Schauriges Déjà-vu: Union Berlin geht mit ein paar Fragezeichen in die WM-Pause

Der 1. FC Union ist im Ausgang des Jahres in eine kleine Krise geschlittert. Wie konnte es dazu kommen?

Trainer Urs Fischer kann nicht glauben, was er in Freiburg von seiner Mannschaft zu sehen bekommt.
Trainer Urs Fischer kann nicht glauben, was er in Freiburg von seiner Mannschaft zu sehen bekommt.dpa/Weller

Das kann passieren, darf aber nur einmal passieren. Dergleichen hatte man vor einer Woche von Rani Khedira und Christopher Trimmel, von den beiden Leadern des 1. FC Union Berlin, zu hören bekommen. Also am vergangenen Sonntag, nachdem die Eisernen beim 0:5 in Leverkusen ganz schön unter die Räder gekommen waren. Und eigentlich waren sich alle, die mit dem FCU zu tun haben, auch sicher, dass dieser Mannschaft so etwas auch nicht mehr passieren wird – in naher Zukunft zumindest nicht.

Tja, schon wieder so ein Fall von Denkste!, denn am Sonntagnachmittag erlebten die Spieler von Urs Fischer beim Gastspiel in Freiburg ein schauriges Déjà-vu. Schon zur Halbzeit lagen die Köpenicker 0:4 in Rückstand, waren im Zusammenhang mit dem 0:3 in der 20. Minute durch die zweifelhafte Rote Karte gegen Diogo Leite zudem noch in Unterzahl geraten, schlugen sich im zweiten Spielabschnitt zwar wacker, erzielten fünf Minuten vor Schluss per Elfmeter auch noch so eine Art Ehrentreffer, konnten letztlich aber allesamt nicht so recht fassen, wie es erneut zu so einem Desaster hatte kommen können.

„Im Moment schmerzt es sehr, die Art und Weise der ersten Hälfte hat nicht gepasst. Nach der Pause haben wir das Spiel mit Anstand zu Ende gebracht, aber die Enttäuschung ist schon spürbar“, sagte Fischer im Nachgang des letzten Pflichtspiels im Kalenderjahr 2022, um sogleich bei seiner Betrachtung noch etwas weiter auszuholen: „Mit einer gewissen Distanz darf dieses Spiel aber nicht für eine wirklich tolle Spielzeit hinhalten. Es ist Wahnsinn, was die Mannschaft in den letzten Monaten geleistet hat. Wir haben 27 Punkte geholt, überwintern im DFB-Pokal und in der Europa League. Die Jungs haben fantastisch gearbeitet.“

Elf Gegentreffer in 270 Minuten

Stimmt schon, in Anbetracht dieser Erfolgsgeschichte ist an sich keine Widerrede erlaubt, und doch gibt das, was sein Team in der vergangenen Woche, also inklusive des 2:2 gegen Augsburg vom Mittwoch, auf den Platz gebracht hat, doch ein wenig zu denken. Nur ein Punkt aus drei Spielen, elf Gegentore in 270 Minuten, nachdem man zuvor von Spieltag eins bis zwölf die gegnerischen Offensivreihen schier zur Verzweiflung gebracht und in 1080 Minuten nur neun Gegentreffer zugelassen hatte. Dazu noch eine Offensive, die bei Weitem nicht mehr so durchschlagskräftig und effizient ist wie noch im August oder September. Der 1. FC Union geht am Ende eines von allerlei Glücksmomenten geprägten Jahres jedenfalls mit ein paar Zweifeln und Fragezeichen in die zehnwöchige WM-Pause.

Ist diese herbstliche Delle der hohen Belastung in drei Wettbewerben geschuldet? „Das wäre mir zu einfach. Wir haben es Freiburg zu einfach gemacht“, sagt Fischer. Und es stimmt schon, die Eisernen wirkten in den vergangenen Partien keineswegs müde, gingen so weite Strecken wie ehedem, legten so viele Spurts hin wie ehedem. Wenngleich sich natürlich nur schwer nachvollziehen lässt, inwieweit die Unioner im Hinblick auf Geist und Gehirn zuletzt ein bisschen zu viel Fußball abbekommen haben.

Bei Khedira kann man sich nicht so sicher sein

Gibt es dann doch ein paar Spieler, die unverzichtbar sind, also beispielsweise Keeper Frederik Rönnow, der zuletzt aufgrund einer Muskelverletzung passen musste, oder Rani Khedira, der in Freiburg wegen einer Gelbsperre nicht mit von der Partie sein konnte? Nun, Lennart Grill mag gegen Leverkusen zwar schwer gepatzt haben, war aber bei all den anderen Gegentoren die er hinnehmen musste, tatsächlich machtlos. Nur im Fall Khedira kann man sich nicht so ganz sicher sein. Mit seiner von Aggressivität und Aufopferungsbereitschaft geprägten Spielweise ist der 28-Jährige derjenige, mit dem fast alles beginnt und fast alles aufhört. Insofern wäre es womöglich fatal, wenn sich dieser Könner schon während der Wintertransferperiode für einen Wechsel zu einem anderen Klub entscheiden würde.

Ist das Spiel des FCU decodiert? Es ist sicher so, dass der eine oder andere gegnerische Trainer mit dem 3–5–2 der Unioner inzwischen besser umzugehen weiß. Dass man gegen diesen eisernen Block auch mal mit einem langen Ball, im besten Fall mit einem langen Ball in die Schnittstelle zwischen einem der beiden Flügelmänner und einem der beiden äußeren Abwehrspieler zu Werke geht. Andererseits ist es so, dass die jüngsten Gegentreffer zum jeweiligen 0:1 oder 0:2 ursächlich auf grobe Schnitzer eines Einzelnen, aber auch auf eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters (Deniz Aytekin) zurückzuführen sind.

Hinzu kommt, dass das Stürmerpaar Jordan Siebatcheu/Sheraldo Becker nach geradezu rauschhaften Flitterwochen seine erste kleine Krise zu durchleben hat und auch deshalb nach 15 Spieltagen nur 24 Treffer zu Buche stehen. Für eine Spitzenmannschaft ist das in der Tat verhältnismäßig wenig.

Es gibt also im Besonderen in der Offensive durchaus ein paar Ansatzpunkte zur Verbesserung, aber darauf hatte Fischer schon wiederholt hingewiesen, als der FCU noch Tabellenführer war.