Union und die Nationalmannschaft, das hat noch nie richtig zueinandergepasst

Bundestrainer Hansi Flick hat für die beiden letzten Länderspiele vor der WM  keinen Akteur vom 1. FC Union berufen. Dabei hätten auch die Eisernen Kandidaten.

Spielt mit Japan gegen Deutschland bei der WM in Katar: Genki Haraguchi vom 1. FC Union Berlin.
Spielt mit Japan gegen Deutschland bei der WM in Katar: Genki Haraguchi vom 1. FC Union Berlin.City-Press/Mathias Renner

Christopher Trimmel ist so etwas wie ein Pfadfinder. Zumindest für den 1. FC Union Berlin. Im Sommer vorigen Jahres gehörte der Kapitän der Eisernen zum Aufgebot Österreichs bei der Europameisterschaft und schaffte damit ein Novum: Nie zuvor hatte ein Kicker an einem großen internationalen Turnier teilgenommen, der im Alltag das Trikot des 1. FC Union trug. Nur wenige Wochen danach traten mit Max Kruse und Cedric Teuchert zwei andere Spieler der Rot-Weißen in Trimmels Fußstapfen. Die beiden Offensivspieler nahmen mit dem DFB-Team am olympischen Fußballturnier in Tokio teil. Auch wenn sie den Traum von einer Medaille alsbald begraben mussten, ist allein die Teilnahme am größten Sportevent der Welt eine außergewöhnliche Wertschätzung, mit der weder der mittlerweile bei Zweitligist Hannover 96 spielende Angreifer Teuchert noch der beim VfL Wolfsburg kürzlich aussortierte Allrounder Kruse gerechnet hatten. Auch für den noch so jungen Verein aus dem Osten der Hauptstadt, der gerade seine zweite Saison in der Bundesliga beendet hatte, war das ein Ritterschlag.

Vor Trimmel, Kruse und Teuchert waren es immer nur Ex-Unioner, die zu Mega-Events des Fußballs Zutritt erlangt hatten, und dazu nur eine handverlesene Schar. 1974, bei der einzigen WM-Teilnahme der DDR, ackerte Reinhard „Mecky“ Lauck im Mittelfeld für jenes Team, das im Spiel der Spiele in Hamburg gegen Franz Beckenbauer, Sepp Maier und Gerd Müller 1:0 gewann. Zwei Jahre später krönte Lauck, einer der eisernen Pokalhelden von 1968, seine Karriere in Montreal mit dem Olympiasieg. 2002 bei der WM in Japan und Südkorea gehörte mit Marko Rehmer ein ehemaliger Rot-Weißer zum Team von DFB-Teamchef Rudi Völler.

Rehmer war in der Alten Försterei ausgebildet worden, wurde bei Hansa Rostock Bundesliga- und Nationalspieler, trug vor zwanzig Jahren dann das blau-weiße Trikot von Hertha BSC. 2006 unter Bundestrainer Jürgen Klinsmann folgte Robert Huth den Spuren seiner Vorgänger. Huth war Teil des Sommermärchens. Im Gegensatz zu Rehmer spielte Huth für die Eisernen jedoch nie im Männerbereich. Er war als 16-Jähriger zum FC Chelsea gewechselt und wurde dort Nationalspieler. Dem stattlichen Kerl aus Biesdorf, 1,91 Meter groß und durchaus kräftig, verpassten die englischen Fans den absolut passenden Spitznamen: The Berlin Wall, die Berliner Mauer. Huth ist übrigens der erste deutsche Nationalspieler seit der Gründung der Bundesliga 1963, der nie in Deutschlands höchster Spielklasse aktiv war. Ein weiterer nur gehört inzwischen noch dazu, der „Italiener“ Robin Goosens.

Ein verrückter Stürmer und ein liebenswerter Mensch bleibt

Die Außenseiter aus der Wuhlheide und das Nationaltrikot, das hat noch nie richtig zueinandergepasst. Ganz ohne Nationalspieler sind die Eisernen trotzdem nicht geblieben. Talente der ersten Stunde waren in den 50er-Jahren Horst „Hatscha“ Assmy, Günter „Wibbel“ Wirth und Lothar „Lulu“ Meyer. Assmy, ein begnadeter Außenstürmer, wechselte jedoch von Motor Oberschöneweide zum ASK Vorwärts, um noch vor dem Mauerbau in den Westteil der Stadt zu Tennis Borussia zu gehen, von dort zu Schalke 04 in die Oberliga West und letztlich zu Hessen Kassel in die Regionalliga Süd. Wirth, ein ebenso flinker wie quirliger Außenstürmer, zog es, wie auch Meyer aus Oberschöneweide gleichfalls zur Armee-Elf.

