Berlin-Köpenick - Als der 1. FC Union am 4. Dezember 2020 das Derby bei Hertha BSC als verloren abhaken konnte, waren gerade einmal 23 Minuten gespielt. Die Eisernen führten zu diesem Zeitpunkt sogar mit 1:0, waren das deutlich bessere Team. Doch lag es in der Luft, dass sich die Partie nach dem Platzverweis von Robert Andrich verändern würde. Weniger, weil die Köpenicker im Olympiastadion die frühe Unterzahl kompensieren mussten, sie wären schließlich wahrlich nicht das erste Team gewesen, das zu zehnt ein bravouröses Spiel absolviert. Viel mehr war es Andrich selbst, der bereits zu diesem Zeitpunkt der Saison als Antreiber eine so wichtige Rolle im Spiel der Unioner innehatte und deshalb mitten in der Partie kaum zu ersetzen war. Und so kam es: Die Köpenicker brachen ein und Hertha BSC erzielte noch drei Treffer.

Robert Andrich trifft Lucas Tousart ohne bösen Willen

„Drei, vier Tage“ habe es gedauert, erklärte Andrich zuletzt, bis die Enttäuschung über seinen Platzverweis verklungen gewesen sei. Bis heute beteuert er, dass er Gegenspieler Lucas Tousart nicht gesehen habe und ihn deshalb ohne bösen Willen am Kopf getroffen habe. Unions Trainer Urs Fischer bestätigte das bis zuletzt auch: „Es war nicht mutwillig und es hat ihm danach sehr Leid getan. So etwas kann passieren.“ Doch für den Mittelfeldspieler, der im Sommer 2019 aus Heidenheim an die Wuhle gewechselt war und zu den großen Überraschungen der Saison 2019/20 gehörte, ging es in seinem gesamten zweiten Bundesligajahr immer wieder auch darum, den Ruf des aggressiven Abräumers, ja, vielleicht sogar des „Treters“ abzulegen.

Dass er sich und sein Spiel nicht so sehe, hatte er bereits in der Vorsaison immer wieder betont, jedoch statistisch mit elf Gelben und einer Gelb-Roten Karte wenig Argumente gehabt, seine Sicht zu untermauern. Von Anhängern seines Ausbildungsklubs Hertha BSC wurde ihm deshalb nach dem Foul gegen Tousart wieder diese gewisse Rohheit in seinem Spiel vorgeworfen, gegen die er sich seit langem wehrt. Und die Zahlen der laufenden Saison belegen das nun auch. Andrich sah, neben dem Platzverweis gegen Hertha BSC, erst vier Gelbe Karten, konnte darüber hinaus aber mit vier Treffern und einer Torvorlage glänzen.

Überhaupt erlebt der 26-Jährige bei den Eisernen derzeit eine wunderbare Saison. Er übernimmt in der Zentrale in jedem Spiel die Verantwortung, setzt vor allem seine Mitspieler Christopher Trimmel und Christopher Lenz auf dem Flügel perfekt in Szene und traut sich dabei, mit breiter Brust immer wieder selbst abzuschließen. Dämpfer, wie das kuriose Eigentor gegen Eintracht Frankfurt, steckt er weg, wie auch Trainer Fischer bemerkte: „Ich habe ihn danach nicht trösten müssen.“ Andrich ist zu einem gestandenen Taktgeber in einer der stärksten Ligen der Welt avanciert, darauf kann er stolz sein. Die breite Brust ist absolut gerechtfertigt.

Kein „blaues Herz“ mehr

Lediglich dieser kleine Makel aus dem Hinspiel gegen Hertha BSC trübt die bärenstarke Saison des Potsdamers eben doch ein kleines bisschen. Umso mehr könnte ein gutes Rückspiel am Ostersonntag (18 Uhr, Stadion An der Alten Försterei) das Spieljahr von Andrich nachhaltig vergolden. Dass es dabei ausgerechnet gegen den Klub geht, bei dem der Mittelfeldspieler bis zur U23 kickte, tangiert ihn eher weniger. „Nein, ein blaues Herz habe ich nicht mehr“, sagte er erst kürzlich dem RBB, bekräftigte aber, dass er den Blau-Weißen, die sich im Kampf um den Klassenerhalt befinden, den Abstieg zumindest nicht explizit wünschen würde. „Den Abstieg wünscht man keinem, es wäre schon schade. Am Ende kommt es darauf an, wer am besten mit der Situation umgeht. Mainz macht es momentan sehr gut, bei Bielefeld hat man das Gefühl, dass der Trainerwechsel etwas bewirkt hat. Es wird ein enges Rennen.“

Eines, dass die Eisernen im Derby auch entscheidend mitgestalten können. Denn während ein Sieg für die Köpenicker auch rechnerisch den endgültigen Klassenerhalt mit 41 Punkten bedeuten würde, wäre eine Niederlage der Herthaner nicht prestigetechnisch, sondern vor allem sportlich ein echtes Problem. Von Ex-Spieler Andrich kann Hertha aber wenig Mitleid erwarten. „Wenn man nach 25 Spielen da unten drinsteht, dann steht man da sicher zu Recht. Der Tabellenplatz sagt schon was aus“, sagte er erst vor kurzem. Am Sonntag schaut der 26-Jährige aber nur auf sich und sein Team. Er will schließlich etwas wiedergutmachen.