Berlin/Leipzig - Klar, Leipzigs Christopher Nkunku war wenige Minuten zuvor zu einer Großchance gekommen, bei der Keeper Andreas Luthe allerdings seine neue Selbstverständlichkeit bei der Vereitelung von Großchancen unter Beweis stellen konnte. Dennoch hatte man nicht das Gefühl, als dass die Spieler des 1.FC Union an diesem Abend als Verlierer vom Platz gehen müssten. Zu sicher wirkte das, zu abgebrüht, was die Männer in ungewohntem Schwarz auch an diesem Fußballabend auf den Rasen brachten. Dann allerdings stimmte für einen Moment die Abstimmung in der Abwehrkette der Eisernen nicht. 70 Minuten waren gespielt, Dani Olmo steckte auf Emil Forsberg durch, Starspieler auf Starspieler, Forsberg drehte sich sogleich, zog blitzschnell ab und traf zum 1:0. Wobei der Treffer des Schweden letztlich für die Eisernen die dritte Saisonniederlage zur Folge hatte, eine unnötige, weil die Köpenicker auch in der Auseinandersetzung mit dem Champions-League-Teilnehmer ihre Widerstandsfähigkeit unter Beweis gestellt hatten. So bleibt es für die Elf von Trainer Urs Fischer nach 17 Spieltagen bei 28 Punkten und Platz sechs. 

Fischer hatte mit seiner Startelf ein paar Nachfragen provoziert. Die eine lautete: Warum spielt heute eigentlich Julian Ryerson für Christopher Trimmel? Fischer erklärte, dass sich Ryerson einerseits einen Einsatz von Beginn an verdient hätte, Trimmel hingegen dann doch mal ein Päuschen bräuchte, Stichwort: Englische Woche, Stichwort: fortgeschrittenes Fußballeralter, Trimmel ist dann doch schon 33 Jahre alt. Stichwort: Belastungssteuerung. Am Sonnabend muss Union schon wieder beim FC Augsburg ran.

Und dann ging es natürlich schon wieder um Florian Hübner. Um den Abwehrmann, der seit dem Spiel gegen Bayer Leverkusen unter Verdacht steht, Nationalspieler Nadiem Amiri als „scheiß Afghane“ beschimpft zu haben, deshalb vielleicht sogar gesperrt wird, sich zudem während der Woche im Training verletzt hatte, aber gegen RB in der Anfangsformation stand. Genauso wie Cedric Teuchert, gegen den ebenfalls ein Ermittlungsverfahren läuft, weil auch er am vergangenen Freitagabend etwas Ungebührliches gesagt haben soll. Fischer, der ja auch gern mal etwas trotzig ist, wollte bei seiner Erklärung nicht noch mal auf die Vorkommnisse in der Alten Försterei eingehen. Er hoffe einfach nur, dass die Sache alsbald erledigt ist. Der DFB will jedenfalls gegen Ende der Woche mitteilen, ob Hübner und Teuchert, ja vielleicht auch nur einer von beiden mit einer Strafe belegt werden beziehungsweise wird.

Ein bisschen wie Mourinho

Hübner und Teuchert, der für den angeschlagenen Sheraldo Becker als zweite Spitze neben Taiwo Awoniyi agierte, wirkten jedenfalls unbeeindruckt von den Aufregungen der vergangenen Tage, waren vielleicht auch einfach nur froh, durch das Fußballspielen eine Ablenkung zu erfahren. Wobei der Fußball, der da von beiden Mannschaften geboten wurde, mehr Arbeit denn Spiel war. Und das womöglich ganz im Sinne von Fischer, der mit seinem Wirken in Berlin-Köpenick auch bisschen an den frühen José Mourinho erinnert. Also an einen Trainer, der die Dinge ganz nüchtern betrachtet, nicht um jeden Preis gefallen, sondern um jeden Preis gewinnen will. Wenngleich das beim Schweizer Fußballlehrer im Gegensatz zu portugiesischen Kollegen nie ins Destruktive abgleitet. Er will, dass seine Mannschaft auch spielerisch Initiative ergreift, im rechten Moment, schnörkellos, in hohem Tempo. 

Letzteres gelang in der ersten Hälfte nur selten, andererseits ließen die Unioner auch nur ganz wenig zu. Im Endeffekt unterlief ihnen in der Rückwärtsbewegung nur ein grober Fehler, nämlich in der 38. Minute, als Robert Andrich und Sebastian Griesbeck (für den verletzten Grischa Prömel im Team) das Zentrum preisgaben, Leipzigs Alexander Sörloth das geschickt nutzte, mit einem feinen Pass dann auch Nkunku freispielte. Nkunku allerdings wurde beim Abschluss aus zwölf Metern von einem Platzfehler in eine große Verlegenheit gebracht. Das Ergebnis: ein Fehlschuss in die Tiefen einer leeren Kurve. 

Nach dem Seitenwechsel versuchten sich die Gastgeber gleich mal daran, ihr Auftreten mit mehr Dynamik und einer höheren Aggressivität zu unterlegen. Doch beeindrucken konnten sie die Eisernen zunächst nicht. Bis eben die Klasse von Olmo und die Klasse von Forsberg aufblitzte. Und für eine späte Antwort reichte es an diesem Abend nicht, weil die Kraft fehlte, aber auch der eine oder andere Könner. Siehe Max Kruse, siehe Trimmel.