Janik Haberer: „Dass es so funktioniert, konnte man nicht erwarten“

Im Interview mit der Berliner Zeitung spricht Janik Haberer über den Start bei Union, seine Lieblingsposition und den damaligen Durchbruch in der 2. Liga.

Janik Haberer feiert seinen ersten Doppelpack in der Bundesliga gegen Borussia Dortmund.
Janik Haberer feiert seinen ersten Doppelpack in der Bundesliga gegen Borussia Dortmund.dpa

Ein Senkrechtstarter ist Janik Haberer eigentlich nicht. Diese Titulierung schreibt man meist den jüngeren Spielern zu, die sich rasch – schneller als andere - entwickelt haben. Vom Shootingstar ist dann im Fachjargon oft die Rede.

Janik Haberer wirkt eloquent, zurückhaltend. Und jünger als die 28 Jahre, die er schon auf dem Buckel hat. Gerade seine Erfahrung aus fast 200 Bundesligaspielen ist es aber, die ihn so wertvoll für den 1. FC Union macht. Auf der Achter-Position bewegt er sich im Köpenicker Mittelfeld mit traumwandlerischer Sicherheit, schafft gleichermaßen Stabilität nach hinten und Impulse nach vorne.

Im Sommer wechselte er nach sechs Jahren beim SC Freiburg in die Hauptstadt und war im Ensemble von Trainer Urs Fischer sofort Stammspieler; offenbar gewöhnte er sich in Windeseile an die neue sportliche Umgebung. Eine Eigenschaft, die für gewöhnlich auch Senkrechtstarter auszeichnet.

Herr Haberer, lassen Sie uns über den 16. Oktober des vergangenen Jahres sprechen, Herr Haberer. Fällt bei diesem Datum sofort der Groschen?

Nein, um ehrlich zu sein nicht.

An dem Tag haben Sie mit Union den Titelkandidaten Borussia Dortmund 2:0 besiegt. Sie erzielten beide Tore.

Stimmt. Für mich persönlich war das natürlich ein ganz tolles Erlebnis. Es war das erste Mal, dass ich in der Bundesliga doppelt getroffen habe. Es war auch mein erstes Tor überhaupt gegen den BVB. Allerdings war der Auftritt der gesamten Mannschaft an dem Tag überragend, es war eine Bombenstimmung im Stadion.

Danach schrieben viele Medien, dass Union nun ein ernstzunehmender Titelkandidat sei. Bis zur WM holte die Mannschaft aber nur noch vier Punkte aus fünf Bundesligaspielen.

Die Medien haben die Situation schön hochgepusht, uns ein bisschen in diese Rolle reingeschoben. Bei uns in der Kabine war es aber wirklich zu keinem Zeitpunkt ein Thema, dass wir um die Meisterschaft mitspielen wollen. Das ist weit weg von unserem Saisonziel.

„Gegen Hoffenheim wollen wir ein ganz anderes Gesicht zeigen.“

Was hat denn gefehlt, um bis zur Winterpause weiter kontinuierlich Punkte zu sammeln?

Solche Phasen kann es in einer Saison immer wieder geben. Das hat nur bestätigt, dass wir in jedem einzelnen Spiel ans Limit gehen müssen, um zu gewinnen.

Was heißt das konkret?

Gegen Augsburg (2:2; Anm. d. Red.) haben wir ein sehr ordentliches Spiel gemacht. Das müssen wir normal gewinnen. Nimmt man die Partien in Leverkusen (0:5) und Freiburg (1:4), haben wir definitiv zu viele Gegentore bekommen und deshalb auch verdient verloren. Zum Start gegen Hoffenheim nächste Woche wollen wir natürlich ein ganz anderes Gesicht zeigen.

Wie viel Anteil an diesen Resultaten hatte die Dreifachbelastung aus Liga, Europa League und DFB-Pokal?

Die erste Halbserie war wirklich sehr intensiv mit all den englischen Wochen. Das hat man am Ende nicht nur in den Beinen gespürt, sondern auch im Kopf. Dennoch ist die Breite in unserem Kader groß genug. Die Spiele haben wir wegen schlechter Tagesform verloren.

Christian Streich (l.) trainierte Janik Haberer sechs Jahre lang beim SC Freiburg, bevor sich ihre Wege vergangenen Sommer trennten.
Christian Streich (l.) trainierte Janik Haberer sechs Jahre lang beim SC Freiburg, bevor sich ihre Wege vergangenen Sommer trennten.Imago

Mit Christian Streich hatten Sie in Freiburg einen Trainer, der schon lange Jahre im Verein ist. Auch Urs Fischer ist bei Union Berlin kaum mehr wegzudenken. Welche Parallelen gibt es noch?

