Berlin-KöpenickRobin Knoche benötigte nur zehn Worte, um seiner Enttäuschung Ausdruck zu verleihen: „Es ist kein schönes Gefühl für mich, es tut weh,“ gab der 28-Jährige im vergangenen Sommer zu Protokoll, als bekanntgegeben wurde, dass der VfL Wolfsburg den auslaufenden Vertrag des Innenverteidigers nicht verlängern würde. 15 Jahre lang spielte der gebürtige Braunschweiger für den Klub, der sich unter den finanziellen Fittichen des VW-Konzerns seit jeher nach talentierten Identifikationsfiguren sehnt, die dem inoffiziellen Werksverein ein Gesicht geben. Knoche war lange eines dieser Gesichter. Und wenn die Wolfsburger am Sonnabend im Stadion An der Alten Försterei (15.30 Uhr) gastieren, gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, dass das für den 28-Jährigen kein Spiel wie jedes andere werden wird.

Warum genau Knoches Vertrag nach all den Jahren nicht verlängert wurde, ist bis heute öffentlich nicht erklärt worden. Stammspieler war er unter Trainer Oliver Glasner nach dem Corona-Restart nicht mehr, weil der dann eher schnellere Innenverteidiger wie John Anthony Brooks oder Marin Pongracic bevorzugte. Und dass die Niedersachsen gerade in der zentralen Defensive zuletzt eher fragwürdige Personalentscheidungen trafen, zeigt auch das Beispiel Felix Uduokhai, der nach seinem Wechsel zum FC Augsburg in die Nationalmannschaft nominiert wurde, für Wolfsburg aber offensichtlich nicht gut genug war. Sei es drum, Knoche jedenfalls hielt sich über die Gründe seines Abschiedes bis heute bedeckt und wusch auch keine schmutzige Wäsche.

Viel wichtiger: Weil der Abräumer in Wolfsburg ausgebootet wurde, schlug Unions Kaderplaner Oliver Ruhnert zu und lotste Knoche ablösefrei nach Köpenick. Weil kurz darauf auch Angreifer Max Kruse den Weg an die Wuhle fand, geriet die Qualität dieses Transfers fast ein wenig in den Hintergrund. Mit seinen 181 Bundesliga-Einsätzen für die Wölfe wäre Knoche unter anderen Umständen schon so etwas wie der Königstransfer gewesen. Das beweist auch ein Zitat von Trainer Urs Fischer, der den Sommertransfer lobt: „Ich glaube, er gibt der Mannschaft Halt. Wir profitieren von seiner Erfahrung, und die Entwicklung von Marvin (Friedrich, d. Red.) hat auch mit Robin zu tun.“

Die beachtliche Entwicklung von Abwehrchef Marvin Friedrich war einer der prägenden Aspekte der so erfolgreichen ersten Saisonspiele des 1. FC Union. Nur war die dem fleißigen 25-Jährigen bislang allein zugeschrieben worden; der Anteil, den Knoche offenbar daran trägt, wurde höchstens am Rande genannt.

Doch Knoche ist ohnehin eine Erfolgsgeschichte für sich. Langjährige Weggefährten halten den Braunschweiger gar für einen der unterschätztesten Abwehrspieler der Liga, loben dessen Fähigkeit, auch unter Druck nach spielerischen Lösungen zu suchen und diese dann auch zu finden. Im Spielaufbau ist er ein zuverlässiger Gestalter, auch wenn er diese Qualität in den ersten Spielen im rot-weißen Trikot eher den Mitspielern Friedrich und Nico Schlotterbeck überließ. Erst seit einigen Partien schaltet sich Knoche immer häufiger in den Spielaufbau ein, überrascht mit präzisen Pässen in den freien Raum, wo oft schon die Flügelspieler Christopher Trimmel, Christopher Lenz oder Sheraldo Becker warten. Dabei kommuniziert Knoche mit seinen Mitspielern kurz und präzise, ohne unnötig laut oder gar theatralisch zu werden. Und sein gelegentliches Geschwindigkeitsdefizit, das ihm in Wolfsburg womöglich den Stammplatz kostete, macht er im Gegenzug mit einem extrem hohen Maß an Spielintelligenz wett.

Robin Knoche hat sich vom VfL Wolfsburg gelöst

Es wäre nicht so verwunderlich, wenn Ruhnert, ohnehin als äußerst umsichtiger Kaderplaner bekannt, bereits jetzt eine vorzeitige Vertragsverlängerung mit dem 1,90 Meter großen Abwehrrecken im Hinterkopf hat. Knoche steht in der Blüte seines Spiels, muss niemandem mehr etwas beweisen und wird die Bundesliga - davon kann man ausgehen - noch so einige Jahre bereichern.

Vor allem aber hat er bewiesen, dass sein sportliches Heil nicht ausschließlich mit dem VfL Wolfsburg verbunden ist. Robin Knoche hat sich nach der Enttäuschung vom Sommer aufgerafft, den Staub abgeschüttelt und eine neue Geschichte geschrieben. Die Eisernen profitieren massiv davon.