Berlin Nein, kneifen muss er sich nicht. Er weiß, es ist zwar traumhaft, aber keine Träumerei. Auch wenn Marvin Friedrich unumwunden zugibt, dass die Situation für den 1. FC Union derzeit „außergewöhnlich“ ist. „Gerade diesen Platz hat keiner erwartet vor der Saison“, meint der Innenverteidiger der Eisernen, nachdem die ersten 14 Spiele der Saison den Köpenickern derzeit einen außerordentlich komfortablen fünften Platz beschert haben. Komfortabel, wenn man das eigentliche Saisonziel Klassenerhalt weiter vor Augen hat. Und da der Abstand zu den Abstiegsrängen nach etwas mehr als zwei Fünfteln der Saison satte 14 Zähler beträgt, könnten sich die Jungs um Friedrich & Co. entspannt zurücklehnen und das Kommende genießen.

Das Kommende ist natürlich der VfL Wolfsburg. Ein Duell auf Augenhöhe, wenn man das Ligaranking als Maßstab nimmt. In der Alten Försterei gastiert der Ligasechste beim Tabellenfünften. Und doch findet es Friedrich mehr als vermessen, hier einen Vergleich anzustellen.  

„Wir sind nicht auf Augenhöhe mit Wolfsburg. Die sind noch ziemlich weit weg. Das ist eine Topmannschaft, die einen sehr reifen Fußball spielt, einen cleveren Fußball. Wolfsburg steht nicht umsonst da oben“, meinte Friedrich, so als würde er das Geschehen in der Liga von viel weiter unten betrachten. „Wir sind natürlich weit weg von ihnen. Obwohl wir eng beieinanderliegen“, so sein Fazit. Nein, er hat nicht vergessen, woher Union kommt. Völlig egal, wohin der Weg führen mag. Einem Weg, dem sich keiner bei Union verschließen wird, wenn er denn gangbar wird am Ende der Spielzeit. Aber das ist ein Thema, dass sich im Hier und Jetzt für ihn nicht stellt. Union falle nichts in den Schoß. „Wir müssen in jedem Spiel an unsere Grenze gehen, um zu punkten. Und zurzeit haben wir auch das nötige Wettkampfglück“, so Friedrich zurückhaltend.

Schalke schmerzt Friedrich

Es ist im Übrigen diese Bodenständigkeit, wegen der Außenstehende Union schon in Sicherheit wähnen. Kaum einer vermag sich vorzustellen, dass die Eisernen nachlassen werden. Oder gar das Bielefeld in nur 20 Spielen 14 Zähler aufholt. Von Mainz und Schalke (Friedrich: „Das tut mir weh, das so zu sehen. Schalke war ja auch mein Ausbildungsverein.“) will man gar nicht erst anfangen.

Was nicht heißt, dass bei Union künftig alles reibungslos verlaufen wird. Aber da die Jungs um Christopher Trimmel & Co. gelernt haben, mit Rückschlägen oder Widrigkeiten – erwähnt sei hier nur die Verletzungsmisere im Sturm – umzugehen, herrscht überall Zuversicht. 

Das Lehrgeld vom Vorjahr gegen den VfL hat Friedrich auch noch verinnerlicht. Da wähnten sich die Köpenicker nach einer 2:0-Führung schon auf der Siegerstraße, ehe die Niedersachsen cool und abgezockt zurückschlugen und am Ende doch noch einen Zähler aus der Alten Försterei entführten. Ein gestandener Bundesligaklub eben, kein Neuling wie seinerzeit Union.

Dabei hat der gebürtige Kasselaner persönlich ganz gute Erinnerungen an diesen Kick. Gegen die Wölfe erzielte er sein allererstes Bundesligator. Nach der klassischen Union-Formel Flanke Christopher Trimmel, Kopfball Marvin Friedrich. „Wir wissen ja alle, wie gut die Standards von Trimmi sind“, meinte Friedrich. Mittlerweile sind weitere fünf Buden dazugekommen. Aller per Kopf! Mit vier Toren ist der 25-Jährige derzeit der gefährlichste Innenverteidiger der Liga vor Dortmunds Mats Hummels.

Eine richtige Erklärung, warum es bei ihm flutscht, hat Friedrich nicht. Zuvor hatte er in zwei Spielzeiten nur zweimal das Runde ins Eckige befördert. Darunter auch das wichtige 2:2 in der Relegation in Stuttgart. Groß umgestellt hat er sich aber nicht. Aber es hat ein klein wenig auch mit gewachsenem Selbstvertrauen und Mentalität zu tun. 

„Ich denke schon, dass es hilft, wenn wir gegen Bayern und BVB sehen, dass wir mithalten, wenn nicht sogar gewinnen können. Daraus zieht man Selbstbewusstsein“, so Friedrich. Das gepaart mit einem absoluten Willen, sein Ding zu machen. „Ich bin noch gieriger drauf, das Tor zu machen und will mich im Zweikampf unbedingt durchsetzen“, so Friedrich.

Seine Leistungen lassen an der Wuhle schon Befürchtungen aufkommen, dass bald Angebote für ihn reinflattern werden. Was ihn überhaupt nicht juckt. Für 'nen Euro fuffzig mehr will er sein persönliches Paradies eher nicht verlassen. „Ich bin im Moment sehr glücklich bei Union und habe mir noch keine Gedanken gemacht, was in Zukunft ist. Ich habe hier einen Vertrag und bin wunschlos glücklich. Das wissen auch alle.“ Anklopfen also zwecklos.