Beide sind sehr ehrgeizig, sie lieben den Fußball. Es ist kein Zufall, dass beide schon so lange bei ein und demselben Verein sind. Das heißt im Umkehrschluss, dass sie viel richtig gemacht haben müssen.

Gibt es auch Unterschiede?

Christian Streich ist emotionaler an der Außenlinie, mit den Schiedsrichtern, mit den Zuschauern. Urs Fischer ist eher der ruhigere Vertreter.

„Der größte Unterschied ist die fehlende Nähe zur Familie.“

Bei Union hatten Sie anscheinend keinerlei Anlaufschwierigkeiten. Woran lag das?

Die Mitspieler haben mich von Beginn an super aufgenommen, die Trainer sehr detailliert ihre Spielphilosophie erklärt. Ich habe das dann auf dem Platz bestmöglich versucht umzusetzen. Dass es dann aber direkt so funktioniert, konnte man nicht erwarten.

Hatten Sie denn Anlaufschwierigkeiten in der Stadt? Berlin ist nicht ganz so beschaulich wie Freiburg.

Die Wege sind sehr viel weiter, der Verkehr ist ein ganz anderer. In Berlin gibt es aber viele grüne Ecken, wie in Freiburg auch. Das kommt mir sehr entgegen, weil ich gerne mit unserem Hund draußen bin. Ansonsten ist der größte Unterschied für mich die fehlende Nähe zur Familie. Ich brauche sieben bis acht Stunden in die Heimat, da fährt man nicht mehr nach jedem Spiel nach Hause.

Im Trainingslager in Spanien haben Sie in nahezu jeder Einheit die Viererkette einstudiert. 4-4-2 oder 3-5-2: Welches System liegt Ihnen mehr?

In Freiburg haben wir auch oft im 4-4-2 gespielt, deshalb weiß ich, um was es auf der Sechser-Position geht. Offensiver auf der Acht fühle ich mich persönlich aber noch wohler.

Beim VfL Bochum schaffte Janik Haberer einst den Durchbruch im Profifußball.
Beim VfL Bochum schaffte Janik Haberer einst den Durchbruch im Profifußball.Imago

Ihr Werdegang ist auch deshalb beeindruckend, weil Sie bei den Senioren schon in den ersten fünf Ligen gespielt haben. Mit Unterhaching II ging es damals nach Gersthofen, Kottern oder Affing.

Man muss dazu sagen, dass ich dort gespielt habe, weil die U19-Bundesliga damals noch nicht angefangen hatte. Aber klar ist auch, dass mir dieser Weg geholfen hat. Ich war damals noch schmächtiger, konnte mich an die Härte gewöhnen. Jugendfußball ist das eine, Männerfußball das andere, da klopft’s dann schon mal.

Mit 20 sind Sie dann nach Hoffenheim gegangen, haben dort aber kein einziges Bundesligaspiel gemacht. Kam der Wechsel aus heutiger Sicht zu früh?

Nein, ich würde den Schritt genauso wieder gehen, wie ich es damals gemacht habe. Ich hatte gleich zu Beginn eine Schambeinentzündung, damit war das erste Halbjahr für mich gelaufen. Trotz fehlender Spiele konnte ich mit gestandenen Profis wie Kevin Volland, Roberto Firmino oder Andreas Beck trainieren. Das hat mich weitergebracht.

In der 2. Liga ist Ihnen in der Saison darauf beim VfL Bochum der Durchbruch gelungen.

Trainer Gertjan Verbeek hatte daran einen großen Anteil. Vom ersten Tag an hat er mir in Testspielen, der Liga und im Pokal das Vertrauen geschenkt. Ich durfte mich frei bewegen, damals noch als hängende Spitze. Er wollte, typisch holländisch, immer offensiven Fußball sehen. Mit Spielern wie Simon Terodde, Marco Terrazzino oder Onur Bulut hatten wir eine richtig spannende Mannschaft.

Zurück in die Gegenwart: Was sind Ihre Ambitionen und Ziele mit Union Berlin in den nächsten Jahren?

Die Entwicklung der letzten Jahre ist einmalig rasant. Es ist brutal schwer, sich in der Bundesliga zu etablieren. 12 oder 13 Vereine müssen in jedem Jahr zunächst schauen, dass sie in der Liga bleiben. Das wird also nicht nur in diesem, sondern auch im nächsten Jahr unser Ziel sein. In der Rückrunde wollen wir aber trotzdem den Anschluss nach oben halten. In den ersten Spielen hat man gesehen, dass wir es können, wenn wir hundert Prozent auf den Platz kriegen.

Das Interview führte Nils Malzahn.