Unions Manager Oliver Ruhnert: „Urs Fischer war mir gegen Mitternacht aufgefallen“

Wie kam Oliver Ruhnert nach Köpenick? Und passt ein Linker zum Profifußball? Der Manager des 1. FC Union hat darüber ein Buch geschrieben. Ein Auszug.

Hat jemand Kuchen gesagt? Manager Oliver Ruhnert im sonnigen Mannschaftskreis.
Hat jemand Kuchen gesagt? Manager Oliver Ruhnert im sonnigen Mannschaftskreis.Nikita Teryoshin

Das Ende meines Vertrags bei Schalke hatte dazu geführt, dass mich unzählige Bekannte und Freunde anriefen oder mir mailten. Natürlich kamen Fragen auf. Wieso das so plötzlich? Und was ich denn nun machen werde. Einer, der nachfragte, war Helmut Schulte, damals als sportlicher Leiter beim 1. FC Union tätig und ein über die Jahre hinweg stets geschätzter Kollege. Helmut holte Luft und fragte, was ich denn nun vorhabe und ob ich nicht Lust hätte, für ihn ein paar Spiele zu schauen und ihm zu berichten, solange ich noch frei sei und nichts Neues plane.

Ich hatte Lust, und schon kurze Zeit später war ich auf Honorarbasis für ihn unterwegs in Schweden und Norwegen, den Niederlanden und Deutschland. Endlich durfte ich mal wieder tun, was ich so sehr liebe: Fußball schauen und Spieler einschätzen!

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Info
Das Buch: Oliver Ruhnert. Das Geheimnis seines Erfolgs. Vom Sauerland über Schalke zu Union, Verlag Neues Leben, Berlin 2022, 192 Seiten, 18 Euro

Die Buchpremiere: Kino Union Friedrichshagen, 15. November, 20.15 Uhr, Eintritt: 15 Euro, Kontakt: (030) 65 01 31 41 oder kino-union.de

Helmut wusste, er würde von mir stets eine klare Aussage bekommen und sich darauf verlassen können, dass die auch unabhängig von Vorbeobachtungen getroffen war. Auf die Art konnte er diese Eindrücke mit in seine Entscheidungsprozesse einfließen lassen.

Mit ihm hatte ich bekanntlich ja bereits in der Knappenschmiede auf Schalke zusammengearbeitet. Ich wusste, worauf Helmut Wert legt, wie er Spieler sieht. Es macht großen Spaß, sich mit Menschen wie ihm auszutauschen, weil man inhaltlich auf einem hohen Niveau über Fußball redet und genau weiß, wie der andere denkt.

Einen Chefscout gab es bei Union bislang nicht

Nach einiger Zeit sagte er mir, dass er mich als Chefscout gebrauchen könne und dass ich mir das bei Union einfach mal anschauen soll, sein ursprünglicher Kandidat war wider Erwarten nicht verfügbar. Das könne etwas für mich sein. Helmut sprach damals nur positiv über den Verein. Er gab mir viele Informationen und deutete an, dass Union gut, aber noch nicht in allen Bereichen top aufgestellt sei. Das machte die Sache natürlich noch reizvoller.

Ich hätte hier die große Möglichkeit, mich richtig einzubringen. Einen Chefscout gab es bislang nicht, und eine solche Schaltstelle würde Union sicher voranbringen. Helmut formulierte ganz klar, dass das Ziel des Vereins die erste Liga sei. Mich interessierte das sehr.

Als Scout und als Chefscout hatte ich schon bei Schalke gearbeitet, diese Art Tätigkeit liebte ich. Ich könnte wieder von zu Hause aus arbeiten und hätte keine festen Bürozeiten. Zudem arbeitete im Scouting von Union mein früherer Trainerkollege aus Iserlohner Zeiten, Horst Quade, mit dem ich mich im Sauerland oft zu Themen rund um Spieler ausgetauscht hatte. Er war es auch, der mir von dieser einmaligen Stimmung berichtete. Von der Gänsehaut, wenn im Stadion an der Alten Försterei Nina Hagens Vereinshymne „Eisern Union“ aus tausend Kehlen erklingt. Helmut und Horst brachten mich tatsächlich dazu, mir das endlich alles mal live anzusehen.

