Berlin-Köpenick - Urs Fischer kann einfach nicht aus seiner Haut. Am Tag nach dem 1:1 des 1. FC Union beim FC Bayern München, ein Ergebnis, das Manager Oliver Ruhnert übrigens als historisch einstufte („Wer weiß denn schon, ob uns das in den nächsten 25 Jahren wieder gelingt“) und bei der Sport-1-Sendung „Doppelpass“ sowie gegenüber Sky Glückwünsche zum Klassenerhalt annahm, blieb der Schweizer seinem defensiven Naturell treu: „Ich würde sagen, es sieht sehr gut aus, aber in Stein gemeißelt ist es noch nicht ganz. 40 Punkte nach 28 Spieltagen, glaube ich, sind eine tolle Leistung.“

Natürlich hat er recht. Wer einen Tabellenrechner bemüht, kommt auf eine Konstellation, wo die Köpenicker lediglich aufgrund der Tordifferenz nicht vom Relegationsrang eins tiefer rutschen. Aber glaubt noch einer dran? Nicht wirklich. Nicht mal in Köpenick selber. Ansonsten hätte Ruhnert am vergangenen Wochenende nicht schon eingeräumt, nicht mehr zweigleisig zu planen, sondern nur noch für die Bundesliga. 

Das Bemerkenswerte an Punkt Nummer 40 ist übrigens, dass die Eisernen diesen sechs Spieltage vor Schluss und in München holten und damit der einzige Klub der Liga sind, der bislang in zwei Spielen ungeschlagen blieb. Gladbach hat noch die Chance dazu, alle anderen wurden vom Branchenprimus in die Schranken gewiesen. 

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Für Edition Nr. 3 konnten wir Christoph Biermann als Autor gewinnen. Der renommierte Journalist gibt Antwort auf die Frage: Wer sind die eigentlich, diese Unioner? Wir haben mit Kapitän Christopher Trimmel gesprochen, der Einblicke in sein Privatleben gibt. Und wir statteten Professor Bernd Wolfarth und seinem Kollegen Clemens Gwinner in der Charité einen Besuch ab. Die beiden beraten Union bei der medizinischen Versorgung der Profis, koordinieren zudem die Corona-Testungen im Verein.

Möglich wurde das auch, weil die Bajuwaren angesichts der bevorstehenden Aufgabe in Paris am Dienstag, bei der es eine 2:3-Heimniederlage wettzumachen gilt, viel rotierten und eine Art B-Elf aufboten. Wobei eine B-Elf mit Thomas Müller, Joshua Kimmich, Kingsley Coman, Jamals Musiala und Jerome Boateng sowie später Leroy Sané, David Alaba und Benjamin Parvard doch einige A-Qualitäten in ihren Reihen aufzuweisen hatte.

Doch das war Fischer natürlicherweise egal. Er nutzte die Gunst der Stunde, agierte wie im Hinspiel in einem 4-3-3 mit den Flügelmännern Marius Bülter und Keita Endo, um mehr Geschwindigkeit ins Spiel zu bringen. Mit seinen Wechseln hatte er auch das nötige Wettkampfglück, alle fünf zündeten. Marcus Ingvartsen gelang es dann sogar nach Vorarbeit des einmal mehr blendend aufgelegten Robert Andrich, den Führungstreffer von Jamal Musiala aus Minute 68 spät zu egalisieren (85.). 

Debatte in der Schiri-Kabine

Die zwischenzeitlich geführte Debatte, ob der Ball vor dem Einwurf von Cedric Teuchert auf Andrich wirklich im Aus gewesen war, ist hypothetischer Natur. Dass Teuchert offenbar beim Einwurf nicht beide Beine am Boden hatte, wurde in München nach dem Abpfiff in der Schiedsrichterkabine auch diskutiert. Wie Ruhnert im „Doppelpass“ verriet, stellte Schiedsrichter Tobias Stieler Bayern-Coach Hansi Flick dadurch ruhig, dass er auf Bayern-Verteidiger Bouna Sarr verwies. Bei dem hätte der Unparteiische aus Hamburg dann auch jeden Einwurf abpfeifen müssen. 

In einem weiteren Punkt blieb Fischer sich ebenfalls treu. Der Fußballlehrer findet berufsbedingt immer das Haar in der Suppe. Mit dem Auftritt seiner Mannschaft war er demnach nicht zu 100 Prozent zufrieden. „Das war meine Einschätzung unmittelbar nach dem Spiel. Und wir haben das heute in der Analyse noch mal angesprochen. Wir waren wirklich im Spiel mit dem Ball zu unpräzise, zu hektisch. Wir haben sehr viele Bälle hergeschenkt. Das bedeutet, dass man viel aufwenden muss, um dem Ball wieder hinterherzujagen“, analysierte der 55-Jährige gnadenlos. 

Nun gut, das muss er vielleicht so handhaben. Alle anderen waren eher in bierseliger Stimmung nach oder bei der Rückkehr (Pressechef Christian Arbeit) aus München und empfanden den Ausflug ähnlich wie Ruhnert durchaus als historisch. Manch einer deutete das 1:1 launig sogar in einen Sieg um!

Wie im Vorjahr gelang Union also vorzeitig der Klassenerhalt, das ist eine starke Leistung. Und das gepaart mit der Aussicht, am Ende vielleicht den Marsch nach Europa zu schaffen, was ja ebenfalls historisch aus Köpenicker Sicht wäre. Christopher Trimmel tröstete sich zudem in einer Instagram-Story mit der Erkenntnis, dass die 40 Punkte für den in einem Zweikampf mit Kingsley Coman erlittenen Nasenbeinbruch entschädigten. 

Mehr Schmerzen bereitete ihm übrigens die Aussicht nach Berlin zurückzukehren. Seine Liebste hatte ihn aufgefordert, Brezeln von Feinkost Käfer mitzubringen. Da ihn diese Nachricht erst am Gate erreichte, musste er ohne das begehrte Gebäck in den Flieger steigen. Angstbibbernd, wie er scherzte. „Pray for me!“ Betet für mich!