Erst nach der Gründung des 1. FC Union ist die Nationalelf wieder ein Thema in Köpenick. Wolfgang Wruck, der elegante Abwehrchef, bringt es 1967 und 1968 auf sechs Länderspiele, ihm folgt Lauck, der die ersten drei seiner 33 Länderspiele für Union bestreitet, den Rest, weil die Rot-Weißen 1973 absteigen und der Mittelfeldmann, auch um seine WM-Chance zu wahren, nach Hohenschönhausen zwangsverpflichtet wird, für den BFC Dynamo. In diese Ära gehört ebenso Tausendsassa Günter Hoge, an dem die Fans einen Narren gefressen haben, weil Jimmy ihre Sprache spricht, sich nicht anpassen will, ein verrückter Stürmer ist und dabei ein liebenswerter Mensch bleibt, der das Pferd sozusagen von hinten aufgesattelt hat: Er spielte erst für den ASK Vorwärts und dann für den 1. FC Union im A-Team.

August 2018: Beim ersten Bundesligaspiel gegen Leipzig erinnert das Stadion an verstorbene Unioner, hier an den früheren Nationalspieler Wolfgang Wruck.
August 2018: Beim ersten Bundesligaspiel gegen Leipzig erinnert das Stadion an verstorbene Unioner, hier an den früheren Nationalspieler Wolfgang Wruck.www.imago-images.de

Wiederum etliche Jahre später, mit dem Wechsel von Ralf Sträßer vom Sportforum in die Alte Försterei, bekommen die Eisernen wie aus dem Nichts einen weiteren Nationalspieler. Der Angreifer kommt mit der Empfehlung eines einzigen Länderspiels, eines 0:0 gegen den Irak im Frühjahr 1982, von den Weinroten zu den Rot-Weißen. Das ist nur möglich, weil er es mit der Disziplin nicht ganz so ernst nimmt, die bei den Dynamos aber eine noch wichtigere Rolle spielt als anderswo, und er 1984 nach einem erneuten Abstieg Unions im Austausch mit Abwehrspieler Waldemar Ksienzyk die Seiten wechseln darf. In Köpenick startet Sträßer, der für den BFC in 144 Erstligaspielen satte 39 Tore erzielte, erst richtig durch. Mit 20 Treffern schießt er die Eisernen umgehend zurück in die Oberliga und wird, kaum dort angekommen, mit 14 Buden Torschützenkönig. Mit Frank Pastor (11 Treffer) und Andreas Thom (10) landen die besten Dynamos deutlich hinter ihm.

Weil Joachim Streich, der mit Abstand erfolgreichste Torjäger der DDR (Rekordhalter in der Oberliga mit 229 und in der Nationalelf mit 55 Toren, dazu viermal Torschützenkönig), seine Laufbahn gerade beendet hat, sucht Auswahlcoach Bernd Stange einen Nachfolger. Vier Jahre nach seinem Länderspieldebüt bekommt Sträßer zum zweiten Mal die Chance, nun als einer von Union. Da er im Frühjahr 1986 gegen Mexiko (2:1), Griechenland (0:2) und die Tschechoslowakei (0:2) jedoch ohne Tor bleibt und kaum überzeugt, ist nach wenigen Wochen schon wieder Schluss. Außerdem kommt es zu erneuten Eskapaden. So erscheint er 1987 einfach nicht mehr zum letzten Saisonspiel in Aue, das die Eisernen 0:5 verlieren, stellt sie vor vollendete Tatsachen und wechselt nach Jena.

Öfter haben Spieler den Sprung geschafft, nachdem sie nicht mehr in der Alten Försterei waren

Seitdem haben einige Spieler des 1. FC Union ein Nationaltrikot getragen, nur nicht das mit dem Bundesadler. Manchmal sind sie als ehemalige Nationalspieler gekommen wie der Schweizer Mario Eggimann, der Österreicher Emanuel Pogatetz und auch Jörg Schwanke, der im letzten Länderspiel der DDR, dem legendären 2:0 in Belgien mit zwei Toren von Matthias Sammer, dabei war. Oder sie waren schon welche und sind es geblieben wie der Amerikaner Bobby Wood. Wieder andere sind in Köpenick welche geworden wie Karim Benyamina für Algerien. Öfter aber haben sie den Sprung geschafft, nachdem sie nicht mehr in der Alten Försterei waren. So Ervin Skela mit 75 Einsätzen für Albanien und vor allem Sergej Barbarez mit 17 Toren in 49 Spielen für Bosnien-Herzegowina. Barbarez hat sowohl in Deutschland mit zusammen 330 Bundesligaspielen für Hansa Rostock, Borussia Dortmund, den Hamburger SV (für den er in der Saison 2000/01 mit 22 Treffern Torschützenkönig wurde) und Bayer Leverkusen Karriere gemacht als auch für sein Heimatland. Dort wurde er zweimal zum Fußballer des Jahres gewählt und 2005 zum Mann und zum Sportler des Jahres. Zudem wurde in seiner Geburtsstadt Mostar eine Straße nach ihm benannt.