Können Sie mich hören? Oliver Ruhnert beim Fernsehinterview.
Können Sie mich hören? Oliver Ruhnert beim Fernsehinterview.imago/Tim Rehbein/RHR-Foto

An einem Montagabend im August 2017 bei einer Partie gegen Nürnberg war es dann so weit. Zum ersten Mal befand ich mich unter Unionern im Stadion. Helmut hatte nicht übertrieben. Schon meine Ankunft am Stadion, mein erster Blick auf dieses mitten im Wald liegende, mit seiner Fassade so ungewöhnlich wirkende Bauwerk weckte eine große Vorfreude in mir. Hier floss alles zusammen: die faszinierende Geschichte dieses Vereins, die Ursprünglichkeit, die Fankultur, das Authentische, und es wirkte trotzdem ganz pragmatisch.

Das hatte ich mir so nicht vorgestellt, wenn ich an Union dachte. Die Trainingsplätze der Profis lagen direkt am Stadion, die Kommunikationswege waren also kurz und die Einheit dieses Vereins räumlich sichtbar. Ich war überwältigt, denn es ist keine Selbstverständlichkeit, dass ein Verein Professionalität, Spannung und Charme unter einen Hut bekommt. Und dann das Spiel, das Stadion, die Zuschauer, die drei Traversen mit den Stehplätzen, wie alle zusammenhielten – das hatte ich so lange nicht gesehen, und es hat mich sofort angefixt. Es roch nach Bratwurst vom Holzkohlegrill und Bier. Alles fühlte sich so ursprünglich an, Fußball, wie er früher war.

Einige Tage nach meinem Besuch in Berlin rief er mich an. „Hallo Sauerländer!“

Nach dem Spiel führte ich erste Gespräche. Auf dem Rückweg im Auto ließ mich das Erlebte noch lange nicht los, stundenlang wälzte ich alles im Kopf hin und her: die Atmosphäre, die Gegebenheiten, das Potenzial. Dass es mir gefallen würde, dort zu arbeiten, war sofort klar. Natürlich wusste ich als Schalker, was Stimmung im Stadion sein kann. Und in dieser Hinsicht ist Union, so groß die Unterschiede sonst sein mögen, ein bisschen wie Schalke. Die Menschen lieben den Klub und fiebern für ihn – diese Hingabe, dieser Enthusiasmus, die ganze Kultur und Mentalität dieser Traditionsvereine, die seit Kindestagen eine Konstante im Leben ihrer Fans ausmachen. Viele von ihnen würden ihren letzten Cent für den Verein hergeben.

Von meinen Eindrücken und meiner Begeisterung an diesem Abend in der Alten Försterei habe ich dann Helmut berichtet. 2007 hatte er mich schon einmal als Scout zu einem Verein geholt, eben in die Knappenschmiede von Schalke. Dann war er, drei Monate später und nach insgesamt fast zehn Jahren dort, selbst gegangen worden. Ich erinnere mich, dass er das als bitter empfand – und mir ging es ähnlich. Etwas später fing er zum dritten Mal beim FC St. Pauli an, diesmal als Geschäftsführer Sport, und hat dort weitere tiefe Spuren hinterlassen. Wir haben uns nie aus den Augen verloren und immer Kontakt gehalten und sind bis heute kollegial verbunden.

Einige Tage nach meinem Besuch in Berlin rief er mich an. „Hallo Sauerländer!“ So begrüßt er mich meistens. Telefonate mit ihm sind unterhaltsam. Da auch er im Sauerland aufgewachsen und dort familiär noch gebunden ist, kommen wir gerne mal vom Profifußball ab und landen beim Regionaltalk. Nur wenn ihm das zu viel wird, lässt er den Hamburger raushängen, die Stadt scheint ihm zur zweiten Heimat geworden.

Ein Angebot aus China lag mir vor

Aber was hatte ich nun eigentlich in den nächsten Jahren vor? Wollte ich nach der großartigen und erfolgreichen Zeit in der Schalker Knappenschmiede wieder ein Nachwuchsleistungszentrum leiten? Ins Ausland gehen und dort etwas aufbauen? Noch einmal als Trainer arbeiten? Vielleicht sogar ganz im Amateurfußball bleiben? Ich überlegte auch, meinen erlernten Beruf als Lehrer für Sport, Deutsch und Geschichte noch einmal anzugehen, späte Quereinsteiger sind an Schulen heute keine Seltenheit mehr.

