Berlin-Köpenick -  Am Ende eines denkwürdigen Bundesligakicks standen die Spieler des 1. FC Union auf einmal auf den Rängen an der Waldseite. Von dort aus in luftigen Höhen konnten Grischa Prömel, Robert Andrich & Co. nach dem 2:1 (2:0) gegen den VfB Stuttgart in den hinter dem Stadion gelegenen Forst starren, in dem sich rund 300 Anhänger der Eisernen zu einer Klassenerhaltsfeier eingefunden hatten und ihrer Freude mit bengalischen Feuern Ausdruck verliehen. 

Ein Abrutschen in die gefährliche Zone war schon lange nur noch eine unwirkliche Drohkulisse. Mit den Punkten 41 bis 43 ist selbst die zuvor nur theoretisch existierende Gefahr endgültig gebannt. Aus dem einstigen, so sehnlichen Wunsch, wenigstens ein Mal bei den Großen mitmischen zu dürfen, wenigstens ein Mal Bundesligaluft schnuppern zu können, erwuchs die Aussicht darauf, sich dauerhaft in Deutschlands Eliteklasse einnisten zu können.

All das hob die Stimmung beim sich nach einem Stadionbesuch verzehrenden Anhang. Es waren zwar keine wilden Feierszenen wie im Mai 2019, als Union gegen eben diesen VfB den Aufstieg geschafft hatte. Oder wie im Vorjahr, nachdem der Ligaverbleib mit einem 1:0 gegen Paderborn am 32. Spieltag sichergestellt wurde. Mit einem Banner mit der Aufschrift „Der Traum von Liga 1 bleibt wahr! Danke an alle im Verein“ hatten die Unionfans schon während der Partie auf der Gegengraden ihren Gefühlen Ausdruck verliehen. Nach dem Abpfiff wurde das dann außerhalb des Stadions noch deutlicher.

Doch Feste muss man feiern wie sie fallen. Und so ließen sich die rot-weißen Fußballer auf dem Umlauf des Stadions im Corona-gerechten Abstand gebührend feiern und huldigen nach einem Kick, der durch die Treffer von Grischa Prömel (20.) und Petar Musa (43.) bei einem Gegentor von Philipp Förster (49.) knapp, aber vor allem aufgrund der ersten Halbzeit nicht unverdient ausgefallen war. Der überragende Christopher Trimmel hatte mit zwei Torvorlagen trotz seiner Carbon-Maske zum Schutz der frisch operierten Nase den richtigen Riecher bewiesen. 

Ein wenig schwang in der verständlichen Freude auch Erleichterung mit. Erleichterung, darüber, nach den jüngst offenbarten Europacupambitionen nicht unmittelbar danach ins Stolpern geraten zu sein. Es hatte ja durchaus die Gefahr bestanden, dass die Eisernen als Tiger abspringen und als Bettvorleger landen – nach ihrer Ankündigung, den Marsch nach Europa versuchen zu wollen. Doch in Spiel Nr.1 nach dieser Ansage lieferten sie wie versprochen und distanzierten die sich vor dem Kick ebenfalls noch in Schlagweite zu den Europapokalplätzen befindlichen Stuttgarter und wahrten ihre Ambitionen. „Es gilt, neue Reize zu setzen. Wenn du die Möglichkeit hast, solltest du sie nutzen“,  hatte Trainer Urs Fischer die neue Strategie verteidigt.

Union rutscht auf Rang acht ab

Dass die Köpenicker dennoch in der Tabelle einen Rang abrutschten, weil Gladbach bei gleicher Tordifferenz eben mehr Treffer erzielt hat, war ein kleiner Schönheitsfehler, der aber nicht zu beeinflussen gewesen war. Wer konnte schon davon ausgehen, dass die Borussen ausgerechnet gegen die bislang so starken Frankfurter unter ihrem künftigen Coach Adi Hütte ein Torfestival (4:0) feiern würden?

Und doch sind die Eisernen mittendrin, statt nur dabei. Schon am Mittwoch in Dortmund könnte die andere Borussia heftig unter Druck geraten. Ein – kleiner Scherz – einfacher Sieg mit sechs Toren Differenz reicht sogar, um den BVB auch in den Treffern hinter sich zu lassen. Was am Ende vielleicht sogar den Ausschlag geben kann in diesem so engen Rennen.  Hätte vor dieser Spielzeit auch niemand für möglich gehalten. 

Kruse muss Spott ertragen

Auch dass ein Max Kruse sich hinterher dem Spott der Kollegen stellen musste, weil er das Kunststück fertig brachte, aus Nahdistanz mit einem Kopfball ein Fieldgoal zu erzielen, statt die Entscheidung frühzeitig herbeizuführen, passt da ins überraschende Bild (73.). „Wir werden ihm das Video davon schon noch das eine oder andere Mal vorspielen“, hatte Prömel nach seinem dritten Saisontor – alle mit dem Kopf übrigens – grinsend verkündet. Christopher Trimmel, bei der Großchance Kruses ausnahmsweise nicht als Flankengeber in Erscheinung getreten, schwadronierte genussvoll etwas von einem Kopfballpendel, das künftig zu Kruse Trainingsgeräten gehören sollte. Der zeigte sich in einer Instagram-Story auch einsichtig, nahm sich selbst auf die Schippe, indem er kundtat: Das mit den Kopfbällen üben wir dann noch mal. 

Kann er ja gleich am Mittwoch in Dortmund nachholen. Denn dann gilt es, die nächste große Hürde auf dem Weg nach Europa zu überwinden. Und weiter voraus will man nicht denken in Köpenick. „Ich bleibe dabei, wir nehmen Spiel für Spiel, versuchen, uns da oben festzubeißen, es den anderen so schwer wie möglich zu machen. Und dann schauen wir, was rausschaut“, lautet Fischers Marschroute. 

Ein Wermutstropfen bleibt aber doch. Nachdem vor wenigen Wochen ein Stadionkiosk in Brand geraten war und die Polizei Ermittlungen einleitete, hätten die Fans vielleicht nicht unbedingt zündeln müssen. Egal, wie vorsichtig sie die bengalischen Fackeln handhabten. Und nur weil die Polizei nicht eingriff, sich lediglich eifrig Notizen machte, heißt das nicht, dass da nicht doch etwas hätte schiefgehen können.