Berlin - Eigentlich möchte man in Köpenick dieser Tage nur ausgelassen jubeln. Immerhin landete der 1.FC Union am Freitagabend mit einem 1:0 gegen Bayer Leverkusen den nächsten Coup. Doch debattiert wird nicht der glückseligmachende Treffer von Cedric Teuchert, sondern nur die mutmaßlich rassistische Entgleisung von Union-Verteidiger Florian Hübner, der Gegenspieler Nadiem Amiri als „Scheiß-Afghane“ tituliert haben soll. 

Seit Freitagabend ist eine Debatte entbrannt, die sich in voller Heftigkeit über die Eisernen ergießt. Die Unschuldsvermutung ist vielerorts außer Kraft gesetzt worden. Urteile über das Vorgefallene waren schnell bei der Hand und nicht selten ideologisch gefärbt. Wenn das und das vorgefallen ist, muss das und das daraus folgen. Die Betonung lag fast immer auf dem zweiten Teil des Konditionalsatzes. Wobei diese Akzentuierung oft mehr über die Urteilenden verrät als über den Sachstand.  

Tah hörte die Beleidigung nicht selber

Doch was wissen wir genau? Welche Worte beim Zoff in Köpenick gefallen sind, verrät niemand. Nur dass sie weit unter der Gürtellinie lagen, wird wohl keiner bestreiten. 

Wie kam alles ins Rollen? Als Zeuge der Anklage fungierte Jonathan Tah, der bei Dazn den Vorgang publik machte. „Es gab Diskussionen, und dann ist der Begriff ‚Scheiß-Afghane‘ gefallen. Ich hoffe, dass das irgendwie Konsequenzen hat.“ Es sei sehr bitter, dass Amiri wegen der Herkunft seiner Eltern „beleidigt“ worden sei. Etwas problematisch wurden Tahs Aussagen dadurch, dass er später einräumte, das Geschilderte nicht aus erster Hand erlebt zu haben. „Ich habe es selber nicht gehört“, sagte er in der „Sportschau“. Hörensagen also. 

Wie verhält sich Union? Rassismus habe in der Gesellschaft nichts zu suchen, machte Oliver Ruhnert deutlich, ohne das Vorgefallene schönreden zu wollen. Eine Grenzverletzung mag es gegeben haben, aber sie wird bei Union nicht als Rassismus gewertet, Hübner nicht sanktioniert. „Es kann ja nur Konsequenzen geben, wenn da was war. Der Spieler hat gesagt, er hat das so nicht gesagt. Für uns ist das so, dass Dinge im Eifer des Gefechts anders wahrgenommen wurden, als sie gefallen sind“, meinte der 49-Jährige im Nachgang der Partie, in der sich beide Seiten in Sachen unwürdigem Verbalaustausch nichts geschenkt hätten. „Es war ein hitziges Spiel. Da wären auch Entschuldigungen fällig gewesen von Spielern, die nicht unser Trikot getragen haben“, so Ruhnert.

Foto: imago images/Matthias Koch
Schenkten sich in 90 MInuten nichts: Leverkusens Nadiem Amiri und Union-Verteidiger Florian Hübner.

Alles nur Verteidigungsstrategie? Eine Verschleierung, um ein mögliches Strafmaß zu mildern? Oder gar die Suche nach der Wahrheit? Von allem wohl ein bisschen.

Amiri hat Hübners Entschuldigung angenommen. „Es sind aus den Emotionen heraus unschöne Worte gefallen, die ihm sehr leid tun“, twitterte Bayer am Sonnabend. Aus Sicht des deutschen Nationalspielers sei es damit „erledigt“. Offen bleibt, wofür sich der Verteidiger entschuldigt hat. Und die beiden Delinquenten schweigen bis heute. 

Kontrollausschuss ermittelt

Dass Amiri aber die Entschuldigung akzeptiert hat, könnte ein Hinweis darauf sein, dass im Rahmen des unsäglichen fußballerischen Trashtalks zwar Grenzen überschritten wurden, aber wohl keine, die zwangsläufig die gesellschaftlichen Regeln verletzt haben müssen. So oder so scheinen beide Seiten verloren zu haben. Unions Ruf steht am Pranger. Und sollte sich alles zu ihren Gunsten klären, würde das ein schlechtes Licht auf Tah werfen.

Was passiert nun? Nun müssen die DFB-Ermittler für Klarheit sorgen. Wenn der Kontrollausschuss am Montag in Frankfurt seine Arbeit aufnimmt, sind noch viele Facetten zu klären. Eine saftige Geldstrafe und eine mehrwöchige Sperre stehen im Raum. Doch nach wie vor muss die Unschuldsvermutung bis zum Beweis des Gegenteils gelten.