Berlin - Die Eisernen und Europa – das ist eine Geschichte, die so alt ist wie der 1. FC Union selbst. Als der Verein nach seiner Umstrukturierung im Januar 1966 fast noch in den Kinderschuhen steckte, kam zwei Jahre später der Prager Frühling, kamen Panzer und das Aus durch die Politik für den Einsatz im Europapokal der Pokalsieger nach dem Triumph von Uli Prüfke und Wolfgang Wruck, Mäcky Lauck und Hartmut Felsch, Rainer Ignaczak und Jimmy Hoge in Halle. Jeder, der sich nur ein klitzekleines bisschen mit der Historie des Klubs auskennt, weiß um dieses Drama und zugleich um die manchmal zerbrechliche Chance, das Erlebnis Europa zu genießen.

Fokus noch nicht auf die Alte Försterei gerichtet

Für die Besten der Besten ist es ein Traum, Weltmeister zu werden oder Europameister, in der Champions League zu triumphieren, Landesmeister oder Pokalsieger zu werden. Davon kann man träumen, zumal als kleiner Steppke, als der man sich anschickt, in seinen ersten Töppen das Fußball-Abc buchstabieren zu lernen. Wer beim 1. FC Union spielt und sonst wie viele Tore, Pässe oder Rettungstaten zu dieser grandiosen Saison beigetragen hat, darf von einem solchen Erlebnis zwar auch träumen, nur hat der Bundestrainer, wie immer der Nachfolger von Joachim Löw nach der Europameisterschaft heißen mag, seinen Fokus noch nicht auf die Alte Försterei gerichtet.

Das ist auch nicht schlimm, umso schöner kickt es sich ein klein wenig unterm Radar, wo sich die Eisernen für manchen auch am Ende ihres zweiten Jahres in der Bundesliga bewegen. Vielleicht haben die Gegner im Kampf um einen Platz auf europäischer Bühne auch deshalb immer geglaubt, ach, die aus dem Berliner Südosten, lasst sie mal machen, gefährlich werden sie uns schon nicht, die werden noch über ihren Sockenhaltern abbrechen …

Sind sie aber nicht. Im Gegenteil. Sie bekommen immer mehr Spaß an Spielen gegen die Großen der Branche. Elf Punkte haben sie in den zwölf Spielen gegen die Teams geholt, die vor ihnen liegen. Nur gegen eine Mannschaft hat es noch nicht geklappt, auch nicht in der vorigen Saison, da steht in der Gesamtbilanz bei drei Niederlagen und nur einem eigenen Törchen die Punkte-Null – gegen die RasenBaller aus Leipzig. Es wird Zeit, das am Sonnabend zu ändern. Also: Packt die Bullen bei den Hörnern!

Wer hat den Eisernen zugetraut, damals, 2001, als Noch-Dritt- oder Gerade-Zweitligist nach Europa zu stürmen? Die Hände haben manche gehoben und sich ein wenig DFB-funktionärsgegrämt, weil von solch einem krassen Außenseiter kaum Punkte für die Fünf-Jahres-Wertung zu erwarten waren. Dann aber haben Sven Beuckert und Ronny Nikol, Tom Persich und Steffen Menze, Daniel Ernemann und Cristian Fiel sogar die zweite Runde erreicht.

Nur der 1. FC Union war bislang für Europa 

Bei all dem sollte niemand vergessen – oder auf Union-Sprech: niemals vergessen! –, dass die Jungs aus der Wuhlheide die einzigen aus dem Osten sind, die sich im geeinten Fußball-Deutschland je für Europa qualifiziert haben. Dass Hansa Rostock als Bundesligist gegen Barcelona spielte und Stahl Eisenhüttenstadt nach der Fußball-Einheit gegen Galatasaray Istanbul, Rot-Weiß Erfurt gegen Groningen und Ajax Amsterdam und Halle gegen Torpedo Moskau, ist das letzte Relikt der DDR-Vergangenheit. Danach gab es in Ossi-Land drei Jahrzehnte europäisches Dunkeltuten – bis auf den eisernen Silberstreif vor 20 Jahren gegen die Finnen von Haka Valkeakoski und die Bulgaren von Liteks Lowetsch.

Deshalb heißt der Traum für Andreas Luthe und Christopher Trimmel (auch wenn der Käpt’n die einmalige Aussicht genießt, mit Ösi-Land an der EM teilzunehmen), Marvin Friedrich und Robin Knoche, Robert Andrich (er ist im letzten Spiel gesperrt, schon klar) und Max Kruse, Joel Pohjanpalo und Taiwo Awoniyi: Europa, wir sind bereit und wären zu gern dabei!