Alles stand zur Debatte. Ein Angebot aus China lag mir vor, dort die Leitung einer Jugendakademie zu übernehmen, und dieses Angebot war finanziell betrachtet wirklich spektakulär. Auch die Fortsetzung meiner Tätigkeit als Leiter einer Jugendakademie schien wieder möglich. In Wolfsburg bahnte sich etwas an, das mir sehr spannend erschien und eine Fortsetzung der erfolgreichen Zusammenarbeit mit dem von mir sehr geschätzten Horst Heldt bedeutet hätte. Was nun also: Sauerland, China, Köpenick oder am Ende doch Wolfsburg?

Die Offerten lagen auf dem Tisch, die Entscheidung hatte ich irgendwie vor mir hergeschoben, als Helmut Schultes finales Angebot kam. Auf dem Weg zum Treffen nach Berlin entschied ich mich, mit dem ICE zu fahren, da dieser auch einen Zwischenstopp in Wolfsburg hatte. So war ich flexibel und konnte spontan reagieren.

Ich denke, man kann sagen, dass er mir Union schmackhaft machte

Der Termin bei Union gestaltete sich dann ganz anders, als ich erwartet hatte. Helmut nahm sich Zeit, zeigte mir das gesamte Gelände, die Trainingseinrichtungen, das Stadion, die Geschäftsstelle und natürlich das alte Forsthaus. Er erklärte mir die Zusammenhänge im Club, seinen Aufbau, seine Arbeitsweise, die Kultur, nicht zuletzt die Bindung zu den Fans. Wie leidenschaftlich die Menschen hier „ihr Union lieben“, wie sie damals beim Stadionumbau mit Hand angelegt hatten.

Ich denke, man kann sagen, dass er mir Union schmackhaft machte. Das war ihm gelungen, und schon auf meiner Rückfahrt in der Bahn bekam ich mehr und mehr das Gefühl, diese Stelle als Chefscout beim 1. FC Union antreten zu wollen. Klar hätte ich in China deutlich mehr Geld verdienen können, hätte aber auch auf Familie und Freunde, auf die Lokalpolitik und die Schiedsrichterei verzichten müssen. Während meines Aufenthalts in Berlin stellte sich in Wolfsburg heraus, dass es einen anderen Manager als Horst Heldt geben würde. Damit fiel mir die Absage hier leichter, und der Weg zu Union war frei. Nach China zu gehen, dazu war ich innerlich nicht bereit.

Also Köpenick, also zweite Bundesliga. Ich begann in der bereits laufenden Saison 2017/18, die sportlich eher durchwachsen war. Gut die Hälfte der Vereine hatte darauf spekuliert aufzusteigen. Die Erwartungen der meisten Vereine wurden in dieser Saison nicht erfüllt, und auch Union steckte bis zum Schluss im Abstiegskampf. Erst ein in Unterzahl erkämpfter knapper 1:0-Sieg beim FC St. Pauli am drittletzten Spieltag ließ alle aufatmen und machte die weitere Zugehörigkeit zur zweiten Bundesliga klar. Am Ende stiegen zwei frühere Deutsche Meister ab: Eintracht Braunschweig und der 1. FC Kaiserslautern.

Gesucht und gefunden: Trainer Urs Fischer. 
Gesucht und gefunden: Trainer Urs Fischer. Nikita Teryoshin

Wir kamen mit einem dicken blauen Auge davon, und im Mai 2018 gab es naturgemäß bei vielen Vereinen intensive Debatten. Die Lücke zwischen den Erwartungen und den Ergebnissen war einfach zu groß, als dass man weiter so arbeiten wollte. Auch bei Union wurde alles auf den Prüfstand gestellt. Es folgte der große Umbruch. Verdiente Spieler gingen, Trainer und Sportdirektor wurden getauscht bzw. ihre Verträge nicht weiter verlängert.

Das Präsidium lud auch mich zu einem Gespräch ein. Solche Situationen hatte ich schon zuvor erlebt. Ich rechnete mit allem. Doch es kam anders. Der Verein wollte eine interne Lösung. Er bot mir die Stelle des Geschäftsführers Profifußball an, statt jemanden von außen dafür zu engagieren. Wegen meiner Arbeit als Chefscout bei Union und davor als Manager in der Knappenschmiede waren die Verantwortlichen überzeugt, dass das gut funktionieren könnte. Das Präsidium ging ein Risiko ein, einen Newcomer und im Profifußball Unbekannten in diese Position zu hieven, doch man sagte mir, dass man von dieser Lösung überzeugt sei, egal, was die Öffentlichkeit davon halten würde.