Mit dem Aufstieg in die Bundesliga ist es beim Team aus der Wuhlheide erst richtig verrückt geworden mit Nationalspielern aus vieler Herren Ländern. Neven Subotic spielte für Serbien, Marcus Ingvartsen für Dänemark, Sebastian Andersson für Schweden und Joel Pohjanpalo für Finnland, mit Kruse und Christian Gentner sind gar zwei ehemalige deutsche A-Spieler in die Alte Försterei gekommen. Von hier den Sprung zu den Super Eagles, dem Nationalteam Nigerias, hat Taiwo Awoniyi geschafft.

Aktuell stehen bei den Eisernen acht Nationalspieler aus sieben Nationen im Kader, von denen lediglich Tymoteusz Puchacz (für Polen), Sheraldo Becker (für Suriname) und Jordan Siebatcheu (für die USA) derzeit nicht unterwegs sind. András Schäfer war am Freitag mit Ungarn gegen Deutschland dabei und spielt am Montag gegen Italien. Frederik Rönnow hatte es am Donnerstag mit Dänemark gegen Kroatien zu tun und sieht am Sonntag dem Spiel gegen Frankreich entgegen. Das genau umgekehrte Programm, erst am Donnerstag gegen die Equipe Tricolore und am Sonntag gegen Kroatien, bewältigt Christopher Trimmel mit Österreich. Julian Ryerson und Morten Thorsby wiederum haben mit Norwegen am Sonnabend Slowenien vor der Brust und am Dienstag Serbien. Eine Reise lediglich um die Ecke hat ausnahmsweise Genki Haraguchi. Mit der Auswahl Japans traf er sich in Düsseldorf, wo die „Blue Samurai“ am Freitag gegen die USA spielten und es am Dienstag mit Ecuador zu tun bekommen.

Erinnerungen an Sepp Herberger

Fehlt den Eisernen nur noch ein deutscher Nationalspieler. Dass die Himmelsstürmer aus Köpenick Bundesliga-Spitzenreiter sind, ist derart kurios wie überraschend, dass damit selbst Hans-Dieter Flick, den alle Welt Hansi nennt, nichts Schlaues anzufangen weiß. Erstens hat der Bundestrainer für die beiden abschließenden Partien in der Nations League gestern gegen Ungarn und am Montag im Londoner Wembley Stadion gegen Vize-Europameister England (die beiden letzten Länderspiele vor der WM) keinen Spieler des 1. FC Union im Kader, und zweitens hat wohl keiner aus der Alten Försterei auch nur ernsthaft damit gerechnet. Dabei kennt Flick als damaliger Assistent von Joachim Löw zumindest den Namen Khedira. Nur der Vorname müsste sich ändern. Aus Sami, 2014 in Brasilien Weltmeister, könnte gut und gern Rani werden. Gerade jetzt, da das DFB-Team durch Corona-Ausfälle gebeutelt ist, wäre das ein starkes Zeichen gewesen. Dass Flick stattdessen mit Maximilian Arnold einen Spieler des VfL Wolfsburg, des formschwachen und ziemlich zerstrittenen Tabellenvorletzten, der Tage zuvor in Köpenick verhauen wurde, nachnominiert hat, ist solch ein Zeichen jedenfalls nicht.

Ganz alte Hasen fühlen sich mit diesem Kein-Spieler-vom-Spitzenreiter-dabei-Szenario an den Altmeister der Bundestrainer erinnert, an Sepp Herberger. Ihm prallte vor der WM 1954 das blanke Entsetzen entgegen, als im damaligen 22er-Kader nicht ein Spieler von Titelträger Hannover 96 auftauchte. Die Niedersachsen hatten im Finale um die Meisterschaft ihren Rivalen 1. FC Kaiserslautern mit 5:1 aus dem Hamburger Volksparkstadion gefegt. Von den zumindest im Endspiel haushoch unterlegenen Pfälzern aber fanden mit Fritz und Ottmar Walter, Horst Eckel, Werner Kohlmeyer und Werner Liebrich gleich fünf Spieler die Gnade von „Chef“ Herberger und waren in der Schweiz dabei.

Nach dem „Wunder von Bern“ wollte von jener Kritik keiner mehr was wissen. Das heißt andererseits nicht, dass aus Köpenick niemand mehr auf den WM-Zug aufspringen könnte. Vielleicht geschieht ja ein Wunder, und zum Auftakt der WM-Gruppe E stehen sich am 23. November zwischen Deutschland und Japan mit Rani Khedira und Genki Haraguchi zwei Eiserne gegenüber …