Berlin - Die Mannschaft des 1. FC Union, das hat das letzte Ligaspiel in diesem Kalenderjahr gezeigt, braucht vor allen Dingen eins: Zeit zur Regeneration. Oder läuft diese Mannschaft Gefahr, dass ihr Lauf durch eine Winterpause (mag diese auch noch so kurz sein) ein Ende nimmt? Fakt ist, dass die Eisernen am 13. Spieltag der Fußball-Bundesliga im Stadion An der Alten Försterei nach einer erstaunlichen Energieleistung ein 2:1 gegen Borussia Dortmund feiern durften. Ein Sieg als passender Schlusspunkt für ein Jahr, das als das bis dato erfolgreichste in die Klubgeschichte eingehen wird. Wenngleich am Dienstag natürlich noch das DFB-Pokal-Spiel gegen den SC Paderborn bestritten werden muss.

Wie man auf Pressing reagiert? Klar, mit Gegenpressing, um im dann doch etwas seltsamen Neusprech-Duktus des Fußballs zu bleiben. Coach Urs Fischer hatte jedenfalls aus der jüngsten Beobachtung der seit vergangenem Sonntag von Edin Terzic trainierten Dortmunder die Erkenntnis gewonnen, dass der BVB noch etwas früher attackiert als unter Lucien Favre und dass man diesem Ansatz doch bitte mit sehr viel Mut entgegnen möge. Dementsprechend offensiv war die Ausrichtung seiner Mannschaft. Marius Bülter, der in der vergangenen Saison beim Heimsieg gegen den Großklub aus dem Westen ein famoses Spiel hingelegt hatte, war als Linksaußen aufgeboten, Sheraldo Becker als sein Pendant auf der rechten Seite, Cedric Teuchert gab den Verbinder zwischen Mittelfeld und Angriff, Taiwo Awoniyi hingegen den Stoßstürmer. Mehr Angriff war bei Union aufgrund der personellen Notsituation gar nicht möglich. Die Verletztenliste der Köpenicker ist lang, doch Fischer jammert nie, er macht einfach.

Awoniyi war es auch, der mal wieder ein frühes Signal der Frechheit aussandte. Nach einem Pass von Trimmel über mehr als 40 Meter schüttelte der Nigerianer nach 120 Sekunden Spielzeit zunächst Mats Hummels ab, lief allein auf BVB-Keeper Roman Bürki zu, um allerdings dann doch wieder von Mats Hummels am Torschuss gehindert zu werden. Der Verdacht einer Abseitsstellung lag bei dieser Situation nahe, überprüft wurde allerdings nicht.

Diese Hochgeschwindigkeitsaktion gab zunächst den Rhythmus des Spiels vor. Rot jagte Schwarz-Gelb – und umgekehrt. Da hatte Jadon Sancho in der zehnten Spielminute nach Zuspiel von Youssoufa Moukoko die erste gute Chance der Partie, scheiterte aber am gut positionierten Union-Keeper Andreas Luthe. Sieben Minuten später steckte Teuchert geschickt auf Awoniyi durch, doch verhinderte BVB-Keeper Roman Bürki mit einer gekonnten Fußabwehr die Führung der Eisernen. Beim Nachschuss versuchte Teuchert vergeblich, den Ball zu drücken, schoss übers Tor.

Moukoko ist nun jüngster Torschütze in der Liga-Geschichte

Nach etwa 25 Minuten war da aber einfach ein bisschen zu viel an Mittelfeldspiel, als dass man das Duell noch als hochklassig hätte bezeichnen können. Ja, die spielerische Note ging da bei all den aufgeregten Zweikämpfen zwischen den Strafräumen mitunter komplett verloren, was in Anbetracht des fußballerischen Potenzials der Gäste wiederum für die Gastgeber sprach. Marco Reus beispielsweise war zwar namentlich in der Startelf der Borussen aufgeführt, aber nahezu unsichtbar. Sancho wurde von Christopher Lenz immer wieder um den Spaß am Spiel gebracht. Nur einmal, in der 45. Minute, wurde die Abwehr des 1. FC Union düpiert, doch nach Steilpass von Raphael Guerreiro traf Moukoko mit einem mächtigen Schuss nur den Pfosten.

Auch in der zweiten Hälfte, als die Dortmunder ihren Ballbesitzanteil immer weiter steigerten, liefen die Unioner fürs Erste immer wieder rechtzeitig hinter den Ball, um in den Gefahrenzonen in Überzahl zu sein. Die Ratlosigkeit der einen Mannschaft hat ja auch immer viel mit der Konzentrationsfähigkeit und dem konkreten Matchplan der anderen zu tun. 

Ein wichtiger Bestandteil des eisernen Matchplans sind bekanntermaßen die von Trimmel getretenen Frei- und Eckstöße. Der Österreicher ist ein Meister seines Fachs, wie sich auch an diesem Abend zeigte. Nachdem er ein paar Versuche in den Beinen der Gegner versenkt hatte, platzierte er in der 57. Minute einen Eckball perfekt auf den Kopf von Grischa Prömel, der den Ball Richtung zweiten Pfosten verlängerte, wo Awoniyi schließlich per Kopf aus Nahdistanz zum 1:0 vollendete. Der Jubel währte allerdings nur kurz, weil Guerreiro nur zwei Minuten später erneut mit einem gescheiten Steilpass glänzte, Moukoko dieses Mal mit einem wuchtigen Linksschuss ins kurze Eck traf. Mit 16 Jahren und 28 Tagen ist das Ausnahmetalent nun der jüngste Torschütze in der Geschichte der Bundesliga.

Schließlich trug sich in Köpenick noch in anderer Hinsicht Erstaunliches zu. Als der erschöpfte Trimmel schon nicht mehr auf dem Feld war, schnappte sich Teuchert beim Eckstoß den Ball – und tat es seinem Teamkollegen gleich. Über die Dortmunder Köpfe hinweg landete sein Flankenball in der 78. Minute auf dem Kopf von Marvin Friedrich, der einmal mehr seine Klasse unter Beweis stellte und zum spielentscheidenden 2:1 einköpfte.