Kombination aus taktischem Schein und Wirklichkeit nicht, wie sie Union anfassen sollten. So richtig in den Griff bekamen sie sie schließlich nie.

Der gebürtige Reinbeker übernahm dabei bereitwillig die kreative Verantwortung im Spiel der Eisernen - und lieferte! Sein 15. Elfmetertor in der Bundesliga - einen Strafstoß verschossen hat er noch nie - ebnete den Sieg für Union, an beiden späten Treffern, dem nächsten Jokertor von Joel Pohjanpalo und dem Tordebüt des eingewechselten Cedric Teuchert, war er direkt beteiligt. Im Fall von Teuchert offenbarte Kruse auch seine mächtigen Qualitäten als Teamspieler. Dem Zugang von Schalke 04 fehlte es in den vergangenen Wochen an Erfolgserlebnissen, sodass Kruse ihm den Ball servierte, statt selbst abzuschließen und zum alleinigen Helden des Abends zu werden. Teuchert bedankte sich mit einer innigen Umarmung.

Überhaupt ist es über die Partie in Hoffenheim hinaus eine Freude, Kruse im Kreise seiner Mannschaftskollegen zu beobachten. Der Routinier hat immer einen flotten Spruch parat, stapft in seiner unnachahmlichen Art stets breit grinsend über den Trainingsplatz und bringt dabei immer so einen gewissen Kreisligacharme auf den Rasen, ohne dabei gar so frevelhaft zu wirken, wie er aufgrund vergangener Eskapaden häufig dargestellt wird. Überhaupt beweist die überaus harmonische Verbindung zwischen den Eisernen und Max Kruse nicht nur, dass Union mit vermeintlich schwierigen Charakteren umgehen kann, sondern auch, dass die Bezeichnung „schwieriger Charakter“ im Fußball vielleicht grundsätzlich mal überdacht werden sollte.

Kruse ist in jederlei Hinsicht ein Gewinn für die Köpenicker. Mit seinem fußballerisch vorbildlichen Verhalten liefert er seinen Mitspielern ein wunderbares Beispiel für Arbeitseifer und Verantwortungsbewusstsein. Gleichsam steht er für die Fähigkeit, sich und seinen Beruf nicht zu wichtig zu nehmen und, zumindest gelegentlich, einfach das zu tun, wonach ihm ist. Und wenn das, statt eines Sprints, lieber ein Chip-Ball ist, dann ist das eben so.