Berlin-Köpenick - Das Fachmagazin Kicker ordnete es richtig ein. „Sollten die Eisernen gewinnen, wären sie – so verrückt es klingen mag – ebenfalls in Schlagdistanz zu den Plätzen für die Königsklasse“, schrieb das Magazin in seiner Online-Vorschau auf den 26. Spieltag. Und verrückt ist da wohl die richtige Einordnung. In einer Spielzeit, in der der 1. FC Union sich eigentlich nur den Klassenerhalt auf die Fahnen geschrieben hatte – den gerne so frühzeitig wie möglich –, stellt sich die Lage neun Spielrunden vor Schluss unvermutet überraschend da. Die Köpenicker stehen am Sonnabend in Frankfurt (15.30/Sky) nicht nur vor einer „tollen Aufgabe“, wie Trainer Urs Fischer es ausdrückte, sondern können ganz unvermittelt von höchsten Weihen träumen. 

Ja, doch, richtig gelesen. Ein Dreier am Main, und plötzlich muss es sich nicht nur um die Conference League handeln oder die Europa League als Krönung der Saison. Nein, selbst das Erreichen der Königsklasse wäre plötzlich keine Utopie mehr.

Natürlich weiß jeder längs der Wuhle um die Gefahren, die einem als Eintagsfliege in einer Saison mit europäischer Zusatzbelastung erwarten. Doch das ist Zukunftsmusik. Sportler sind nun einmal immer voll Ehrgeiz, wollen jedes Spiel gewinnen. Und streben im hier und jetzt auf dem Feld nach dem maximal Möglichen. 

Das geht auch Robert Andrich nicht anders. „Ich habe mich mit dem Thema Conference League überhaupt nicht beschäftigt. Ich weiß gar nicht so richtig, um was es sich da handelt. Es ist irgendwie ein internationaler Wettbewerb. Wenn aus irgendwelchen Gründen, nach den schweren Spielen, die wir jetzt bis Saisonende noch haben, so was bei rauskommen sollte, wäre es natürlich schon eine coole Sache und für den Verein sehr toll“, zeigte sich der 26-Jährige mächtig ambitioniert. 

Andrich erkennt Möglichkeiten

Die Situation wird umso verrückter, wenn man bedenkt, dass die Eisernen das Erreichen dieses Ziels in der eigenen Hand haben. In den letzten neun Punkterunden treffen die Köpenicker bis auf Hertha und Bremen nur noch auf Teams, die auf den Plätzen für das internationale Geschäfte oder in Reichweite dazu liegen – so wie der VfB Stuttgart. Natürlich kann es da auch böse Niederlagen geben. Umgekehrt wäre jeder Erfolg ein Signal an die Konkurrenz. Andrich bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Es heißt, dass wir alle über uns Stehenden noch haben. Das ist aber auch gleichzeitig eine Möglichkeit, in den direkten Duellen ihnen Punkte zu klauen. Das ist immer unser Ziel, wir wollen in jedem Spiel gewinnen, unabhängig davon, welche Platzierung möglich ist.“

Das Ziel eint ihn mit seinem Trainer, auch wenn der sich über ungelegte Eier weniger in der Öffentlichkeit äußert. Doch natürlich wäre es für den 55-Jährigen ein toller Erfolg, wenn er nach dem FC Zürich, dem FC Thun und dem FC Basel nun auch mit seinem vierten Klub als Trainer das internationale Geschäft erreichte. 

Dafür aber, das weiß der sich mit großen Zielen stets so zurückhaltende Eidgenosse, muss man erst einmal seine Hausaufgaben machen. Die Aufgabe am Main stellt sich eben nicht nur attraktiv da, sondern auch äußerst schwer. Die Eintracht hat zu Hause noch kein Spiel verloren in dieser Saison. „Sie spielen eine tolle Saison und haben eine Mannschaft mit sehr viel Qualität in der Vorwärtsbewegung. Dazu haben sie Individualisten, die ein Spiel entscheiden können“, lautet Fischers Urteil über die Eintracht.

Das ist alles richtig beobachtet. Und doch hat das Team von Adi Hütter derzeit nicht gerade einen Lauf. Seit dem 2:1 gegen den FC Bayern konnten die Hessen keins ihrer letzten drei Bundesligaspiele mehr gewinnen. Da könnte doch was gehen am Main. Und es klingt nicht mal besonders verrückt.