Berlin-Köpenick - Vielleicht wäre es übertrieben zu sagen, dass es ein Schock war, als der 1. FC Union am Donnerstagvormittag den Abschied von Linksverteidiger Christopher Lenz bekannt gab, der sich im Sommer dem Bundesligakonkurrenten Eintracht Frankfurt anschließen wird. Es gibt sicher Überraschenderes als den Wechsel eines Fußballspielers zu einem anderen Verein. Doch die Meldung über den Abgang des Mariendorfers hatte es dennoch in sich, weil sie so viele Dimensionen beinhaltet.

Da wäre zunächst die wirtschaftliche Dimension: Die Eisernen verlieren den 26-Jährigen, den sie nach Ausbildungsstationen bei Hertha BSC und Borussia Mönchengladbach und anderthalb Leihjahren bei Holstein Kiel eigenhändig zum Bundesliga-Profi geformt haben, ohne finanziellen Gegenwert an einen, wenn man die aktuellen sportlichen Leistungen betrachtet, direkten Ligakonkurrenten. Das Portal transfermarkt.de legt Lenz’ Marktwert derzeit auf vier Millionen Euro fest – eine Summe, die die Köpenicker im Normalfall durchaus für den Flügelspieler hätten einstreichen können.

Ersatz für Lenz muss sofort funktionieren

Sportlich ist der Abgang von Lenz ebenfalls ein massiver Verlust. Der Linksverteidiger gilt als unangefochtener Stammspieler auf seiner Position, seit er sich in der Vorbereitung zur ersten Bundesligasaison der Vereinsgeschichte gegen seinen einstigen Konkurrenten Ken Reichel durchsetzte und ihn fortan auf die Bank verdrängte. Reichel verließ die Eisernen im vergangenen Sommer, Nachfolger Niko Gießelmann blieb seitdem eine gelegentliche Ergänzung zu Lenz, der in der laufenden Saison bislang kein Spiel unter 77 Minuten absolvierte. Wenn die Eisernen im kommenden Sommer in die erste Bundesligasaison ohne Lenz starten, ist Gießelmann bereits 30 Jahre alt – und kaum eine langfristige Lösung für Lenz’ Nachfolge.

Die zu finden wird schwer, weil sie praktisch sofort funktionieren muss. Eine ideale Option wäre Lennart Czyborra, der unter Oliver Ruhnert auf Schalke ausgebildet wurde und schon im vergangenen Jahr in losem Kontakt mit seinem einstigen Förderer stand. Czyborra stammt aus Wandlitz, sein Bruder Michael spielt für die VSG Altglienicke, doch der 21-Jährige ist, trotz grundsätzlich großer Sympathie für die Köpenicker, beim CFC Genua, wo er sich gerade zum Stammspieler in der Serie A entwickelt, in einer komplizierten Leihsituation gebunden, die einen Wechsel frühestens im Sommer 2022 möglich machen würde. 

Doch selbst wenn Lenz sportlich zu ersetzen ist, bleibt die Frage, wie die Eisernen ihn menschlich ersetzen wollen. Der 26-Jährige ist einer der Spieler, die am meisten dafür verantwortlich sind, dass neue Spieler schnell ins Team der Unioner integriert werden, sich in Berlin zurechtfinden können und die Werte des Vereins und seiner Fans verstehen lernen. Zuletzt war es der Japaner Keita Endo, der ohne Deutsch- und mit rudimentären Englisch-Kenntnissen nach Berlin kam und von Lenz fast schon brüderlich umsorgt wurde, damit er sich in der neuen Kultur erst einmal einleben konnte. Der Linksverteidiger zeigte seinem neuen Vordermann genauso die besten japanischen Restaurants, wie er sich mit der Freiburger Leihgabe Nico Schlotterbeck, ebenfalls erstmals vom elterlichen Zuhause in Waiblingen weg, und dem Jungprofi Tim Maciejewski heiße „Fortnite“-Duelle an der Playstation lieferte.

Doch so sehr die Mitspieler auch mit „Lenzi“ Spaß haben können, so akribisch wird der Flügelspieler, wenn es um taktische Aspekte des Spiels geht. Nur wenige Spieler im Kader der Eisernen sind in der Lage, die Feinheiten des Spiels, die Trainer Urs Fischer mit seinem Team über mehrere Jahre entwickelt hat, so präzise zu erläutern wie er. Dabei erklärte der 26-Jährige zuletzt, dass er sich auch beim privaten Fußballschauen immer wieder durch andere Linksverteidiger inspirieren lässt, ihr Spiel und ihre Bewegungen analysiert und sie in den Kontext zur Spielweise ihres jeweiligen Teams bringt. Gleichsam beobachtet er, ähnlich wie es beispielsweise vom costa-ricanischen Weltklassetorwart Keylor Navas bekannt ist, regelmäßig seine jeweils nächsten Gegenspieler, studiert ihre Bewegungen, ihre Tricks und Kniffe, um sich im Spiel besser auf sie einstellen zu können.

Kein Blatt vor den Mund nimmt Lenz auch, wenn es darum geht, selbstkritisch zu sein. Er spricht eigene Fehler schonungslos vor dem Trainer, dem Team und der Öffentlichkeit an, flüchtet sich dabei nie in Ausreden und erweckt so in jedem Gespräch den Eindruck, offen, ehrlich und auf einer gewissen Augenhöhe den Austausch zu suchen. Eintracht Frankfurt kann sich auf einen formidablen Flügelspieler freuen, der schon jetzt viel mehr ist als der „mögliche Ersatz für Filip Kostic“, als der er am Donnerstag gehandelt wurde. Er ist, und das macht die Nachricht seines Abganges doch etwas schockierend, viel mehr als „nur“ ein sportlicher Verlust für den 1. FC Union.