Diese Tage waren nervenaufreibend. Der Präsident, Dirk Zingler, gab mir immerhin eine Nacht, um mich zu entscheiden. Ich musste auch damit zurechtkommen, Helmut zu beerben, der mich ja überhaupt erst zu Union geholt hatte. Mir war nicht wohl dabei. Das Präsidium von Union hatte aber klargemacht, dass es keinen Spielraum gibt. Es würde einen Neuanfang geben, ob ich mich für die Stelle entscheide oder nicht.

Ein Linker im Profifußball? Wie sollte das funktionieren ...

Ich habe dann kurz vor meiner Entscheidung noch mit Helmut Schulte gesprochen, und heute denke ich, dass das okay war. Erst wenige Minuten nach meiner Zusage und vor meiner Unterschrift redete ich dann zum ersten Mal mit dem Verein über vertragliche Inhalte und Dauer.

Kurz darauf begann schon die Saison 2018/19. Nach der Unterschrift stand ich als Geschäftsführer Profifußball zusammen mit dem Präsidenten Dirk Zingler auf dem Podium und wurde öffentlich vorgestellt. Wir legten dort unsere Ziele dar: erstens die Mannschaft zu stabilisieren, die in der vorigen Saison noch gegen den Abstieg gespielt hatte, zweitens als mittelfristiges Ziel in die erste Liga aufzusteigen. Medien und Öffentlichkeit waren zunächst ziemlich überrascht von der Entscheidung des Präsidiums, mich zum Geschäftsführer Profifußball zu ernennen, eine Stelle, die neu geschaffen worden war.

Die Fragen bei der Pressekonferenz nach meiner Beförderung zielten auch gleich auf meine Erfahrung. Wie wolle ich, aus dem Sauerland kommend und auf der obersten Leitungsebene des Profisports noch unerfahren, den 1. FC Union nach der enttäuschenden Vorsaison wieder auf Kurs bringen. Einige der Journalisten hatten mich offenkundig auch erst googeln müssen, denn plötzlich kamen auch Fragen zu meinem persönlichen Hintergrund auf. Ein Linker im Profifußball? Wie sollte das funktionieren ...

Urs Fischer sagte nach kurzer Bedenkzeit zu

Wir brachten die erste Pressekonferenz gut durch. Dirk Zingler beantwortete einzelne Nachfragen mit stoischer Ruhe und gab mir so das Gefühl, dass er tatsächlich an unseren Erfolg glaubte. Im Fokus der Fragen stand auch die wichtigste Personalentscheidung, denn der Umbruch war mit meiner Besetzung als Manager nur zur Hälfte vollzogen. Wir brauchten einen neuen Trainer. Uns blieben wenige Tage für Suche und Entscheidung. Das Feld der verfügbaren und passenden Kandidaten wurde sondiert und rasch auf drei eingegrenzt.

Urs Fischer war mir bei den Recherchen irgendwann gegen Mitternacht aufgefallen. Ich guckte und las mich fest und schaute mir viele Sequenzen seines Handelns bei den vorherigen Klubs in der Schweiz an. Es gefiel mir, was er beim FC Thun und dem FC Basel gemacht hatte. Sein Auftreten, seine Ruhe und die gut erkennbare Spielweise passten zu meinem Anforderungsprofil. Mit Norbert Elgert hatte ich bei der Schalker U19 einen ähnlichen Trainertyp, fachlich herausragend und zugleich mit klaren Ansagen und Ideen. Irgendwann in den Morgenstunden hatte sich meine Meinung gefestigt, dass Fischer der richtige Mann sein würde.

Ich wollte auch unbedingt jemanden, den die Spieler nicht alle gleich kannten. Keinen Trainer, der nach der schlechten Saison jetzt schon im Vorfeld von den Spielern via SMS oder WhatsApp seziert wird, und bei dem jeder irgendwen hatte, der ihm erzählt, was das für einer sei. Ich stand für einen Neuanfang, und mir war wichtig, dass auch der Trainer dafür steht. Fischer war der Spannendste der Kandidaten. Ich arrangierte ein Treffen mit ihm, Dirk Zingler und mir.

Dieses Treffen gab den entscheidenden Ausschlag für die erste wesentliche und folgenreiche Personalentscheidung seit meinem Antritt. Und wir entschieden uns wirklich schnell, denn schon nach dem ersten Meeting waren wir von Urs Fischer überzeugt. Nur ein weiteres Treffen war noch nötig. Urs Fischer sagte nach kurzer Bedenkzeit zu.