Berlin-Köpenick - Ein wenig untergegangen war nach dem 2:1 gegen den VfB Stuttgart selbst bei Unions Trainer Urs Fischer, dass der Klassenerhalt am vergangenen Wochenende mit den Punkten 41 bis 43 amtlich wurde, weil nun keiner aus dem Trio Schalke, Köln und Bielefeld an den Köpenickern vorbeiziehen kann. Zu wenige Spiele. Zu groß die Kluft. „Das ist mir gar nicht aufgefallen. Wenn es so ist, dann umso schöner. Aber mir hat ja auch keiner gratuliert“, so der Schweizer Fußballlehrer. 

Nicht gratuliert. Wie unschicklich, möchte man meinen. Was aber keineswegs daran lag, dass die für gewöhnlich unbotmäßige Hauptstadt-Presse irgendwie besonders brastig war, weil der stets arg vorsichtige 55-Jährige zuvor immer alle Gratulanten als voreilig abgewimmelt hatte, sondern eher an dem von ihm selbst etwas überraschend ausgerufenen neuen Ziel Europa. Das impliziert natürlich für jeden Betrachter, dass das Primärziel Klassenerhalt als erledigt betrachtet werden konnte. Ergo ist kein weiterer Applaus nötig.

Dem akribischen Facharbeiter in Sachen Fußball ist das wahrscheinlich auch nicht so wichtig. Von größerem Interesse wäre es bei ihm, wenn die Gratulanten am Mittwochabend in Dortmund so gegen 22.30 Uhr vor­bei­de­fi­lie­ren müssten. Dann nämlich, wenn seine Eisernen auch beim Champions-League-Viertelfinalisten etwas Zählbares mitgenommen hätten. Was Fischer nicht als utopisch ansieht, von dem er wohl aber weiß, dass es einen „sehr guten Tag“ seines Teams dazu benötigt.

Haaland-Wechselgesang klingt Unionfans in den Ohren

Von diesen sehr guten Tagen oder auch den perfekten Tagen hat es ja bei Union schon einige in dieser Saison gegeben. Beispielsweise beim 1:1 in München. Oder beim 2:1 im Hinspiel. Woran Fischer sein Team nicht mal groß erinnern will. „Das Heimspiel haben die Jungs noch im Kopf. Da muss ich nicht nochmals drauf eingehen. Aber wenn deren Klasse sich zeigt und du eben nicht einen sehr guten Tag hast und die Borussia gewähren lässt, dann kommen solche Resultate zustande“, verwies er lieber auf das letzte Gastspiel der Eisernen im einstigen Westfalenstadion, das den Köpenickern im Februar 2020 mit einem 0:5 die höchste Niederlage ihrer noch jungen Bundesligageschichte bescherte. 

Auch heute klingen die Ohren von Tausenden damals mitgereisten Unionfans – für die Jüngeren unter uns, ja, es gab mal eine Zeit, da waren Zuschauer zugelassen, erwünscht und nicht vor die Fernsehbildschirme verbannt –, wenn sie an den huldigenden Wechselgesang für den frisch die Bundesliga aufmischenden Norweger Erling Haaland zurückdenken, der seinerzeit einen Doppelpack erzielte. Den dritten in Folge in seinem erst dritten Spiel für die Borussia. Man war irgendwie Augenzeuge einer Naturgewalt, die ganz unschuldig mit Babyface daherkam.

Damit das diesmal nicht so kommt, wird es allerdings nicht genügen, nur den skandinavischen  Nationalstürmer zu stoppen. Den über 90 Minuten mit „seiner Wucht und seinem Durchsetzungsvermögen“ komplett auszuschalten, werde nicht gehen. Man könne ohnehin nur im Kollektiv seine Kreise einengen. „Sich auf Haaland zu konzentrieren, wäre zu einfach. Borussia hat so viele Spieler, die alle das lösen können und ein Spiel allein entscheiden“, sagt Urs Fischer. Der Trainer weiß genau, dass Union gegen die Jude Bellinghams, Marco Reus’ und Julian Brandts dieser Welt als Ganzes funktionieren muss.

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Für Edition Nr. 3 konnten wir Christoph Biermann als Autor gewinnen. Der renommierte Journalist gibt Antwort auf die Frage: Wer sind die eigentlich, diese Unioner? Wir haben mit Kapitän Christopher Trimmel gesprochen, der Einblicke in sein Privatleben gibt. Und wir statteten Professor Bernd Wolfarth und seinem Kollegen Clemens Gwinner in der Charité einen Besuch ab. Die beiden beraten Union bei der medizinischen Versorgung der Profis, koordinieren zudem die Corona-Testungen im Verein.

Das Wort „Reifeprüfung“ lehnt der Schweizer zwar speziell für diesen einen Kick ab, weil sein Team sich insgesamt weiterentwickelt habe, aber in Bezug auf die Europapokalambitionen der Köpenicker könnte es dennoch eine richtungsweisende Partie werden. Im Erfolgsfall würde Union Druck auf den BVB und Leverkusen ausüben. In einem Worst-Case-Szenario würden die Schwarz-Gelben, Bayer Leverkusen und Mönchengladbach den Unionern enteilen.

Schon ein Zähler wäre mehr als ein Achtungserfolg und könnte die Ambitionen der Eisernen aufs internationale Geschäft am Leben halten. Und weiter als bis Mittwoch wird Fischer eh nicht denken, Die Marschroute, sich immer nur auf das Kommende zu fokussieren und alles andere auszublenden, hat den 1. FC Union ja schließlich dahin gebracht, wo er jetzt steht: auf Rang acht! Bereit, die Großen zu ärgern. Und selber da zu sein, wenn es darauf ankommt.